Neue deutschsprachige Gegenwartsliteratur

Raum für Austausch

Über den neuen Charme der zeitgenössischen deutschen Literatur, die Möglichkeit, Leser zum „Schwingen“ zu bringen und das Kulturgut Übersetzung. Ein Interview mit dem Leiter des Bereichs Literatur und Übersetzungsförderung des Goethe-Instituts, Clemens-Peter Haase.

Wladimir Kaminer hat kürzlich erklärt, er habe jedes Goethe-Institut in der Welt bereist. Auch Autoren wie Günter Grass, Ingo Schulze, Uwe Timm oder Ulrike Draesner sind dem Goethe-Institut verbunden. Welche Autorinnen und Autoren lädt das Goethe-Institut ein?

Haase: Entscheidend ist vor allem die literarische, also die ästhetische und thematische Relevanz der Texte. Die Autorinnen und Autoren, die das Goethe-Institut einlädt, repräsentieren bestimmte Strömungen und Themen der Gegenwartsliteratur. In der Regel stehen diese Autoren im Fokus des Literaturbetriebs, aber nicht nur, weil sie prominent sind, sondern weil ihre Literatur relevant ist für die Diskurse der deutschen Gegenwartsliteratur. Wir laden auch weniger prominente Autorinnen und Autoren ein, etwa im Rahmen von Festivals, des Debüts oder im Umfeld von Buchmessen im Ausland. Aber wir sind immer darauf angewiesen, dass Literaten, die wir einladen, sich auf das Gespräch mit anderen Autoren und mit dem Publikum einlassen.

Worin besteht für Autoren der Reiz einer Einladung des Goethe-Instituts?

Haase: Das Goethe-Institut will Begegnung ermöglichen und Räume für Dialoge schaffen. Dabei sind wir auf die Mitwirkung der Autorinnen und Autoren angewiesen. Fast alle von ihnen sind neugierig darauf, sich einem fremden Publikum zu stellen und mit einem fremdkulturellen Kontext konfrontiert zu werden. Sie wollen wissen, wie man auf ihre Literatur reagiert, denn die Rezeption im Ausland unterscheidet sich häufig stark von der in Deutschland. Einige Autoren haben zu bestimmten Ländern eine besondere Beziehung, andere, von denen es bereits Übersetzungen gibt, werden im Ausland bereits stark rezipiert, wie Uwe Timm in Italien oder etwa Arno Geiger, Katharina Hacker, Daniel Kehlmann, Frank Schätzing, Ingo Schulze und Juli Zeh.

Gehen sie auf Wünsche der Autoren ein, die ins Ausland reisen wollen?

Haase: Das Entscheidende ist weniger der Wunsch des Autors als der thematische Kontext: Wer passt mit welchen Fragestellungen wohin? Man muss sich in einen potenziellen Leser im Ausland hineinversetzen. Warum soll er sich für einen bestimmten Autor interessieren? Die Tatsache, dass dieser einen Bestseller geschrieben hat, reicht nicht aus. Ob es gelingt, etwas in dem Leser „zum Schwingen“ zu bringen, hat immer mit seiner Situation zu tun und mit seinen Interessen. Hier bieten sich oft wechselseitige Themen an: Ein aktueller Trend, der in vielen Ländern besteht, wenn auch zeitversetzt, ist die Rekonstruktion von Geschichte im Lichte der eigenen Familiengeschichte. In Spanien gab es eine Debatte über den Bürgerkrieg und darüber, wie dieser als Schatten auf den Generationen lastete. Erst heute wird auf andere Weise darüber gesprochen und geschrieben. Auch in Deutschland artikuliert sich ein anderer Ton in der Interpretation des deutschen Faschismus, als dies noch vor Jahren der Fall war. Ein wechselseitiger Austausch kann hier sehr erhellend sein.

Was zeichnet die deutschsprachige Literatur aktuell aus? Welche Autoren und Genres sind im Ausland besonders gefragt?

