Pia Valentinis (1965). Über die Entstehung eines Buches
„Das Illustrieren von Kinderbüchern ist mein Beruf. Auch wenn ich mich an den Text und die spezifischen Anforderungen halte, arbeite ich dabei unweigerlich auch meine eigenen Gedanken ein. Dabei verweben sich Alltagserlebnisse mit den Geschichten.“ Mit diesen Worten beschreibt Pia Valentinis ihre Arbeitsweise, bei der das Erzählen mit Figuren aus dem Eintauchen in die dingliche Realität der Gegenwart entsteht.
Bei ihr entsteht das Erzählen mit Figuren aus dem Eintauchen in die Realität der Dinge und in die Gegenwart. Auch dann, wenn eine Geschichte in vergangenen und offensichtlich weit von der Gegenwart zeitlich weit entfernten Räumen spielt, behält die Illustratorin ihre Perspektive aus dem Hier und Jetzt immer bei.
Ihr Interesse für Haushaltsgegenstände und Straßenobjekte dringt daher bis in den griechischen Mythos vor, etwa in Un chicco di melograno (Text von Massimo Scotti). Darin geht es um die Geschichte von Demeter, wie sie Homer erzählt. Auf einem der ersten Bilder ist ein Meer aus Haushaltsmüll zu sehen, aus dem eine Waschmaschine, ein kaputter Schirm, eine Glühlampe und ein Computerbildschirm hervorragen. Fahrräder und weggeworfene Dosen finden sich überraschend auch in majestätischen Landschaften, etwa in Raccontare gli alberi (gemeinsam mit Mauro Evangelista), wo latent oder offen immer ein mit unserem Sein oder Handeln oder unseren Mängeln verbundenes Element präsent ist. Andernfalls wäre die Geschichte in den Augen von Valentinis weniger authentisch.
Geschichten von Orten
Orte können unterschiedliche Eindrücke hervorrufen. Ob es sich um einen Hintergrund handelt oder um einen Gesprächspartner mit ähnlichen Fähigkeiten wie ein Lebewesen. Zweifelsohne ist die zweite Variante für eine Illustratorin wie Pia Valentinis die bessere. Das besondere Verhältnis der Illustratorin zur Landschaft geht zum Teil auf autobiographische Elemente zurück.
Pia Valentinis ist in Udine im Friaul geboren und aufgewachsen. Mit Anfang zwanzig entschied sie sich mit Sardinien für eine Insel und mit Cagliari für eine Stadt am Meer. Ihre künstlerische Aktivität und ihr Wohnort scheinen von da an eng miteinander verbunden zu sein. Nicht nur, weil in Valentinis Bildern immer wieder das Meer als eigenständige Figur auftaucht. Nach Möglichkeit durchstreift sie die unterschiedlichen Stadtviertel von Cagliari bei langen Spaziergängen, um dort ihre Motive zu suchen und im Freien zu zeichnen. „Bevor ich anfange zu zeichnen, schaue ich immer. Ich erfinde nichts", sagt Pia Valentinis in einem in dem Blog „Le figure dei libri" veröffentlichten Interview. Dieser Ansatz hat in letzter Zeit zu unterschiedlichen Erfahrungen geführt. Z.B. zur Erstellung mehrerer Landkarten der Umgebung zu didaktischen Zwecken für Grundschulkinder, die beim Zeichnen lernen, wie man beobachtet und Landschaften erzählt. Oder auch zu derzeit in Arbeit befindlichen Buchprojekten über italienische Landschaften und Städte.
Musik, Dichtung, Geheimnis, Ironie
Die Bücher von Pia Valentinis weisen auf den ersten Blick offensichtliche Gemeinsamkeiten auf. Einige Autoren tauchen mehrfach auf wie z.B. Bruno Tognolini. Bei der Veröffentlichung einzelner Bücher entsteht gar ein Netz aus Illustratorin und Schriftsteller, Herausgeber, Verleger und weiteren Illustratoren. Dichtung und Musik interessieren und begeistern Valentinis immer aufs Neue.
Eine Figur scheint mehr als alle anderen den Funken in Pia Valentinis Bildern zum Überspringen zu bringen. Es ist Chiara Carminati, auch sie aus Udine und auch sie im Umfeld der dichterischen wie musikalischen Produktion beheimatet. Dem Rhythmus und der Musikalität der Sprache stellt Valentinis Rhythmus und Musik in Form von Schwarz und Weiß gegenüber. Weniger anstatt mehr, bzw. weniger Farbe, weniger Verschwendung lautet die Botschaft des schlichten Stils der Illustratorin. Damit erinnert sie an Edward Gorey und gleichzeitig an prähistorische Graffiti. La duda ist das am stärksten philosophisch geprägte Buch, das Pia Valentinis geschrieben und illustriert hat. Es erfüllt eine besondere Funktion, denn es wirft Licht auf andere Qualitäten, auf die Freude am Denken und am Provozieren von Fragen durch Bilder, auf die Ironie und die Lust an der Diskretion.
Ein kollektives Projekt
Raccontare gli alberi hat viel positive Kritik geerntet. Vor allem wegen der dabei angewandten kollektiven Arbeitsweise, die auf die Figur des Editors zugeschnitten ist, wie Giovanna Zoboli in ihrem blog auf Topipittori herausgearbeitet hat. An der Entstehung von Raccontare gli alberi waren neben Pia Valentinis der Illustrator Mauro Evangelista, Paola Parazzoli als Editor und Kuratorin, die Schriftstellerin und Dichterin Giusi Quarenghi für die Texte und die Graphikerin Mariagrazia Rocchetti beteiligt. Das Ergebnis ist eine Reise innerhalb des Reisens, die Botanik, Literatur, Zeichenkunst, Landschaft, Farbe sowie Arten des Sehens, Dokumentierens und Gehens berührt.
Auszeichnungen
- Super Premio Andersen 2012 für Raccontare gli alberi
- Premio Andersen XXI. Ausgabe als beste Illustratorin
- P. Valentinis, C. Carminati, B. Tognolini, Rime chiaroscure, Rizzoli 2012
- P. Valentinis, M. Evangelista, Raccontare gli alberi, Rizzoli 2012
- P. Valentinis, C. Carminati, L'ultima fuga di Bach, rueBallu edizioni 2012
- P. Valentinis, La duda, Libros Del Zorro Rojo 2010
- P. Valentinis, B. Tognolini, Mammalingua, Editrice Il Castoro 2008
- P. Valentinis, C. Carminati, Le quattro stagioni, Rizzoli 2008
- P. Valentinis, C. Carminati, Quadri di un'esposizione, Rizzoli 2007
- P. Valentinis, M. Scotti, Un chicco di melograno, Topipittori 2006
- P. Valentinis, V. Lamarque, Perino e il lupo, Fabbri 2003



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