Buchmesse Turin

Jennifer Teege - Einen KZ-Kommandanten zum Großvater

© Thorsten Wulff
© Thorsten Wulff

Mit 38 Jahren erfährt Jennifer Teege durch Zufall, dass sie die Enkelin des KZ-Kommandeurs Amon Göth ist. Daraufhin schreibt sie ein Buch über ihre Familiengeschichte.

An einem August-Vormittag 2008 schlendert die hochgewachsene, dunkelhäutige Jennifer Teege die Buchreihen der Hamburger Zentralbibliothek ab. Nachdem die Mutter zweier Söhne ihre Kinder in den Kindergarten gebracht hat, ist sie öfter an diesem Ort der Stille, wo sich Menschen gierig nach Wissen über ihre Bücher beugen. Jennifer Teege plagen Depressionen. In der Psychologieabteilung sucht sie nach Lesestoff, der ihr Antworten auf ihre Traurigkeit gibt. An diesem Sommertag fällt ihr ein besonderes Buch auf: Es ist rot eingebunden und trägt den Titel Ich muss doch meinen Vater lieben, oder? Beim Untertitel des Buches wird Teege stutzig: „Die Lebensgeschichte von Monika Göth, Tochter des KZ-Kommandanten aus ‘Schindlers Liste‘“ – Jennifer Teeges Geburtsname ist Göth, besagte Monika ihre Mutter. Jennifer Teege weiß fast nichts über ihre Familie. Ihre Mutter gab sie, die Tochter eines Nigerianers, schon mit vier Wochen in ein Kinderheim.

Als Teege anfängt, in dem Buch von Matthias Kessler zu blättern, erschrickt sie, findet nicht nur den Namen ihrer Mutter, sondern auch den ihrer Großmutter, Ruth Irene Göth, und erkennt alte Familienfotos wieder. Erschüttert merkt sie, dass es in dem Buch, das sie in ihren Händen hält, hauptsächlich um die Beziehungen der beiden Frauen zu einem Mann geht: Amon Göth. Dem skrupellosen Nazi-Kommandeur, der vielen vor allem durch den Film „Schindlers Liste“ bekannt ist. Als Teege das bewusst wird, klappt sie das Buch zu, eilt zur Ausleihe und legt sich vor die Bibliothek auf eine Parkbank. In ihr brodelt es, ihr Mann muss sie abholen und nach Hause bringen. Kurz darauf beschließt Teege selbst ein Buch zu schreiben, über ihre Geschichte und die Erkenntnis, dass Amon Göth ihr Großvater war.

„Der Schlächter von Plaszow“ erschoss Häftlinge vom Balkon aus



Amon. Mein Großvater hätte mich erschossen erschien 2013. Zusammen mit der Journalistin Nikola Sellmair hat Jennifer Teege das Buch aus zwei verschiedenen Perspektiven geschrieben: Da ist zum einen die Stimme der Autorin Teege, die sehr persönlich ihre eigene Geschichte erzählt und den Leser auch an der „Entdeckung“ ihres Nazi-Großvaters teilhaben lässt. Und da ist die Stimme der Co-Autorin Sellmair, die die vielen Informationen der Familiengeschichte Jennifer Teeges, aber auch die Verbindungen in die Nazi-Zeit sachlich einordnet. „Die Idee dahinter war, vieles an Informationen auszulagern, um die Möglichkeit zu haben meine Gefühlsebene gesondert zu beschreiben und so auch die psychologischen Prozesse, die in mir vorgingen, für den Leser nachvollziehbar zu machen“, sagt die 44-jährige Teege heute.

Mit drei Jahren kommt Teege vom Kinderheim in eine Pflegefamilie, mit sieben wird sie adoptiert und wächst fortan im beschaulichen Waltrudering bei München auf. Sie studiert Politik und Geschichte in Israel, heiratet einen wohlhabenden Geschäftsmann, bekommt mit ihm zwei Söhne und arbeitet in der Werbebranche in Hamburg.

Ihr Großvater, Amon Göth, wurde zur Nazi-Zeit „der Schlächter von Plaszow“ genannt. In Steven Spielbergs Film „Schindlers Liste“ sieht man, wie Göth, damaliger Aufseher des polnischen Konzentrationslagers, von seinem Balkon aus Häftlinge erschießt und sie von Kampfhunden zerfleischen lässt. Der Untertitel zu Jennifer Teeges Buch lautet „Mein Großvater hätte mich erschossen“ – in einem Interview mit der WELT von 2013 sagte Teege dazu: „Der Satz steht für die Willkür der Zeit. Jeder hätte getroffen werden können, ich mit meiner Hautfarbe besonders.“ Schon bevor Teege herausfand, dass sie mit Amon Göth verwandt ist, beschäftigte sie sich mit dem Holocaust, selbst ein Buch schreiben wollte sie allerdings nie: „Interessanterweise hat meine erste Therapeutin vor vielen Jahren gesagt: Frau Teege, warum schreiben Sie nicht ein Buch? Und dann habe ich gesagt: Weil ich noch nicht die richtige Geschichte habe.“

Rumreisen und Aufklären



Die fand sie unverhofft vor sieben Jahren im Bücherregal – glaubt sie aber deshalb an Schicksal?: „Es kommt darauf an, ob man mein Leben vorwärts oder rückwärtsrum betrachtet. Wenn man es vorwärtsrum anschaut, erscheint mir vieles sehr zufällig z.B., die Entscheidung nach Israel zu gehen. Der Grund hatte nichts mit meiner familiären Vergangenheit zu tun. Ich hatte eine Freundin aus Israel kennengelernt und wollte dort eigentlich Urlaub machen. Dass ich dann dort studiert habe, ist ein zentraler Baustein meines Lebens geworden. Ich glaube, dass jeder Mensch innerhalb eines Systems lebt, was ich mit einem Baum vergleichen möchte, der Wurzeln, Äste und einen Stamm hat. Innerhalb dieses Baumes haben wir dann viele Entfaltungsmöglichkeiten, wodurch eine Art Lebensweg entsteht.“

In die Werbung will Teege nicht zurück, sie hat ihre Berufung gefunden: Momentan reist sie als Rednerin durch die ganze Welt, um ihr Buch in vielen verschiedenen Sprachen vorzustellen und mit den Menschen über ihre Geschichte und allem, was damit zusammenhängt, zu diskutieren. Bei der Frage danach, ob sie ein weiteres Buch plane, lacht sie herzlich: „Ich plane wenig in meinem Leben. Es hat sich gezeigt, dass sich das in meinem Fall kaum bewährt hat. Die Dinge kommen einfach auf mich zu.“

Marieke Reimann
ist freie Journalistin für Sport, Medien und Gesellschaft in Berlin
und Absolventin der Deutschen Journalistenschule.

Copyright: Goethe-Institut Italien, Information & Bibliothek
Online-Redaktion
März 2015

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