In Deutschland

Eindrücke von der Leipziger Buchmesse 2012:
Piratenkapitän bröselt los!

Copyright: Leipziger BuchmesseCopyrigth: PapierfresserchenverlagAlle an Bord! Holzbein-Jockel dreht schon an der Ankerwinde…
Rolf Waiblinger stellt sein neues Kinderbuch „Seeräuberkapitän Semmelbrösel“ vor, erschienen im Papierfresserchen-Verlag.

Es ist eng in der Lesebude, aber wenigstens angenehm kühl. Aufgeregte Kinder rennen zwischen den weißen Sitzballen hin und her, erschöpfte Eltern belegen apathisch die hinteren Bänke. Immer noch drängen neue Besucher nach, doch es hilft nichts: jeder verfügbare Platz ist mindestens einfach besetzt, wenn sich nicht gar die Enkel auf den Schößen ihrer Großmütter stapeln.

Ich zücke meinen Stift und warte. Zwei Frauen hantieren umständlich an einem Beamer und plötzlich prangt das Titelbild von „Seeräuberkapitän Semmelbrösel“ an der Wand gegenüber. Im gleichen Moment setzt Rolf Waiblinger sich auf einen Stuhl davor und schlägt sein Buch auf. Dass bei seinen begrüßenden Worten sofort Ruhe einkehrt, wäre zu viel gesagt.

„Kennt ihr eigentlich den Seeräuberkapitän Semmelbrösel? Nein? Nun, den kennen nicht viele. Genauer gesagt kennt ihn praktisch niemand. Und wisst ihr auch warum? Nein? Klar, das könnt ihr auch gar nicht wissen. Deshalb will ich euch gerne erzählen, wer der Seeräuberkapitän Semmelbrösel war, den niemand kennt, und wie es so weit kam.“

Copyright: Papierfresserchen Verlag

Es ist der Anfang des Buches, den er vorträgt, aber er liest nicht. Er blickt die vor ihm versammelten Kinder aufmerksam an, spricht deutlich, ja begeistert. Die Erzählerfreude in seiner Stimme tut ihre Wirkung, der Lärmpegel sinkt deutlich.
Was folgt, ist eine der schönsten Kindergeschichten, die ich je gehört habe: Vom Augenklappen-Fredel im Ausguck, der – wie auch immer – durch seine zwei Augenbinden das nächste Beuteschiff ausmacht, vom schießwütigen Pistolen-Seppel, der ebenso zielsicher wie erfolglos die Notwendigkeit erkennt, neben Gold auch Nahrung im Laderaum der Crazy Seahorse zu horten, und natürlich vom gefürchteten Kapitän Jack selbst, der - auf die Allmacht des Goldes vertrauend - vergisst, das die weite See keine Lebensmittelgeschäfte bereit hält.

Zu jeder Seite, die Rolf Waiblinger im wahrsten Sinne des Wortes vorspielt, wird das entsprechende Bild hinter ihm an die Wand geworfen. Er zaubert das Rauschen der See hervor, das Donnern der Kanonen und das kampflustige Gelächter der Piraten. Seine Sprache ist einfach, aber nicht banal, die Geschichte voll liebenswerten Humors und in einen so wunderbaren Erzählrahmen gepasst, dass der armselige Applaus am Ende der Lesung nur von der Ignoranz der Zuhörer zeugt.

Tatsächlich ist es ausgesprochen betrüblich, dass nur ein kleiner Teil der Kinder und ein noch kleinerer der Erwachsenen an den vielen drolligen Stellen ein Schmunzeln auf die Lippen gebracht hat.

Copyright: Papierfresserchen VerlagWer sich jedoch für eine herrlich ideenreiche Piratengeschichte mit putzigem Ausgang interessiert, dem kann ich nur empfehlen, selbst herauszufinden, wie der weltberühmte Kapitän Jack zum unbekannten Kapitän Semmelbrösel wurde – oder weshalb der Zwölfmesser-Hansel am Ende mit elf Messern vorlieb nehmen muss.

Mit diesem Schlussplädoyer für gute Literatur schließe ich meinen kleinen Erlebnisbericht von der Leipziger Buchmesse. Das Notizbuch ist voll und es drängt mich, in der antiquarischen Buchhandlung wieder einmal viel zu viel Geld auszugeben. Tschüss!

Franz Löbling
Copyright: Goethe-Institut Italien, Information und Bibliothek
Online-Redaktion
Mai 2012

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