Buchmesse Turin

Eine Reise ins Unbekannte

© Joachim Gern
Stefanie de Velasco | Foto: Joachim Gern

Schriftstellerin Stefanie de Velasco wird Deutschland bei der Turiner Buchmesse vertreten. Romane zu schreiben heißt für sie, ein neues Land zu erkunden.

Wenn Stefanie de Velasco, 37, ein Buch schreibt, ist sie eine Kartographin, die ein Land zeichnet, das noch nicht existiert. Erst mit jedem Fluss, mit jedem Berg, nimmt das Land wirklich Form. Als sie 2011 die ersten zehn Seiten ihres Debütromans Tigermilch schreibt, weiß sie noch nicht, was ihren Figuren passieren wird. Die Geschichte von Jameelah und Nini, zwei 14-jährige, die sich entjungfern lassen wollen, entsteht erst während des Schreibprozesses: „In diesem nebulösen Reinschreiben fühle ich mich sicher“, sagt die Autorin. De Velasco wächst mit ihrer spanischen Mutter im rheinländischen Oberhausen auf. Sie studiert Europäische Ethnologie und Politikwissenschaften in Bonn, Berlin und Warschau. Schreiben ist für sie schon seit der Kindheit ein Thema, doch erst nach dem Studium traut sie sich, es zu versuchen.

Die Suche nach der eigenen Sprache

Vor Tigermilch veröffentlicht de Velasco immer wieder kurze Texte – meist unter Pseudonymen: „Es hat lange gedauert, bis ich ein Thema und eine eigene Sprache gefunden habe“. Dann erfährt sie von dem Literaturpreis Prenzlauer Berg, der an jungen Autoren verliehen wird. Die Auswahl der Jury basiert auf wenige Seiten. De Velasco reicht den Anfang von „Tigermilch“ – und gewinnt.
Der Roman erscheint 2013 und wird von Kritikern gelobt: Maren Keller schreibt im Kulturspiegel von einem „so schnellen und toughen und weisen Tonfall“, für Fatma Aydemir ist er ein „hinreißender wie lehrreichen Coming-of-Age-Roman“. Auch die Leser werden mitgerissen: Einige fühlen sich vom Buch abgestoßen, Andere lieben es: „Ich habe keine laue Reaktion erlebt“, sagt de Velasco.

Der Literaturszene fremd

In der deutschen Literaturszene fühlt sich die Autorin jedoch manchmal fremd. Ihre Themen, ihre gegenständliche Prosa, ihre Figuren entsprechen nicht unbedingt den Ästhetiken, der die jungen deutschen Literatur folgt – auch das deutsche Bürgertum könne sich nicht wirklich mit diesen Randfiguren identifizieren. Der zeitgenössischen deutsche Literatur fehlt es für de Velasco an Wärme: „Man darf nicht hysterisch schreiben“, sagt sie. Was ihr fehlt: Die jüdische Kultur, die die europäische Literaturszene zwischen den zwei Weltkriegen so gekennzeichnet hat. Mit dem dritten Reich habe auch die Literatur die Unschuld verloren und sei sachlich, kühl und reduziert geworden: „Da mache ich nicht mit“.

Schreiben soll kein Beruf werden

De Velasco, die im Rheinland aufgewachsen ist, wohnt nun in Berlin. Verschiedene Stipendien, wie das Kranichsteiner-Jugendliteratur-Stipendium, ermöglichen ihr, nur vom Schreiben zu leben. Und doch will de Velasco das Schreiben nicht als ausschließlichen Mittelpunkt ihres Lebens sehen: „Ich bin dem Schreibtrott gegenüber sehr misstrauisch“, sagt sie. Hinter dieser Aussage versteckt sich kein Snobismus, sondern die Vorstellung vom Schreiben als ein magischer Prozess, der nicht wie alle Alltagstätigkeiten werden darf: „Keine Weltreise kann mit Romane schreiben mithalten“. In Mai wird de Velasco, gemeinsam mit anderen 19 Autoren, Deutschland bei der Turiner Buchmesse vertreten. Gleichzeitig arbeitet sie an ihrem zweiten Buch. Viel verraten will sie nicht. Wieder begibt sich die Schriftstellerin auf eine Reise ins Unbekannte: „Ich dachte, der zweite Roman würde schon stehen. Ich habe mich geirrt“.

Erwartungen, an die eigene Arbeit

Als Reisebegleiter nimmt de Velasco die Wörter von US-amerikanischer Schriftsteller Jonathan Franzen mit. Franzen glaubt, dass ein Schriftsteller tief graben muss, um einen Roman zu schreiben. Ist es ihm gelungen, ein gutes Buch zu veröffentlichen, muss er nur noch tiefer gehen. „Jeder Schriftsteller muss sich nach jeden Roman neu erfinden, denn er hat schon das beste geschrieben, was er schreiben konnte“. So geht es de Velasco. Der Erfolg von Tigermilch ist für sie gleichzeitig Erleichterung und Last: „Mein Verlag übt keinen Druck aus – aber ich habe große Erwartungen an meine Arbeit“.
Margherita Bettoni
ist freie Journalistin. Sie schreibt unter anderem für den „Chrismon“, die „Neon“ und die italienische Tageszeitung „Il Manifesto“.

Copyright: Goethe-Institut Italien, Information & Bibliothek
Online-Redaktion
März 2015

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