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„Uns ist der Begriff der Zukunft abhanden gekommen“ – Interview mit Ingo Schulze

Ingo Schulze bei einer Lesung während seines Besuchs in Peking im August 2013; Foto: Zhang Zhiluo
Ingo Schulze bei einer Lesung während seines Besuchs in Peking im August 2013;
Foto: Zhang Zhiluo

Im Interview erzählt Ingo Schulze von seinen Begegnungen mit China, erinnert sich an die erste Übersetzung eines seiner Werke, und sorgt sich um das fehlende Zukunftsdenken der Gesellschaft.

Sie sind ja bereits zum zweiten Mal in China. Wie unterscheiden sich Ihre Eindrücke der letzten Tage im Vergleich zum letzten Mal?

Für mich persönlich ist es dieses Mal schöner, weil nun die Übersetzung eines meiner Bücher vorliegt und man dadurch ganz anders ins Gespräch kommen kann. Plötzlich hat man ein Publikum mit dem man diskutieren kann und man hat Schriftstellerkollegen in China, die etwas von einem lesen können. Abseits der Lesungen bekommt man auch langsam ein Gefühl für die Stadt, wobei mich besonders die Gegensätze beeindrucken wie auch irritieren: Man kommt aus einer Shopping Mall, in der kein Kaufwunsch unerfüllt bleibt, und plötzlich steht man dann vor so einem Straßenzug winziger Häuschen, in denen Essen verkauft wird und einige schlafen schon davor oder daneben – diese gegensätzlichen Welten, die so beieinander liegen, das kenne ich so nicht.

Was überrascht Sie da mehr: Die Anblicke des Überflusses oder der Armut?

Es ist dieses Nebeneinander, das mich so fasziniert und, glaube ich, dieses Land heute auch ausmacht.

Erinnern Sie sich an Ihren ersten Kontakt mit China?

Der erste Kontakt, das waren chinesische Märchen. Als ich in der DDR halbwegs zu Bewusstsein kam, war China regelrecht ausgeblendet. Da wollte man nicht drüber reden. Natürlich habe ich auch all das gelesen, an dem sich ein Abiturient so versucht: Konfuzius, Laotse bis hin zu Werken des Zen-Buddhismus und das Yijing (易经) und so weiter, aber eine genaue Kenntnis hatte ich nie. Ich habe allerdings sehr gute Freunde, die im September 1989 ausreisen konnten, direkt ein Sinologiestudium in München begannen und jetzt beide als Sinologie-Professoren in den USA lehren. Über die habe ich regelmäßig etwas über China mitbekommen. Dabei merkte man auch, wie China dabei ist, sich eine Erzählung der eigenen Kultur zu schaffen. Da wird, wie überall, hinzugedichtet und weggelassen. Das finde ich schon sehr interessant. Ohnehin ist China für mich zur Zeit einer der interessantesten Orte auf dieser Welt.

Viele Ihrer Bücher wurden bereits in eine Vielzahl anderer Sprachen übersetzt. „Simple Storys“ gibt es seit der Übersetzung auf Chinesisch in 22 Sprachen. Erinnern Sie sich noch an das erste Mal, als eines Ihrer Werke übersetzt wurde?

Ingo Schulze im Dialog mit Lesern; Foto: Zhang ZhiluoJa, das weiß ich noch ziemlich gut, weil eigentlich fast immer die Holländer die ersten waren mit der Übersetzung. Es war mein Buch 33 Augenblicke des Glücks auf Holländisch und das war natürlich ein großartiges Gefühl, weil ein Buch mit jeder Übersetzung noch einmal neu geboren wird. Dann ist es nur noch zum Teil mein Buch, zum anderen Teil auch das Buch der Übersetzerin oder des Übersetzers. Und das ist ein verrückter Vorgang, den ich immer nach Kräften unterstützen möchte, indem ich versuche, die Fragen der Übersetzer zu beantworten. Mehr kann man ja gar nicht tun.

Hat das Bewusstsein, dass die eigenen Werke eine Chance auf Übersetzung haben, einen Einfluss auf den Schreibprozess? Denkt man dann zum Beispiel: „Wie würde das wohl auf Chinesisch klingen?“


Nein, dafür kämpfe ich zu sehr mit den unmittelbaren Schwierigkeiten. Manchmal gibt es natürlich schon einen Gedanken, wenn es beispielsweise um eine Sexszene geht, bei der ich genau weiß:Das wird im Iran nicht erscheinen oder das gibt vielleicht auch in China Probleme. Aber das ist wirklich sekundär und hat keinen Einfluss auf das Schreiben. Natürlich stellt man sich bestimmte Leser vor. Das können zum Beispiel Freunde oder mir nicht bekannte Kritiker sein, die besonders gut oder besonders böse über mich geschrieben haben.

Mit der Übersetzung auf Chinesisch haben Sie ja 1,4 Milliarden potenzielle Leser hinzugewonnen.

Das ist natürlich eine große Versuchung, da ins Träumen zu verfallen. Aber im Ernst: Es bedeutet mir einfach sehr viel, ein Buch auch in so einer wichtigen Sprache wie Chinesisch veröffentlichen zu können, denn das öffnet ein Tor, das kann man ja nicht anders sagen. Wie sonst könnte ich mit hiesigen Kollegen kommunizieren? Ich bin darauf angewiesen, dass ich ihre Bücher auf Deutsch habe und sie sind darauf angewiesen, dass sie meine Bücher auf Chinesisch haben. So kommt man ganz anders miteinander ins Gespräch und das ist ein großes Geschenk.

Haben Sie bei den Gesprächen mit dem Publikum nach Ihren Lesungen Reaktionen bekommen, die sie bei Lesungen in Deutschland so noch nie gehört haben?

