Gesellschaft und Soziales

Hunger nach neuen Sounds – Daniel Haver von Native Instruments im Interview

Daniel Haver | © Native Instruments

Der Traum von leistungsstarken Synthesizern Mitte der Neunziger, eine künstliche Orgel, die glückliche Verbindung von Technik und Musik und Berlin als der Ort, wo das alles möglich ist – ein Interview mit Daniel Haver, Geschäftsführer des Berliner Musiksoftware-Unternehmens Native Instruments.

Herr Haver, Sie sind Geschäftsführer von Native Instruments, einer Firma für Musiksoftware und -hardware mit 350 Mitarbeitern. Sind Sie selber Musiker?

Ich spiele dilettantisch Gitarre und gebe auch mal den DJ auf der eigenen Party, aber Musiker im engeren Sinne bin ich sicher nicht.

Trotzdem sind Sie 1997 – ein Jahr nach Firmengründung – zu Native Instruments gegangen. Wie kam das?

Ich habe eine große Leidenschaft für Musik, vor allem für elektronische Sounds, und fand die Idee der beiden Gründer Stephan Schmitt und Volker Hinz toll. Aber das waren Ingenieure und Software-Entwickler, sie wussten nicht, wie man aus einer tollen Idee ein am Markt erfolgreiches Produkt macht und wie man ein international agierendes Unternehmen aufbaut. Ich bin dann an die beiden herangetreten und habe gesagt: „Ich glaube, ihr könntet jemanden wie mich gebrauchen“. Und dann waren wir uns schnell einig.

Hat Sie das große Geld gelockt?

Natürlich war mir die kommerzielle Perspektive bewusst und die hat mich auch gereizt. Tatsächlich aber haben die beiden damals in der Anfangsphase von Native Instruments kaum genug Umsatz gemacht, um davon leben zu können. Ich war daher auf eine gewisse finanzielle Durststrecke eingestellt und wurde vielmehr von der Idee motiviert, dabei mitzuhelfen, die Musikwelt zu verändern.

Es ging also nicht primär ums Geld. Ist das typisch für Startups?

Oft steht bei den Gründern eine Idee im Mittelpunkt, und die Firma ist dann nur das Mittel zum Zweck. Bei Native Instruments war das anfänglich auch so: Die Synthesizer von Yamaha, Roland und Korg haben damals den Markt dominiert – aber das waren große, teure Kisten. Stephan Schmitt, selbst Musiker, fühlte sich davon total limitiert und hat überlegt, wie er das überwinden kann.

Und wie?

Mit dem PC. Stephan war damals Mitte der Neunziger überzeugt, dass Computer bald leistungsstark genug sein würden, um damit viel leistungsstärkere Synthesizer bauen zu können. Der erste Software-Synthesizer von Native Instruments war dann „Generator“.

Damit konnten Musiker neue Sounds kreieren. Wer hat Generator als erstes ausprobiert?

Das waren vor allem die Produzenten und DJs aus der Berliner Techno-Szene, aber auch jemand wie Trent Reznor von den Nine Inch Nails war ganz früh dabei.

„Native Instruments wäre woanders kaum möglich gewesen“

Wie war es, das erste Mal „Generator“ live zu erleben?

Für uns war das pure Inspiration. Wir waren zwar immer für alle Musik-Genres offen, und der Hintergrund von Stephan Schmitt war tatsächlich eher der Jazz, aber ich und auch unser heutiger Chief Technical Officer Mate Galic, der einige Zeit nach mir zur Firma gestoßen ist, waren in der elektronischen Musik zuhause. Als wir dann später angefangen haben, eine DJ-Software zu entwickeln, war die Interaktion mit der Berliner Szene erneut sehr wichtig für uns.

Berlin war damals mit Clubs wie dem Tresor der Schmelztiegel für neue Musik. Wie wichtig war, die Firma in Berlin zu starten?

Sehr wichtig, Native Instruments wäre woanders kaum möglich gewesen. Du brauchst einfach das Feedback der Musiker. Du musst ihnen dein Produkt während der Entwicklung zeigen können und brauchst diese externe Inspirationsquelle. Der andere Punkt ist: Du benötigst auch Mitarbeiter, die ein besonderes Verständnis von Musik und Technik haben. Das findest du in Berlin viel eher als anderswo.

Sie haben 1999 mit der Software B4 Organ eine Orgel-Simulation entwickelt. Warum?

Wir haben uns immer als Instrumenten-Hersteller gesehen. Am Anfang haben unsere Produkte vor allem Musiker aus der elektronischen Musik-Szene genutzt, mit der Software-Emulation einer Hammond-Orgel haben wir uns dann deutlich geöffnet.

Gab es Vorbehalte gegenüber der künstlichen Orgel?

Natürlich gab es die, sehr ausgeprägt sogar, aber die konnten wir rasch ausräumen. Musiker sind sehr klangbewusst, da geht es vor allem um Sound. Wenn du einem erfahrenen Orgelspieler die B4-Software zeigst und es klingt amtlich, dann sagt der „Alright!“. Eine originale Hammond-Orgel ist außerdem ein richtig schweres Teil, mit unserer Software-Version waren Musiker viel mobiler.

„Der Hunger nach neuen Sounds ist unendlich“

Was war der Ritterschlag für die Firma?

Das war genau diese Zeit. Du hast auf einmal erfahren, dass Hans Zimmer oder Stevie Wonder dein Zeug gut finden – jedesmal ein kleiner Ritterschlag. Das Jahr 1999 war der Beleg für die Firma und die Welt, dass man klassische Instrumente als Software nachbilden kann. Später habe ich auch mal in der Berliner Philharmonie bei Sir Simon Rattle einen Software-Synthesizer von uns live auf der Bühne gehört. Inmitten des großen Orchesters. Das war für mich ein weiterer Höhepunkt, denn es zeigte auf besondere Weise, wie breit das Anwendungsspektrum für unsere Instrumente geworden war.

Native Instruments gehört in der Berliner Musik-Szene zu den alten Hasen. Wann war der Moment, als Sie sich nicht mehr als Startup gesehen haben?

Das ist gar nicht so einfach. Wann ist man kein Startup mehr? Es hat etwas mit Größe, Reife, Firmenkultur und natürlich den Zahlen zu tun. Wir haben sehr viel investiert und so die Basis für vieles von dem geschaffen, was Native Insturments heute ist. Unser erstes wirklich profitables Jahr kam erst relativ spät, nämlich 2004.

Glauben Sie, Startups haben es heute einfacher als damals?

Ein wenig. Ich denke, es gibt heute mehr Infrastruktur, Förderprogramme und Investoren für Startups in Europa. Damals war die Welt noch nicht ganz so global, heute ist Silicon Valley für Berlin sehr nah.

Was ist das nächste große Ding?

Es geht viel um Usability, also um die Bedienung. Aber der Hunger nach neuen Sounds und Instrumenten ist unendlich. Als ich damals hier anfing, habe ich geglaubt, es wird irgendwann einen Punkt geben, an dem wir was anderes machen müssen. Weit gefehlt! Die Leute wollen immer wieder frische Klänge, und es gibt auch für uns noch so viele Möglichkeiten und Herausforderungen in diesem Bereich. Inzwischen entwickeln wir fast jeden Monat ein neues Instrument.
Johannes Wendt
absolviert die Deutsche Journalistenschule in München. In Berlin arbeitet er als freier Journalist unter anderem für „Die Zeit“, „Zeit Online“ und „DRadio Wissen“.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Juni 2013

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