Gesellschaft und Soziales

Wohin mit dem Müll?

Quelle: pixabay.comIn Deutschland funktioniert eine umweltethische Müllentsorgung besser als in Italien – aber auch hier gibt es Probleme




Brennende Berge von Mülltüten neben schwelenden Papierhaufen, dazwischen Passanten, die sich zum Schutz vor dem Gestank die Hand vor die Nase pressen – Jeder erinnert sich an die Bilder aus Neapel vor fünf Jahren. Die Müllberge sind 2008 entstanden, weil es in der Region zu wenige Verbrennungsanlagen und Deponien gab. Der Müll musste zur Entsorgung sogar nach Deutschland transportiert werden. Die westitalienische Camorra verhinderte eine funktionierende Entsorgung, um den Müll zu hohen Preisen selbst abzuholen. Dieser wurde dann nicht selten in die Landschaft entsorgt, und so Seen, Naturschutzgebiete und Wälder vergiftet.

Transportieren die Medien ein falsches Bild von Italien?

Quelle: pixabay.com„Dieses Bild von italienischer Müllentsorgung ist viel zu einseitig“, behauptet Renato, der Ingenieurswesen in Neapel studiert und im Moment ein Praktikum bei einem Technologiekonzern in München macht. „Ihr Deutschen geltet zwar immer als vorbildliche Müll-Trenner, aber so toll ist es hier auch nicht.“ Renato wohnt in Salerno, 50 Kilometer südöstlich von Neapel. Er trennt seinen Müll zu Hause ähnlich wie in Deutschland: Glas, Bio, Plastik und Restmüll.

Länderstudien widersprechen Renato auf den ersten Blick: Neue Zahlen von Eurostat, dem statistischen Amt der EU, zeigen, dass Deutschland 45 % seines Mülls recycelt und somit unter den europäischen Ländern Spitzenreiter ist. Italien hingegen gehört zur Schlussgruppe der Studie. Rund die Hälfte des Siedlungsmülls wird hier auf Deponien gelagert, die Recyclingrate liegt bei nur 20 Prozent.

Bereits 2008 startete die EU mit der sogenannten Abfallrahmenrichtlinie den Versuch, einen ethischeren Umgang mit Hausmüll in den 27 Mitgliedsstaaten durchzusetzen. Ansätze sind zum Beispiel überflüssigen Müll durch neue Verpackungsordnungen zu vermieden, Recyclingquoten zu erhöhen und Verbrennungsanlagen vor Deponien auszubauen.

Auch in Deutschland gibt es Schwierigkeiten

Blockade der Mülldeponie Schöneiche von Peter ZimmermannJedoch erfassen solche Studien, wie die obengenannte, nicht die Probleme der einzelnen Verfahren. So können Müllverbrennungsanlagen Umwelt und Anwohner gefährden, wenn freigesetzte Schadstoffe wie Stickoxide oder Schwermetalle nicht sorgfältig gefiltert werden. In Deutschland protestierten in den 1980er Jahren Bürgerinitiativen aus Angst vor Schadstoffen gegen den Bau von Müllverbrennungsanlagen. „Erst durch diese Proteste entstand die strenge Immissionsschutzverordnung, die wir heute haben“, sagt Günter Dehoust, Abfallexperte beim Öko-Institut. „Die Dioxinbelastung ist erst seit der Einführung von Grenzwerten auf ein Tausendstel gesunken.“

Allerdings sind in Deutschland durch den Umstieg auf Müllverbrennung neue ethische Probleme entstanden: Seit 2005 dürfen Restabfälle nicht mehr auf Deponien abgelagert werden. Die Entsorgungspreise stiegen und viele Privatunternehmer bauten Verbrennungsanlagen – zu viele. So konnten 2008 Verbrennungsanlagen in Sachsen und Bremerhaven italienischem Müll annehmen, um bei Neapels Kampf gegen den Abfall zu helfen. Nach Angaben des Hamburger Weltwirtschaftsinstituts importierte Deutschland 2012 rund eine Million Tonnen Müll. Eine Entwicklung, die beispielsweise Umweltverbände kritisieren, weil die Abfälle nicht dort entsorgt werden, wo sie entstehen.

Unterschiede innerhalb der italienischen Gemeinden

Betrachtet man die Unterschiede zwischen den italienischen Gemeinden, hat Renato Recht, wenn er die italienische Müllethik verteidigt. In seiner Heimat, der Provinz Salerno, hat sich vor allem seit sieben Jahren unter dem sozialdemokratischen Bürgermeister Vincenzo de Luca die Abfallentsorgung verändert. Heute liegt die Mülltrennungsquote in 1300 italienischen Gemeinden bei über 65 Prozent. In Salerno werden sogar 70 Prozent des Mülls getrennt und wiederverwertet.
Autorin: Eva Thöne
Copyright: Goethe-Institut Rom, Information & Bibliothek
Online-Redaktion
April 2013

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