Mich hat schon überrascht, dass die Atmosphäre der Geschichten als so niederdrückend empfunden wurde, aber das heißt ja nicht, dass das jetzt falsch oder richtig ist. Mich wundert es nur ein bisschen, weil dieses Element zwar da ist, dem aber gleichzeitig eine ganze Menge an Komik entgegensteht. Tragik und Komik kommen ja nicht getrennt voneinander vor, sondern sind meistens vermengt. Und aufgrund meiner Lesungserfahrung in Deutschland weiß ich auch, wie viel bei diesem Buch gelacht wird. Am Rande habe ich aber auch hier andere Stimmen gehört, die meinten, das Buch habe auch viel mit ihren eigenen Erfahrungen zu tun.

Sie haben vergangenes Jahr einen politischen Essay veröffentlicht mit dem Titel Unsere schönen neuen Kleider. Sie schreiben dort, 1990 sei uns „der Begriff der Zukunft abhanden gekommen“. Was meinen Sie damit?

Vor 1989 hat man sowohl im privaten als auch im gesellschaftlichen Raum eigentlich immer sehr viel über Zukunft nachgedacht. Im privaten Raum spielten Fragen eine große Rolle wie: Bleibt man im Land oder geht man weg? Gibt es Anzeichen für Veränderung? Wie könnten solche Veränderungen aussehen? Da war immer von Zukunft die Rede und trotz unterschiedlicher Deutungen war es klar: Da muss was anders werden. Boris Groys hat das sehr schön gesagt, als er von einer „Rückkehr aus der Zukunft“ sprach. Man war nach 1989 in einem Status Quo angekommen, in dem es um das Jetzt und Hier ging. Zukunft war fortan eher ein Bewahren des Status Quo, eine gewisse Verbesserung hier und da, vor allem mit Blick auf materielle Werte: ein größeres Auto, oder zwei Autos oder doch ein Eigenheim, das ist in der Konsequenz stets privat gedacht. Heute geht es in der Diskussion doch nicht mehr darum, über eine andere Gesellschaft nachzudenken. Ich vermisse den gesellschaftlichen Anspruch des einzelnen Menschen.

Die chinesische Regierung spricht zur Zeit oft vom „Chinesischen Traum“. Momentan bleibt die Bedeutung dieses Begriffs zwar noch unklar, aber vielleicht ist ja auch gerade das ein Ausdruck eines gewissen Zukunftsdenkens. Fehlt in Europa ein „europäischer Traum“?

Ich denke, dass man sich in China noch sehr grundsätzliche Gedanken über die Zukunft macht. Jedenfalls ist klar, dass es Veränderungen geben muss. Ich glaube, auch die offizielle Seite verfügt über dieses Bewusstsein und das gibt es in dem Maße in Europa meiner Ansicht nach nicht. Dort spricht man zwar viel von Reform, aber damit sind nie grundsätzliche Veränderungen gemeint.

Oft gibt ein längerer Aufenthalt im Ausland einem die Möglichkeit, auf sein eigenes Heimatland mit einer gewissen Distanz zu blicken und die Dinge dort anders zu sehen. Sie selbst waren 1992 in Sankt Petersburg, um dort ein Anzeigenblatt zu gründen. Welche Bedeutung hatte dieser Moment in ihrem Leben, insbesondere für Ihr Schreiben?

„Simple Storys“ ist auf Chinesisch im Shanghai Translation Publishing House erschienen.Das war ein ganz entscheidendes Erlebnis, weil ich dort die ureigensten Dinge noch einmal sah, also den Übergang von einem System zum anderen. Für das Schreiben machte ich dort die wichtige Erfahrung, dass man einen eigenen Stil gar nicht braucht, mit einer eigenen unverwechselbaren Stimme kommt man gar nicht so weit. Man sollte also nicht versuchen, die Sonne zu sein, sondern der Sputnik, der die Erde umkreist und der die richtige Wellenlänge für eine Kontaktaufnahme braucht, um sich zu den Dingen in Beziehung zu setzen und um sie zum Sprechen zu bringen.

Der interessanteste Moment am Reisen ist ja, wenn man zurückkommt. Als ich einmal aus Südafrika zurückkam, da merkte ich zum ersten Mal, was mir vorher nie aufgefallen war: Wie wunderbar es ist, dass auf den Zäunen kein elektrischer Stacheldraht ist, und was für eine kostbare Sache der öffentliche Raum ist – eine Straße, durch die man bei Tag und Nacht gehen kann, ohne Angst haben zu müssen.

Was glauben Sie, welche Entdeckungen sie in Deutschland machen werden, wenn Sie von dieser Reise nach China zurück nach Deutschland kommen?

Ich glaube, es kommt einem dann alles etwas beschaulich vor. Hier ist soviel los auf den Straßen, nicht nur die Autos, sondern auch die vielen Menschen, manchmal ist es schon erdrückend. Wenn ich mir jetzt Berlin vorstelle, dann ist das natürlich eine Puppenstube verglichen mit Peking, wenn auch eine sehr schöne Puppenstube.

Könnten Sie sich vorstellen, einen Roman zu schreiben, der nicht in Deutschland spielt?

Das versuche ich sogar schon, aber ich kann mir nicht vorstellen einen Roman zu schreiben, in dem die Hauptpersonen keine Deutschen sind.

Ihr nächstes Buch spielt also auch in Deutschland?

Ich habe schon zwei Dinge angefangen, das eine liegt etwas länger zurück und das würde auch aus Deutschland rausführen, aber da habe ich jetzt noch lieber keine große Klappe.


Jonas Borchers
stellte die Fragen. Er ist Redakteur von Goethe.de/China.

November 2013

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