Haase: Die deutsche Literatur hat sich in den letzten Jahren international stärker ins Gespräch gebracht. Ihr Image im Ausland hat sich geändert. In den 1980er Jahren hat man ihr Verschrobenheit und Kopflastigkeit vorgeworfen. Deutsche Literatur galt lange Zeit als sperrig. Die heutigen Autoren wenden sich wieder stärker den „eigentlichen Themen des Lebens“ wie Kindheit, Adoleszenz und Liebe zu. Der historische Roman und der klassische Abenteuerroman erleben eine Renaissance. Denken wir z.B. an Ilija Trojanows „Weltensammler“ oder Daniel Kehlmanns „Vermessung der Welt“. Andere Impulse kommen aus dem, was man früher etwas pauschal „Migrantenliteratur“ genannt hat. Die meisten dieser Autoren sehen sich vielmehr als deutsche Autoren. Rafik Schami, Feridun Zaimoğlu, Emine Sevgi Özdamar, Terézia Mora, Said und andere haben eine eigenständige Stimme in das Konzert der deutschen Gegenwartsliteratur gebracht. Es sind Dutzende, Hunderte mittlerweile. Das ist eine erstaunliche Entwicklung der letzten fünfzehn bis zwanzig Jahre. Wir erleben auch den stärker werdenden Einfluss des Slam. Performative Formen von Literatur sind en vogue, und oft mischt sich die Darbietung eines literarischen Textes mit musikalischen Formen der Performance. Das Spektrum der deutschen Gegenwartsliteratur hat sich dynamisch aufgefächert. Sie ist interessanter, vielschichtiger, bunter geworden. Das ist im Ausland nicht unbemerkt geblieben.

Wo sehen sie den Unterschied von Lesungen oder anderen Literaturveranstaltungen, die das Goethe-Institut organisiert, im Vergleich zu denen von international agierenden Literaturagenturen? Wen sehen Sie als Ihre Zielgruppe?

Haase: Wir haben unterschiedliche Zielgruppen im Blick: Das Goethe-Institut richtet sich mit seinen Veranstaltungen häufig an ein Fachpublikum mit ausländischen Verlegern, Übersetzern, Germanistikdozenten und -studenten oder Literaturwissenschaften, aber auch an ein breiteres Publikum. Grundsätzlich ist es für das Goethe-Institut wichtig, auf multiplikatorische Effekte zu setzen und dialogische Aspekte zu betonen: Partner und gegebenenfalls Zielgruppen sollen möglichst an den Veranstaltungen beteiligt werden. Wichtig ist uns auch, dass Autoren aus dem Gastland mit auf dem Podium sitzen, man sich gegenseitig einführt und miteinander und dem Publikum ins Gespräch kommt. Darüber hinaus erproben wir auch verstärkt virtuelle Formen der Vermittlung – etwa im Kontext unserer Stadtschreiberprojekte: Zusammen mit literaturhaeuser.net, ARTE als Medienpartner und Partnern im Ausland haben wir im Kontext der Gastlandauftritte auf der Frankfurter Buchmesse Autorinnen und Autoren aus der arabischen Welt, aus Indien und in diesem Jahr aus Katalonien nach Deutschland eingeladen. Umgekehrt wurden deutsche Autorinnen und Autoren in die jeweiligen Länder geschickt. Bestandteil dieses Projektes ist ein Internettagebuch, in dem die Autoren synchron ihre Erfahrungen in den für sie fremden Kulturen und Umgebungen literarisch reflektieren. Das ist ein ambitioniertes und vielschichtiges Projekt, das andere Präsentationsformen als die „realen“ nutzt, ohne diese zu vernachlässigen: Die Autoren lesen in den Literaturhäusern und Goethe-Instituten, und zum Abschluss treten alle auf der Frankfurter Buchmesse auf. Durch Chats und Leserforen integriert dieses Programm auch interaktive Elemente.

In Deutschland sind die Aktivitäten des Goethe-Institut im Literaturbereich nur wenig bekannt. Wie gestaltet sich die Kooperation mit Verlagen und Literaturagenturen in Deutschland?

Haase: Unsere primäre „Spielfläche“ ist das Ausland. Gleichwohl versuchen wir auch, exemplarische Projekte in Deutschland der Öffentlichkeit vorzustellen. Foren dafür sind unter anderem die Buchmessen. Wir sind dort seit einigen Jahren mit unserem Programm und eigenen Formaten präsent. Wir bemühen uns darüber hinaus, im Inland Beziehungen zu den literarischen Szenen, unseren Partnern und anderen Trägern der Literaturvermittlung zu etablieren. Eine intensive Zusammenarbeit mit den Verlagen gibt es auch in der Übersetzungsförderung.

Übersetzungsförderung ist neben der Literaturvermittlung der zweite Bereich der Literaturarbeit des Goethe-Instituts. Welches Ziel verfolgt die Übersetzungsförderung?

