Märchenhafte Momente

Märchenhafte Momente
Die Gewinner

Liebe Teilnehmer,

unsere Jury hat sich zusammengesetzt und alle Beiträge gelesen. Es war nicht einfach, unter den zahlreichen „märchenhaften Momente“, die uns bewegt, unterhalten oder zum Nachdenken gebracht haben, einen Sieger zu ermitteln. Letzen Endes haben Katja Lange-Müller, Ulli Petzold, Matteo Caccia und Edoardo Vigna eine, wenn auch schwierige, Entscheidung getroffen.

Die Gewinnerinnen sind:

Mariagrazia Dessi

aus Dolianova (Provinz Cagliari),
die ein Wochenende in Berlin gewinnt.

Marianne Vier

aus Bad Lippspringe,
die ein Wochenende nach Rom reist.

Dies sind ihre märchenhaften Momente:

Eichstädter Warte (mittelalterlicher Wehrturm, Höhe 15,7 m. © picture-alliance / akg-images / Schuetze / Rodemann Ein märchenhafter Moment ist, wenn man mit weißen, starken Zähnen kraftvoll in einen Apfel beisst, nachdem man zuvor geträumt hatte, alle Zähne verloren zu haben.
Mariagrazia Dessi

Erzählstunde in einer Gruppe von Menschen die alle an Demenz erkrankt sind. Ich erzähle „Rumpelstilzchen“ und bin gerade an der Stelle: ...heute back ich, morgen brau ich, übermorgen hole ich der Königin ihr Kind..., da hebt Herr R. seinen Kopf (ich dachte er schläft) und sagt: „Rumpelstilzchen“, und ich sehe ihm, an welche Freude es für ihn ist, sich zu erinnern. Herr R. weiß nicht einmal mehr wie er selber heißt.
P.S. Es gibt doch sooo viele „grausame“ Dinge in den Märchen, aber wir sagen nie: Es war märchenhaft schrecklich, sondern nur märchenhaft schön! ;)

Marianne Vier

Eine Auswahl unserer tollen Gadgets gewinnen:

Massimiliano Aquilino, Italien
Dong – Dong – Dong – Dong – Dong: Fünf Schläge der Pendeluhr und aus der Ferne das „Firiuuu, Firiii“ eines Dudelsacks. Meine Großmutter sagt zu mir: „Steh auf, die Musik kommt!“. Wir gehen hinaus in die kalte Morgenluft: Es ist Weihnachten.

Rossana Carturan, Italien
Istanbul.
Der Ausblick von meinem Fenster war tatsächlich atemberaubend: Hagia Sophia und die blaue Moschee auf der rechten Seite, während die linke Seite Asien überlassen wurde, vom Bosporus getrennt, einem Wasserarm, der bis zum Horizont reichte. Es war schwierig, sich nicht in diesen Anblick zu verlieben oder zu glauben, dass man ihn in sich aufnehmen könnte ohne einen kleinen Seufzer, eine Beklemmung in der Brust. Die Sonne entflammte sich zwischen den Wellen, so wie in den Erzählungen von Proust, und ich war in den Geheimnissen verloren, die das ferne Schwarze Meer in seinen Kräuselungen hütete. Ich lauschte dem Körper, der im Bauch die weichen Bewegungen meines Sohnes aufnahm.


Fabrizio Corghi, Italien
Ich geh die Treppen hinauf, zwei Stufen auf einmal nehmend, denn es ist schon spät… ich wusste, dass es so kommen würde… ich stecke den Schlüssel in das Schlüsselloch, drehe ihn um und gehe hinein: es ist komplett dunkel… Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Papa, von Maria, Leonardo und Mattia!

Roberto Di Vito, Italien
Wenn ich nicht bemerke, wie die Zeit vergeht.

