7 Fragen an Giovanna d'Amico

Dottoressa D'Amico, in jüngster Zeit konzentrierten Sie sich auf die nachkriegszeitliche Wiedergutmachungspolitik zur Entschädigung der politisch und rassistisch Verfolgten. Welche Möglichkeiten bietet Ihnen nun der Aufenthalt in Essen für Ihre geschichtswissenschaftliche Arbeit?
Der Aufenthalt in Deutschland ermöglicht es mir, ein offenes und kompetentes Wissenschaftsambiente kennenzulernen, in Kontakt mit Wissenschaftlern auf internationaler Ebene zu treten und von einem ertragreichen wissenschaftlichen Austausch zu profitieren. Wie zum Beispiel im Fall von Kosal Path, einem amerikanischen Politikwissenschaftler, der sich mit dem von den Roten Khmer verübten Genozid in Kambodscha beschäftigt und zu dem ich den Kontakt nun intensivieren konnte. Hier in Essen kann ich am akademischen Leben des Instituts, dessen Gast ich bin, teilnehmen, und darf auch in den internen Arbeitskreisen mitwirken, was in Italien nicht unbedingt üblich ist. Hier werden die Wissenschaftler automatisch über die Aktivitäten der Forschungszentren informiert, sodass sie, so oft sie wünschen, in die Mitarbeit einsteigen können. Wenn man in Italien keinen Lehrauftrag hat, bekommt man für gewöhnlich kein Büro zugeteilt, das mit allen Notwendigkeiten ausgestattet ist: vom Internetzugang bis zu verschiedenen anderen nützlichen Geräten, die bei der Arbeit von Vorteil sind - selbst wenn man es mit anderen Kollegen teilen würde. Dieser Aufenthalt bietet mir darüber hinaus die Gelegenheit, wissenschaftliche Texte ausfindig zu machen, die mir ermöglichen, meine Studie über Entschädigungsleistungen an rassistisch und politisch Verfolgte in vier verschiedenen Ländern fortzuführen, die ich als Post-Doc in Turin begonnen und 2006 wieder aufgenommen hatte, aber 2008 beenden musste.
Welches Ziel hat Ihre Arbeit?
Mein Ziel ist die Realisierung einer Geschichte der Historiographien Italiens, Deutschlands, Österreichs und Frankreichs. Mit meiner Arbeit möchte ich auf Basis bereits bestehender Studien die Problematiken des Themas umreißen, auch im Hinblick darauf, vergleichende Archivstudien in der Zukunft anzuregen. Wie bereits angedeutet, habe ich nach dem Doktorat zwei Jahre in Turin mit einer Förderung der Stiftung Compagnia di San Paolo gearbeitet, aber als sich die finanziellen Mittel erschöpft hatten, konnte ich mich leider nicht mehr mit dem Thema beschäftigen.
Ist die Art, wie in Italien und Frankreich, Deutschland und Österreich an die Rückerstattung der Güter und die Reintegration der Verfolgten in die Arbeitswelt herangegangen wurde, sehr unterschiedlich?
In der unmittelbaren Nachkriegszeit gab es in den Ländern Parallelen in der Gesetzgebung zur Restitution: die Alliierten übten indirekt Kontrolle über die Vorschriften aus wie im Fall von Italien, Frankreich und Österreich und auch direkt in der BRD. Beispielsweise gab es unter den ersten Maßnahmen die Verpflichtung für alle Bürger der vier Staaten, den vermeintlichen Besitz von Gütern, der aus dem Vermögen von Verfolgten stammte, welches von den Faschisten beschlagnahmt worden war, zu melden. In den folgenden Gesetzen zur Rückerstattung des Vermögens kann man dann entscheidende Unterschiede beobachten. Zum Beispiel wurde in Italien und auch teilweise in Frankreich, ganz anders als in der BRD und in Österreich, bei einem Drittel der Personen, die sich im Besitz eines Gutes sahen, das ursprünglich einem Verfolgten gehört hatte, eine Debatte über den „gutgläubigen Erwerb“ ausgelöst, damit es nicht zur Rückübertragung an den rechtmäßigen Eigentümer kommen konnte.
Gab es Länder, die dieses Thema stärker untersucht haben als andere?
Im Vergleich zu der mageren Literaturauswahl in Italien und Frankreich, wo das Thema erst Ende der neunziger Jahre relevant wurde, ist es beeindruckend, dass in Deutschland und in Österreich kurz nach der Vertreibung der Juden und anderen Opfern des Faschismus zahlreiche Studien vorgelegt wurden. Darüber hinaus ist in Italien fast nur von der Reintegration rassistisch Verfolgter die Rede und nicht von anderen Verfolgten; eine Achtlosigkeit, die sich, zwar in geringerem Maße, auch in der deutschen Geschichtsschreibung zeigt. Jedoch ist in den letzten zwanzig Jahren unsere Sensibilität für das Thema der Shoah allmählich gestiegen und dies spiegelt sich auch in allen vier Geschichtsschreibungen wider.
