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Comics made in Germany

Volker Reiche: Strizz. Das fünfte Jahr. Frankfurt am Main: Frankfurter Allgemeine Buch, 2007 Volker ReicheLupo modern. Grünwald bei München: Kauka-Verl., 1965 World Copyright: Rolf Kauka 1953/2000 u. Promedia, Inc. 2001/2008In Deutschland hatten Comics es nicht immer leicht, als Kunst anerkannt zu werden. Aber seit 60 Jahren schreiben sie nun Geschichte. Mindestens. Die Deutsche Nationalbibliothek erzählt sie.

60 Jahre Comics aus Deutschland

Die ehrwürdige Deutsche Nationalbibliothek hat zusammen mit der Goethe-Universität Frankfurt am Main die Ausstellung: „Comics made in Germany. 60 Jahre Comics aus Deutschland“ organisiert. Gezeigt werden Comics aus Ost und West, wie sie sich seit Ende der 1940er entwickelt haben. Auch die neuen – „Zwischen Epos, Gag und Kunst“ – kommen nicht zu kurz. Für Liebhaber ist der Katalog zur Ausstellung besonders interessant, als Informationsquelle für die junge Geschichte des Genres und als Who’s who der deutschen Szene.

Nur 60 Jahre? Fragen sich viele, die an berühmte Comics der 1920er und 30er aus den USA, Frankreich oder Italien denken. Was war zwischen den Weltkriegen in Deutschland los, das Ende des 19. Jahrhunderts für seine Bildergeschichten weltbekannt war? Dessen Entwicklung stagnierte, meint Dr. Bernd Dolle-Weinkauff vom Institut für Jugendbuchforschung der Goethe-Universität und Kurator der Ausstellung. „Lange bevor mit der NS-Herrschaft eine diktatorisch gelenkte Politik die deutsche Kultur bzw. das, was in den Augen der NS-Machthaber als solche galt, gegen unerwünschte fremde Einflüsse abschottete, hatte sich in den Verlagshäusern und Redaktionen ein starrer Traditionalismus breitgemacht.“ Die Bildergeschichten aus Deutschland hielten an den Texten unter dem Bild fest, verpassten die Entwicklung zu knapperen, dramatischen und schnelleren Charakteren, die sie im Ausland durch Sprechblasen und kühne Bildperspektiven gewannen. Und so spricht der Kurator mit Blick auf Comics nach 1945 von der Stunde Null, in der Deutsche staunten, was ihnen vor allem US-Soldaten und CARE-Pakete bescherten. Comics wie Micky Maus und Tarzan begeisterten sie, sodass deutsche Verlagshäuser zu Beginn der 1950er beschlossen, eigene Strips zu veröffentlichen. Das macht plus minus 60 Jahre Comic-Geschichte in Deutschland.

„Something like Max and Moritz“

Till Eulenspiegel. Rastatt: Pabel, 1953; World Copyright: Rolf Kauka 1953/2000 u. Promedia, Inc. 2001/2008So lautete der Auftrag des US-Amerikanischen Verlegers an den deutschstämmigen Zeichner Rudolph Dirks. Der zeichnete fortan für das New York Journal „The Katzenjammer Kids“, eng an Wilhelm Buschs Bildergeschichten um Max und Moritz angelehnt. Das macht Busch zum Grand Old Man des Genre. Aber nicht allein: „Die deutsche Bildgeschichte, die Karikatur und die humoristisch-satirische Presse insgesamt genossen um die Jahrhundertwende gar einen derart ausgezeichneten Ruf, dass nordamerikanische Verleger zeitweise ganze Gruppen deutscher Zeichner für Blätter wie die Chicago Tribune rekrutierten, denn Deutschland galt zu dieser Zeit als the true home of humorous art“, schreibt Dolle-Weinkauff im Katalog zur Ausstellung.

