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„Ich bin durchs Schreiben im Leben angekommen.“ – Terézia Mora im Gespräch

Terézia Mora; © Autorenarchiv Susanne SchleyerTerézia Mora; © Autorenarchiv Susanne SchleyerIm März 2010 erhielt die Schriftstellerin Terézia Mora den mit 15.000 Euro dotierten Adelbert-von-Chamisso-Preis. Mit Goethe.de sprach sie über ihre Sprachskepsis, Schreiben als Lebenselexier, die Übersetzertätigkeit als Ruhepol und Künstlertum als Grenzüberschreitung – nur nicht über ihren in Arbeit befindlichen Roman.

Frau Mora, in ihrer Laudatio zum Chamisso-Preis 2010 hat die Literaturkritikerin Sigrid Löffler Sie eine „Grenzüberschreiterin“ genannt. Fühlen Sie sich damit gut beschrieben?

Ja, wenn es nicht biografisch gemeint ist. Dass ich in Ungarn geboren bin und die Grenze nach Deutschland überschritten habe, ist ja nicht so spektakulär gewesen wie beim Lyriker Abbas Khider, der in diesem Jahr den Chamisso-Förderpreis erhalten hat und aus dem Irak fliehen musste.

Terézia Mora bei der Chamisso-Preisverleihung; © Robert Bosch Stiftung Ansonsten ist das ein Attribut, das man im Guten jedem Künstler geben kann – insofern, als jeder Künstler in Bereiche vorstößt, in denen man sich unter normalen Umständen nicht aufhält. In diesem Sinne hoffe ich sogar, eine Grenzüberschreiterin zu sein.

Der Sprache misstrauen

Sie sagen von sich selbst, Sie seien schreibwütig. Trotzdem sind mit „Seltsame Materie“ (1999), „Alle Tage“ (2004) und „Der einzige Mann auf dem Kontinent“ (2009) erst drei Prosabände von Ihnen erschienen. Das ist keine besonders hohe Taktung.

Cover von „Seltsame Materie“; © Rowohlt Verlag Ich habe ja auch nicht gesagt, dass ich veröffentlichungswütig bin. Tatsächlich schreibe ich ununterbrochen und publiziere nur einen Teil davon. Das hat damit zu tun, dass ich der Sprache und der Narration in einem hohen Maße misstraue.

Ich muss meine Texte lange betrachten, bevor ich denke, dass man sie auch anderen zumuten kann: nicht, weil ich auf Nummer sicher gehen will, sondern eher, weil ich es anständig finde, den Leuten nicht alles vor die Füße zu werfen. Einen Großteil meines Denkens und Schreibens handle ich mit mir selber aus und gebe nur das heraus, von dem ich denke, dass es unvermeidlich ist.

Schreiben als Essenz des Lebens

Wie merken Sie, dass der richtige Zeitpunkt zur Veröffentlichung gekommen ist?

Cover von „Alle Tage“; © btb VerlagMein Lektor hat da einen schönen Satz gesagt: Ein Roman ist dann zu Ende, wenn es nichts mehr zu sagen gibt. Wenn ich das Gefühl habe, über das Ding, über das ich mir selber fünf Jahre in meiner Stube etwas erzählt habe, alles gesagt zu haben, mache ich daraus das Buch und biete es den Lesern an.

Schreiben ist also ein rein persönlicher Prozess?

In der Tat macht Schreiben die Essenz meines Lebens aus. Im Grunde bin ich erst in dem Moment angekommen in dieser Welt, in dem es sich entschied, dass ich schreiben darf. Das hat den biografischen Grund, dass ich in meiner Jugend in Ungarn das Gefühl hatte, kaum Sprechen, geschweige denn Schreiben zu dürfen.

Ich war schon 28, als ich mir sagte: Okay, ich habe nur ein Leben und einen Tod – ich versuche es jetzt und schreibe öffentlich. Das war der Punkt, an dem ich in meinem eigenen Leben angekommen bin. Das Schöne ist, dass man mich daraus bis ans Ende meiner Tage nicht mehr vertreiben kann. Das Schreiben habe ich für immer. Man muss sich mich deshalb als einen glücklichen Menschen vorstellen.

Wie am Leben nicht verzweifeln?

Cover von „Der einzige Mann auf dem Kontinent“; © Luchterhand VerlagWenn Sie benennen müssten, was Ihre Bücher umklammert: Was wäre das?

Weit gefasst würde ich sagen, dass es in meinen Büchern darum geht, wie man sich durchwurstelt und an seinem Leben nicht verzweifelt.

Sowohl in Alle Tage als auch in Der einzige Mann auf dem Kontinent gibt es eine Situation, die zum Verzweifeln ist. Die Frage ist, welche Überlebensstrategie die Figur entwickelt oder sich gar dem annähert, was man ein gelungenes Leben nennt.

Hierzulande gelten Sie unter anderem auch als „deutsche Stimme“ von Péter Esterházy. Welche Rolle spielt für Sie das Übersetzen fremder Bücher?

Eine sehr angenehme. Übersetzen ist das, was mir leicht fällt. Übersetzen ist schön, weil es Schreiben ist ohne Panik. Das ist ein Satz, den ich von einem Kollegen gehört habe, als ich mit anderen übersetzenden Autoren auf einem Podium saß und den ich mir angeeignet habe.

Beim Übersetzen habe ich nicht die Verantwortung, aus etwas ein Buch zu machen, weil es schon ein Buch gibt und ich daraus nur noch in einer anderen Sprache ein anderes Buch machen muss. Zudem ist diese Tätigkeit sehr befriedigend. Und man lernt natürlich auch sehr viel daraus.

Der nächste Roman ist in Arbeit

Terézia Mora; © Autorenarchiv Susanne SchleyerWoran arbeiten Sie momentan?

Momentan arbeite ich an einer kleineren Erzählung, die ich in ein paar Wochen abgeben muss und aus der Sie mich herausgerissen haben, weil ich vergessen hatte, dass Sie anrufen. Und danach kann ich, so Gott will, endlich anfangen mit dem nächsten Roman.

Dann lassen Sie uns Schluss machen. Oder wollen Sie über den Roman schon etwas verraten?

Natürlich nicht.

Terézia Mora wurde 1971 im ungarischen Sopron geboren. 1990 kam sie nach Deutschland, studierte Hungarologie und Theaterwissenschaft in Berlin und wurde an der Deutschen Film- und Fernsehakademie zur Drehbuchautorin ausgebildet. 1999 erhielt sie für die Erzählung Der Fall Ophelia den Ingeborg-Bachmann-Preis. Im selben Jahr kam ihr Erzählband Seltsame Materie heraus, dem der Chamisso-Förderpreis zugesprochen wurde.

Moras Romandebüt Alle Tage (2004) wurde mit dem Mara-Cassens-Preis, dem Kunstpreis Berlin, dem LiteraTour-Nord-Preis und dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. Terézia Mora lebt und arbeitet in Berlin.
Thomas Köster
ist einer von zwei Leitern eines Redaktionsbüros und arbeitet als Kultur- und Wissenschaftsjournalist (Frankfurter Allgemeine Zeitung, Süddeutsche Zeitung, NZZ am Sonntag, Westdeutscher Rundfunk) in Köln.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Juni 2010

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