„I siciliani deportati nei campi di concentramento e di sterminio nazisti 1943-1945“ (Über sizilianische KZ-Deportierte und nazistische Vernichtungslager 1943-1945). So der Titel Ihres Buches. Wie kamen Sie dazu, sich mit dieser Thematik zu beschäftigen?
Das bei Sellerio erschienene Buch ist eine Vertiefung meiner Abschlussarbeit, die ich 1997 an der Università degli Studi di Catania geschrieben habe. Ich habe mich aus rein wissenschaftlichem Interesse an dieses Thema heran begeben, unter anderem forderten mich die großen Lücken in der Geschichtsschreibung heraus. Die Geschichte der Deportation wurde in Italien zwar ausgiebig, aber nur punktuell erforscht. Über einige Regionen wurde nichts geschrieben (und ist immer noch nichts geschrieben worden) und Sizilien gehörte zu der Zeit zu den unbeackerten Feldern. Neun von zehn Lageraugenzeugen, die ich persönlich interviewte, hatten noch nie mit jemandem über ihre Geschichte gesprochen. Dennoch konnte ich einen hohen Anteil an sizilianischen Deportierten in Konzentrationslagern nachweisen, 761 Personen, die größtenteils wegen des Krieges oder des Wehrdienstes vertrieben worden und nach dem 8. September in aller Welt verstreut waren.
Dass Sie Deutsch beherrschen, hat Ihnen mit Sicherheit geholfen, da Sie in dieser Sprache bis zu den Quellen vordringen konnten. Haben Sie wegen Ihrer geschichtswissenschaftlichen Arbeit angefangen, Deutsch zu lernen?
Wenn man sich mit Themen dieser Art beschäftigen will, ist die Kenntnis der deutschen Sprache unentbehrlich, sonst bleibt man ein Dilettant. Aber ich habe auch immer schon eine große Zuneigung zu Deutschland verspürt, die über den wissenschaftlichen Aspekt hinaus ging. Ich bin in Frankfurt am Main geboren, meine Eltern sind nach Deutschland emigriert, um dort zu arbeiten. Als ich acht Jahre alt war, haben sie entschieden, wieder nach Sizilien zurückzukehren, wo ich und meine zwei Brüder bisher nur die Ferien verbracht hatten. Das Deutsche habe ich nie mehr aktiv gebraucht. In Turin habe ich mich dann dazu entschlossen, mit dem Deutschlernen wieder anzufangen. Auch wenn gerade im Programm, in das ich eingeschleust wurde, nur Englischkenntnisse gefordert werden, sehe ich, wie viele Gelegenheiten einige meiner tüchtigen Kollegen aus dem Fellowship durch den Mangel an Deutschkenntnissen verpassen.
Was erwartet Sie bei Ihrer Rückkehr nach Turin?
Ein Haufen Arbeit; ich werde den Fachbereich vorbereiten und Treffen für Susanne Beer organisieren, die mit mir im selben Programm ist und erst nach Los Angeles geht, um dann hierher nach Turin zu kommen. Außerdem werde ich neue Finanzierungsmöglichkeiten suchen, um meine Arbeit über die Reintegration fortzuführen, die nun einen neuen Impuls durch meinen Besuch in Essen bekommen hat.
stellte die Fragen. Sie ist professionelle freiberufliche Journalistin und arbeitete unter anderem für Die Zeit und für WDR und ist Autorin des Buches "La deutsche vita", Hoffmann und Campe, 2004; Edizioni Seb27, 2007.
Giovanna D’Amico
promovierte in Geschichte an der Università degli Studi di Trento im Jahre 2004. Im Anschluss nahm sie an verschiedenen Arbeitsgruppen teil, u.a. an der Università degli Studi di Torino sowie auch in unabhängigen Forschungsstiftungen. Zu den Veröffentlichungen der gemeinsamen Forschungsarbeiten gehört das Buch "I deportati politici 1943-1945" (Die politisch Verfolgten 1943-1945), Mursia, 2009, zu dessen Co-Autorin sie zählt. Zuvor veröffentlichte sie im Jahre 2006 im Verlagshaus Sellerio das Buch "I siciliani deportati nei campi di concentramento e di sterminio nazisti 1943-1945" (Über sizilianische KZ-Deportierte und nazistische Vernichtungslager 1943-1945) und im Verlagshaus Bollati-Boringhieri "Quando l’eccezione diventa norma. La reintegrazione degli ebrei nell’Italia post-fascista" (Wenn die Ausnahme zur Norm wird. Die Reintegration der Juden im post-faschistischen Italien).
© Goethe-Institut Turin, Online-Redaktion
Übersetzung: Cora Rok
Januar 2012
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