Haase: Wir fördern jährlich die Übersetzung von ca. 250 bis 300 Titeln, die auf dem deutschen Buchmarkt in den Bereichen Gegenwartsbelletristik und -lyrik, Kinder- und Jugendbuch, aber auch Sachbuch und Wissenschaft erschienen sind. Der Hauptakzent liegt mittlerweile auf der Gegenwartsbelletristik. Für internationale Verlage ist die Übersetzungsförderung des Goethe-Instituts ein Service, um deutsche Titel besser auf die ausländischen Märkte zu bringen, und auf der anderen Seite können steuerungspolitische Impulse für die Verbreitung bestimmter Titel gegeben werden. Beides geht Hand in Hand und ist in seiner Wirkung sicher nicht zu unterschätzen.

In welche Sprachen wird derzeit am meisten übersetzt?

Haase: Die stärksten Lizenznehmer sind mittlerweile osteuropäische Länder, speziell Polen und Tschechien, die bereits mehr Lizenzen auf dem deutschen Buchmarkt einkaufen als China und Korea. Das bildet sich bei uns auch in den Bewerbungen um Übersetzungsförderung ab. Auch in der arabischen Welt gibt es eine positive Entwicklung, die auch die Nachhaltigkeit unserer Vermittlungsbemühungen unterstreicht: Die Zahl der Bewerbungen von Übersetzungen ins Arabische hat deutlich zugenommen. Wir konnten bereits Dutzende von Übersetzungen unterstützen. Das war vor vier bis fünf Jahren noch nicht der Fall.

Wer entscheidet über die Bewerbungen um Übersetzungsförderung?

Haase: Eine Jury aus je einem Vertreter des Auswärtigen Amtes, der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), des Verlagswesens und der Universitäten entscheidet über Förderung und deren Höhe. Im Prinzip kann sich jeder ausländische Verlag um eine Übersetzungsförderung bewerben. Er muss eine Kalkulation, eine Projektskizze und die Stellungnahme des jeweiligen Auslandsinstituts beifügen, bevor die Bewerbung in die Zentrale nach München geschickt wird. Dieses Modell ist nicht einzigartig. Es gibt andere Träger der Übersetzungsförderung wie das Literarische Colloquium Berlin oder die Gesellschaft zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika e.V., die ähnlich arbeiten. Wir müssen sicherstellen, dass der Übersetzer in den Genuss der Förderung kommt und die Übersetzungsförderung nicht als Subventionierung der Druckkosten missbraucht wird. Auch wenn hier die Grenzen fließend sind, unsere Förderung gilt primär dem Kulturgut Übersetzung und weniger dem Wirtschaftsgut Buch.

Gibt es Synergien zwischen Literaturvermittlung und Übersetzungsförderung?

Haase: Unser Anspruch ist es, die Übersetzungsförderung stärker in die Literaturvermittlung einzubinden. Das bedeutet etwa, dass man Autoren ins Ausland einlädt, wenn die Übersetzung einer ihrer Titel zur Debatte steht. Oder dass man, nach der Übersetzung, durch die Einladung von Autoren die Verbreitung des Werkes unterstützt. Hier ist auch die Zusammenarbeit mit deutschen Verlagen gewünscht und gesucht. Allerdings immer unter dem Primat der thematischen Bezüge, die in der Vermittlungsarbeit im Vordergrund stehen. Unser Interesse ist kein primär kommerzielles, und unsere Aufgabe ist es auch nicht, Subventionspolitik zu betreiben, sondern etwas für die Verbreitung der deutschen Gegenwartsliteratur zu tun. Ein anderer Bereich, in dem Synergien entstehen, ist die Weiterqualifizierung von ausländischen Übersetzern. Wir organisieren vor Ort Maßnahmen der Übersetzerförderung, in denen Fragen des literarischen Übersetzens diskutiert werden. Übersetzer sind für uns von herausragender Bedeutung. Häufig sind sie es, die den Vorschlag zur Übersetzung eines Buches manchen und nicht die Verlage. Sie können die Trends in Deutschland oft schneller beurteilen. Eine künftige Herausforderung ist es, die Übersetzungsförderung noch stärker mit der Übersetzerförderung zu harmonisieren. (1)

Die Fragen stellte Ines Hansla.

(1) Zu diesem Thema veranstaltet das Goethe-Institut am 24. Januar 2008 in München ein Hearing.

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