Sandra Eisener, Deutschland
Es war an einem Tag Anfang Mai, der frische Wind scheuchte die Wolken über das Himmelsfeld und nur wenige hartgesottene Schwimmer zogen ihre Bahnen im kalten Wasser. Da kam eine Entendame hinzu, legte zuerst noch einige Federn zurecht und gleitete dann anmutig ins Becken. Wie sie sich da so treiben ließ, den aufmerksamen Blick immer auf den jungen Leistungssportler gerichtet, schien sie trotz ihres offensichtlichen Wohlbehagens etwas zu vermissen, auf etwas zu hoffen…

Ingrid Gentile, Italien
Mein besonderer märchenhafter Moment ist, wenn ich mit meinem geliebten Kater Nelson durch Rom spazieren gehe. Nelson wurde in England geboren, und für uns ist es etwas Wundervolles, wenn wir zusammen zum Cimitero degli acattolici (Friedhof der Nichtkatholiken) in der Nähe der Cestius-Pyramide gehen und an den Gräbern seiner berühmten Landsmänner Keats, Shelley und Severn vorbeistreifen. Das ist unsere ganz spezielle Tradition, die Nelson und ich seit vielen Jahren pflegen.

Olivetta Gentilin, Deutschland
In der Hand mein Lieblingsbuch, ich schlage es auf, genau da, wo ich mitten in eine schneebedeckte Landschaft versetzt werde: eine herrliche Ruhe, keine Fußtritte, nur die raschelnde Musik eines Vogels, der sich die Flocken vom Schwanz abschüttelt.

Elisa Giovannini, Italien
Letzten Sommer habe ich auf den Felsen am Meeresufer einen Jungen sitzen gesehen, der auf die unendliche Weite des Meeres blickte. In seinen Armen hielt er einen kleinen Hund. Plötzlich tauchte ein Delphin an der Meeresoberfläche auf. Der Junge sprang auf, lachte und zeigte ihn begeistert seinem Hund. Das saphirblaue Meer, das zauberhafte Geräusch des Windes und die Freude in den Augen dieses Jungen gaben diesem Tag einen kleinen aber wundervollen Zauber.

Lisa Golze, Deutschland
Ich wache auf. Jeden Morgen. Wenn ich nicht gestorben bin.

Peter Honold, Deutschland
Früh am Morgen auf einem Traktor mitfahren, der Wind im Gesicht, gerade wenn die Sonne aufgeht und das Feld noch vom Tau glitzert. Dabei zusehen, wie sich der Reifen in den feinen Boden einwalgt, Spuren hinterlässt und der Stoßdämpfer sich hin- und herbewegt. Das Geräusch des Motors im Hintergrund, die getane Arbeit im Rückspiegel betrachten und sich an der neuen Technik erfreuen.

Annika Kelm, Deutschland
Ungefähr ein Jahr vor meiner Zeugung stellten Ärzte bei meiner Mutter Unfruchtbarkeit fest. Eines Nachts sollte man am Himmel über Dresden Sternschnuppen bewundern können und meine Mutter sagte: „Heute bei dem mit Wolken verhangenen Himmel Sternschnuppen zu sehen ist genauso unwahrscheinlich wie ein zweites Kind“. Dass meine Eltern doch eine gesehen haben muss ich jetzt sicherlich nicht mehr hinzufügen.

Alberto Longhi, Italien
Nach dem Abendessen gingen Laura, Pawel, Bogusia und ich auf das verschneite Straßenpflaster raus, nur mit einer Tüte trockenem Brot liefen wir durch die Via Grodzka: Steif und etwas seltsam durch die schneidende Kälte brachen wir in Lachkrämpfe aus und stießen Atemwolken aus. Dann ließen wir auf der linken Seite die Burgfestung zurück, und kämpften uns durch den frischen Schnee zum Ufer der Weichsel durch, weit weg von den Straßenlaternen, wo uns der Zauber der dunklen Stille und der Hauch der Wasserfläche einhüllte. Und dort zerbrachen wir wortlos das Brot in kleine Stücke und schenkten unseren Schatz den Schwänen, denn es war noch zu früh, um wieder heimzukehren.

Damaris Oehler, Deutschland
An jenem Tag nahm das kleine Mädchen meine Hand und lächelte mich vertrauensvoll an. Ich wusste nicht, dass sie niemals meinen Namen sprechen würde oder mit mir über die Wiese tollen könnte, aber in diesem märchenhaften Moment wusste ich, dass ich sie für immer vorbehaltlos lieben würde, und sie meine Einstellung zum Leben für immer veränderte.