Eine der ältesten Bildergeschichten aus Deutschland, die mit der heute typischen Sprechblase gedruckt wurde, erschien 1893 oder 94 in „Nürnberger Lustige Blätter“. Ein Junge ruft dem Wachsoldaten „Der Major kommt!“ zu, der daraufhin strammsteht und sein Wachhäuschen umreißt. Entdeckt wurde das Fundstück von Dr. Eckart Sackmann, der sich um die Comicforschung in Deutschland bemüht.

Akademisches Interesse und die neue Salonfähigkeit

Volker Reiche: Strizz. Das fünfte Jahr. Frankfurt am Main: Frankfurter Allgemeine Buch, 2007 Volker ReicheDr. Sackmann gründete 2005 die Gesellschaft für Comicforschung zusammen mit Prof. Dietrich Grünewald und anderen Comic-Liebhabern. Sie veröffentlichen Jahrbücher, von deren „opulenten Format“ und „Fülle gut reproduzierter Abbildungen“ selbst die kritischen Literaturleser der Frankfurter Allgemeinen Zeitung begeistert sind. Die Gesellschaft um Dr. Sackmann war es auch, die in der Bildergeschichte um „Lenardo und Blandine“ des Franz von Goez, 1783, den ersten deutschen Comic erkennen. Diese setzt tatsächlich mit kargen Versen und aufwändigen Bildern auf ein gemeinsames Text-Bild-Verständnis, wie es Comics tun. Unter Kennern ist diese Erkenntnis dennoch umstritten, denn erstens fehlt die typische Sprechblase und vor allem eine allgemein gültige Definition des Genres, mit der man Bildergeschichten eindeutig von Comics abgrenzen könnte.

Die Comicforscher fanden aber noch mehr: eine von Schiller illustrierte Geschichte, in der er Sprechblasen verwendet, und sogar einen deutschen Superman, der ein ganzes Jahr vor seinem amerikanischen Kollegen rettend durch die Lüfte flog: In der „Gartenlaube“ erschien 1937 ein Bilderroman namens Famany – Der fliegende Mensch, voller Abenteuer über dem Himmel von New York.

Typisch deutsch? – Stile, Trends und Einflüsse

Fix und Foxi. Grünwald bei München: Kauka-Verl., 1967 World Copyright: Rolf Kauka 1953/2000 u. Promedia, Inc. 2001/2008.Zu Beginn der 1950er wirken deutsche Comics mit ihren Untertexten, traditionellen Zeichnungen und oft biederen Geschichten recht altbacken. Dennoch waren sie, wie die Mecki-Bildergeschichten der Zeitschrift Hör Zu, sehr beliebt. Geschichten in konsequenter Comic-Manier, wie die von Max Otto und seinem Held Stips, waren die Ausnahme. „Den ersten wirklichen Klassiker des deutschen Comic aber“, ist Dolle-Weinkauff überzeugt, „schuf 1950 Manfred Schmidt“. Sein Detektiv Nick Knatterton nahm sich über ein Jahrzehnt lang mit Sprach- und Bildwitz der skurrilsten Kriminalfälle an. Er stand am Anfang des Comic-Booms der BRD, wo vor allem Comics wie „Fix und Foxi“ im Stil der Funny-Animal-Comics sehr erfolgreich waren. Auch in der DDR waren Comics in Disney-Manier wie die „Abrafaxe“ am beliebtesten. Kaum ein Heft aus Ost oder West erreichte aber die Auflage der Micky Maus, die hierzulande in den 1990er eine Million überschritt.

Erst in den 1960ern etablierte sich in Deutschland eine eigene Szene, vor allem rund um die Frankfurter Schule. Zehn, 20 Jahre später verhalfen unter anderen Walter Moers, Ralf König, Tom und das Duo Katz und Goldt deutschen Comics endgültig zu individuellen Zügen. Zeichner von heute – wie Felix Görmann und Anke Feuchtenberger – gelten als Künstler mit zahlreichen Auszeichnungen Sie gehören zu einer lebendigen Szene, die neue Trends setzt und aufnimmt. Hier fließen Einflüsse aus aller Welt ein und inspirieren nicht nur Zeichner sondern auch Leser.

Christine Sommer-Guist
freie Journalistin und Autorin

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März 2008

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