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Bill statt Brecht: Tokio Hotel erobern die Welt

Tokio Hotel im Club Fillmore NY in New York. Foto: Alexander Engelen, Copyright: laut.deAls sich im Februar 2008 in New York eine Schlange aus kreischenden Mädchen bildete, schien die Sache klar: Eine Boyband tritt auf. Dennoch hatte diese Szene etwas Überraschendes, denn die Liebesbekundungen in Form von Plakaten und T-Shirts waren nicht auf Englisch, sondern auf Deutsch. „Bill, ess briiingt miiiisch oummm“, sangen die meist weiblichen Zuschauer beim Auftritt von Tokio Hotel im legendären Club Fillmore NY, in dem bereits Led Zeppelin, Pink Floyd oder die Red Hot Chili Peppers das Publikum begeisterten.

Völlig überraschend hatte die Band nach Europa mit ihrem ersten transatlantischen Besuch auch die USA erobert. Die meisten deutschen Medien reagierten eher belustigt, versuchten aber auch, eine Erklärung für das Phänomen zu finden. Wie kommt es dazu, dass vier gerade mal volljährige Jugendliche aus dem ostdeutschen Magdeburg weltweit zu Ikonen der Jugenkultur, gar zu Sexsymbolen avancieren?

Haare wie ein Stachelschwein

Haare wie ein Stachelschwein. Bill Kaulitz, der Sänger von Tokio Hotel. Foto/Copyright: Jens BoldtZweifellos spielt der Look eine große Rolle. Sänger Bill trägt Haare wie ein Stachelschwein, umrandet seine Augen mit Kajal und kleidet sich wie ein Punk, womit er einem japanischen Manga entsprungen scheint. Der Gitarrist Tom, Bills eineiiger Zwillingsbruder, bevorzugt zottelige Rasta-Locken und weite Hip-Hop-Klamotten. In Fan-Foren ist die Auseinandersetzung mit dem Aussehen der Geschwister genauso intensiv wie mit der Musik.

Natürlich ist auch Geld im Spiel. Tokio Hotels Label Universal gehört zu den größten der Branche und hat keine Mühen gescheut, das Quartett über Webseiten, Werbekampagnen und eigene Zeitschriften dem jugendlichen Volk schmackhaft zu machen. Das allein reicht aber als Erklärung nicht aus, wenn man bedenkt, dass nur etwa ein Zehntel aller Künstler den Plattenfirmen einen Gewinn beschert. Einen neuen Act zu promoten birgt also immer ein großes Risiko. Das dachte sich mit SonyBMG auch ein weiterer Platzhirsch der Branche, der Tokio Hotel unter Vertrag genommen hatte, ihnen aber vor dem Durchbruch 2005 kündigte.

Mund-Propaganda in neuem Gewand

 Tokio Hotel is über amazing. Fan-Kritzelei in New York. Foto: Alexander Engelen, Copyright: laut.de

Eine weitere Rolle spielen Internet-Plattformen wie YouTube und MySpace, auf denen sich neue Trends wie ein Lauffeuer verbreiten. Es handelt sich um klassische Mund-Propaganda in neuem Gewand, die internationale Barrieren überwinden kann. Und auch sprachliche, denn genau darin liegt das Überraschendste am Erfolg von Tokio Hotel: Die meisten ihrer Texte singen sie auf Deutsch.

Das haben schon andere vor ihnen getan. Kraftwerk zum Beispiel, die mit Autobahn im Ausland den Mythos der freien Fahrt für schnelle Bürger mitbegründet haben. Nina Hagen ist wegen ihrer schrillen Auftritte in den USA nach wie vor ein bekannter Name, ebenso wie Nena, die 1983 mit 99 Luftballons Platz zwei der US-Charts erreichte. Seit Ende der 1990er-Jahre sind Rammstein der erfolgreichste Musikexport auf Deutsch. Mit explosivem Bühnenbild, brachialen Arrangements und manchmal umstrittenen Texten bedienen sie das Klischee der erbarmungslosen wie finsteren Teutonen.

Deutschsprachige Graffiti in Rom

 Rasta-Frisur und Hip-Hop-Klamotten. Der Tokio-Hotel-Gitarrist Tom Kaulitz. Foto/Copyright: Jens BoldtDoch Tokio Hotel haben zusätzlich etwas Außerordentliches vollbracht: Sie haben ein großes Interesse an der deutschen Sprache geweckt. „Deutsch ist sexy“, erklären zwei Besucherinnen des Konzerts in New York dem Magazin Focus. „Junge Amerikaner und Kanadier haben eigens Deutsch gelernt, um die Texte besser zu verstehen“, berichtet Wolfram Herrmann vom Goethe-Institut in Boston. „Das Interesse ist groß“, bestätigt seine Kollegin Elisa Costa aus Rom. In Italien haben sich zehn Prozent mehr Jugendliche zwischen elf und 16 Jahren zu Deutschkursen angemeldet. In Frankreich sind es nach Angaben des Spiegels gar 25 Prozent. An einem Gewinnspiel auf der italienischen Website des Instituts nahmen in zwei Wochen 5.000 Personen teil, um 100 Eintrittskarten zu ergattern. Die Fragen mussten sie auf Deutsch beantworten. In der U-Bahn der italienischen Hauptstadt sind Graffiti mit den Namen der Bandmitglieder und Sprüchen wie „ich liebe dich“ oder „du bist mein Engel“ aufgetaucht.

Das Potenzial lässt sich auch daran erkennen, dass in Palermo wie in Istanbul, New York und Paris T-Shirts, Poster und Biografien an jeder Ecke erhältlich sind. Zudem haben Tokio Hotel die Tür für den möglichen internationalen Durchbruch weiterer junger deutscher Bands wie Cinema Bizarre oder Nevada Tan geöffnet. Deshalb planen europäische wie nordamerikanische Goethe-Institute weitere Online-Aktionen und Zusammenarbeiten mit Schulen und der Presse, um damit auch die Verbreitung der deutschen Sprache zu erhöhen.

Jung, überraschend und sexy

Auf diese Weise soll gelingen, was Hesse, Goethe oder Grass nicht vermocht haben. „Wir häm unns toadgeliiebt“, singen unisono die Besucher des Fillmore NY. Das klingt nicht ganz so elegant wie „In allen Wipfeln spürest du kaum einen Hauch“, weshalb sich seriöse Presse und staatliche Institutionen zunächst schwer damit getan haben, auf den rollenden Zug zu springen. Kann eine Band mit abenteuerlicher Haarmode und Texten voller jugendlichem Weltschmerz tatsächlich den soliden Exportweltmeister repräsentieren?

 Gute Besserung. Tokio-Hotel-Fans in Moskau. Foto/Copyright: Maria PawlowaDie Antwort liefern die Fans. Wie in Deutschland harren sie in Genf, Tel Aviv oder Moskau tagelang im Freien aus, um sich beim Auftritt die besten Plätze zu sichern. Es ist schwierig, die Ursachen für die Begeisterung um Tokio Hotel auf eine einfache Formel zu reduzieren. Sicher ist, dass es ihnen gelungen ist, ein neues Deutschlandbild in der Welt zu verbreiten: jung, überraschend und sexy.

Giuliano Benassi
ist Redakteur beim Online-Musikmagazin LAUT.de

Copyright: Goethe-Institut e.V., Online-Redaktion

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Juli 2008

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