Paul Riemann, Deutschland
Sie erwacht aus ihrem Dämmer, glitzert ihre Augen, spricht: „Ich geh weg. Weit weg.“, streckt die geballte Faust in die Höhe: „Nach Amerika!“. „Wo denn hin, Oma? Mit dem Flieger oder mit dem Dampfschiff? Und wen nimmst du mit?“, fragen wir und sie: „Hm, beides. Ich kenne keine Städte, ich hab da viele Freunde. Paulchen kommt mit. Mein Paulchen kommt überall hin mit“. Und die Gegenfrage „Und wir?“ wird schlicht beantwortet mit: „Ihr? Ihr bleibt hier“. Während wir weiter essen und reden, glitzert sie weiter; nach innen, nach Amerika.

Paola Righetti, Italien
Wenn es Zeit ist für die Märchenstunde in einem Kindergarten am Comer See, dann öffnet sich die Falttür für ein Treffen eines ganz süßen literarischen Indianerstamms. Eine kleine Hand auf dem Rucksack, der über meiner Schulter hängt, und zwei wacklige Schritte reichen mir das Buch, während ein fideles Stimmchen von dem Wal redet, von dem ich vor sieben Tagen erzählt hatte. Das ist mein märchenhafter Moment, diese zauberhafte Aufnahme, die mir diese kleinen Menschen auf ihre ganz eigene Art bereiten und mich immer wieder jeden Mittwoch um 10:30 Uhr zu ihrem Häuptling „Es war einmal…“ machen.

Cosima Santoro, Deutschland
Die Märchen der Gebrüder Grimm hatte ich immer bei mir und legte sie beim Schlafen unter mein Kopfkissen, aus Sorge sie könnten von einem Tag zum anderen, wie eben in einem Märchen, verschwinden, oder noch viel schlimmer, mir genommen werden. Das dicke Buch mit dem goldenen geschwungenen „G“ kam von unseren Vermietern, die wir nicht kannten, weil sie in Amerika lebten. Für mich sechsjähriges, apulisches Gastarbeiterkind im grauen, verregneten Köln, war das unerwartete Geschenk alles, ein ganzes, vollkommenes, märchenhaftes Universum, das, wenn die Eltern bei der Arbeit waren, die Langeweile und Einsamkeit in der dunklen Kölner Hinterhofwohnung verscheuchte.

Rosanna Spinazzola, Italien
Eine Tür öffnet sich: auf dem Papier treffen sich Wörter, hinter den Augen explodieren Galaxien. Der Geist lehnt sich vor, um besser sehen zu können, und stürzt hinein. Alle nennen es Lesen, ich aber nenne es nach Hause kommen.

Rosaria Stasolla, Italien
Ein märchenhafter Moment ist für mich, wenn meine Großmutter, die an Alzheimer erkrankt ist, mir einen Kuss gibt und es mir nichts ausmacht,dass sie mich für einen fremden Menschen hält.

Renate Voget, Deutschland
Es war einmal... oder waren es viele Male... ein Fußballspiel, das auf teuren Sendern übertragen wurde. Doch statt sich zu grämen, fanden sich tausende von Menschen frohen Mutes in der Altstadt ein, um das Spiel zu schauen und diesen Moment gemeinsam zu genießen. Denn jeder weiß: es gibt nichts Märchenhafteres, als im Sommer in einem lauschigen Biergarten barfuß zu sitzen, mit einem kalten Altbier vor, dem glitzernden Rhein neben und einem einstimmigen Jubelruf hinter sich.

Karin Wittinger, Deutschland
Gedankenverloren wandern meine Augen zu den weißen Lilien auf dem Tisch und bleiben an einer Knospe hängen. Jemand hat mir einmal erzählt, dass die geschlossenen Blüten einen leisen Knall erzeugen, wenn sie sich öffnen. Als ich weiterlese, durchbricht ein leises, dumpfes Geräusch die Stille und ich werde ganz unverhofft zum Zeugen dieses zauberhaften Augenblicks, in dem eine Knospe sich langsam zur vollen Blüte in ihrer ganzen Schönheit entfaltet.

Wir danken noch einmal allen, die an unserem Wettbewerben teilgenommen haben und mit uns ihre märchenhaften Momente, aber auch Momente aus ihrem Leben geteilt haben!