Buchmesse Turin

"Leben" von David Wagner

David Wagner am Salone Internazionale del Libro di Torino 2015 © Goethe-Institut RomDavid Wagner am Salone Internazionale del Libro di Torino 2015 © Goethe-Institut Rom

Herr W. ist 36 Jahre alt und leidet an einer Autoimmunhepatitis. Das ist eine Krankheit, die man nicht heilen kann und die ihn seit 25 Jahren verfolgt. Seine Leber ist sein persönlicher weißer Wal, sie quält ihn, Herr W. kann nur durch eine Transplantation gerettet werden.

Im Unglück der Krankheit hat Herr W. jedoch Glück, er ist seit langem auf der Warteliste, er hat eine gute Krankenversicherung und einen bemühten Arzt, der sich um ihn kümmert.

Leben ist ein wirres Tagebuch, konfus in der Narkose-Wolke aus Schmerzmitteln, in den Halluzinationen, die die Töne und Farben des Krankenhauses hervorrufen, gegliedert in knapp 300 Mikro-Geschichten, die umherdriften im Fluss der Medikamente und Infusionen. Der erste Anruf wegen einer Transplantation kommt mitten in der Nacht. Herr W. lehnt ab, um seine dreijährige Tochter nicht wecken und Erklärungen abgeben zu müssen. Die Blutung, die ihn fast umbringt, und der erste längere Krankenhausaufenthalt, dann die Transplantation, ein weiterer Krankenhausaufenthalt, die Reha, die Komplikationen. Doch Herr W. ist während dieser Monate im Krankenhaus nicht allein. Er hat Bettnachbarn, die ständig wechseln, mit ihren Geschichten, die alle anders sind und einander dennoch gleichen, der sibirische Bauer, der libanesische Schlachter, der Kellner aus Ost-Berlin, die kannibalische Fette, alles so unwahrscheinlich, dass auch Herr W. beginnt, Geschichten zu erfinden und über seine Krankheit jedes Mal gleich und doch anders berichtet. Und mit ihm stets alle seine Frauen, an jede hat er eine Erinnerung, vor allem an Rebecca, vielleicht die einzige, die er wirklich geliebt hat, die bei einem Autounfall ums Leben kam. Dann ist da die Mutter, auch sie bereits gestorben, aber an Krebs, als er noch klein war. Und vor allem ist da die Spenderin. Herr W. weiß natürlich nicht, wer sie ist, er weiß nicht, wer ihm die eigene Leber gespendet hat, die langsam in seinem Körper anwächst. Niemand sagt es ihm, er kann es nicht wissen, darf es nicht, aber er ist sicher, dass es eine Frau ist. Herr W. ist überzeugend. Es ist eine Frau, es muss eine Frau sein. Für sie schreibt er seine Erzählung, sie ist die Adressatin all seiner Geschichten, ihr ist seine Heilung gewidmet.

Herr W. lässt sich lieben und mit ihm David Wagner, der eine wahre Geschichte erzählt hat, seine eigene. Die Lektüre des Endes erleichtert , als ob der Leser eine gute Nachricht von einem entfernten kranken Verwandten erfahren würde. Es bewegt uns nur bis zu einem gewissen Punkt, aber es erleichtert uns, lässt uns durchatmen, gibt uns Hoffnung. Es gibt sehr schwere Krankheiten, das ist wahr, aber der eine oder andere wird geheilt, versichert Wagner uns.
Giovanni Giusti
schreibt aus einer Art Impuls heraus wie besessen in der Metro auf kleinen quadratischen Blöcken. Er hat keinen Hochschulabschluss, aber wehe dem, der versucht, ihm bei Trival Pursuit oder beim Quizduell herauszufordern.

Übersetzung: Bettina Gabbe
Goethe-Institut Italien
Information & Bibliothek, Online-Redaktion
Mai 2015

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