Neue deutschsprachige Gegenwartsliteratur

Poesie auf allen Kanälen – Die neuen Medien tun der Lyrik gut

`Schiller-Gedichte per SMS´ von der Fa. Haase u. Martin GmbH, www.haaseundmartin.de; Copyright: Haase und MartinCover `Lyrik nervt´ von Andreas Thalmayr; Copyright: Hanser-VerlagLyrik gilt gemeinhin in Deutschland als schwierig, als sperrig, als schwer genießbar. Verlage klagen seit Jahrzehnten darüber, dass sich Lyrik nicht verkaufen lasse. Ganze Generationen verbinden mit Lyrik nur den angestaubten Literaturunterricht von Lehrern, die sich ihrerseits von ihren Lehrern mit Lyrik gequält fühlten.

"Das Problem ist, dass Lyrik nach wie vor ein völlig demoliertes Image hat", erklärt Dr. Thomas Wohlfahrt, der Leiter der Literaturwerkstatt Berlin. "Wir sind völlig verstellt, was den poetischen Zugang zum Gedicht betrifft. Doch zum Glück ändert sich daran gerade ein bisschen was. Der Lyrik geht es heute deutlich besser als noch vor einigen Jahren."

Erste Anzeichen einer neuen Blütezeit

Von einem Boom zu sprechen, scheint ihm jedoch übertrieben. "Das ist so ein Medienbegriff, der mit der Realität in der Regel nichts zu tun hat", sagt Wohlfahrt. "Aber: Es ist wirklich auffällig, dass Lyrik so etwas wie ein Revival hat."

Dass die Lyrik zurückkommt, prophezeit auch Hans Jürgen Balmes, Lektor beim Verlag S. Fischer. Die Dichtkunst stehe nach Jahren des Niedergangs vor einer neuen Blütezeit. "Im Moment kommt es mir so vor, als wenn das schwarze Loch, in dem die ganze Lyrik für die größere Öffentlichkeit verschwunden ist, so viel Masse hat, dass es irgendwann explodieren muss", sagte er in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur (dpa) anlässlich des Welttags der Poesie.

Wiederentdeckung von Rhythmus und Klang

Poetry-Show für Kinder auf dem Poesiefestival Berlin; Copyright: Literaturwerkstatt/Foto: gezett.deFür Thomas Wohlfahrt hat das Revival der Lyrik ganz unterschiedliche Hintergründe und Voraussetzungen. "Es ist ein medialer Wandel im Gange." Verantwortlich dafür sei unter anderem der Rhythmus unserer Zeit. In dieser relativen Schnelllebigkeit greift man eher zu einer kurzen Form als zu einem 800-Seiten-Roman. SMS-Gedichte sind vielleicht der deutlichste Ausdruck dieser Tendenz.

"Der Wandel hat aber auch damit zu tun, dass nun wieder zutage kommt, was das Gedicht zum Gedicht macht. Das ist auch das, worüber es spricht, aber noch vielmehr das, woraus es gemacht ist – nämlich aus Rhythmus und Klängen, also diesen ganz stark musikalischen Elementen."

Lyrik als Hörerlebnis

Cover `Lauter Lyrik´; Copyright: Patmos-VerlagTatsächlich verkauft sich Lyrik im Buch heute nicht besser oder schlechter als noch vor einigen Jahren – und das bedeutet: nach wie vor nicht gut. "Doch immer dann, wenn das Gedicht sein Instrument bekommt, nämlich die menschliche Stimme, dann funktioniert es", so beschreibt Wohlfahrt den Trend zum Lyrikhören. Und der schlägt sich auch in Verkaufszahlen nieder.

Der Hörverlag in München, Deutschlands Marktführer im Hörbuchbereich, gibt beispielsweise an, mit Lyrik, die fünf Prozent seines Programms ausmacht, acht Prozent des Umsatzes zu erzielen. "Das ist eine Relation, von der Printverlage nur träumen", sagt Wohlfahrt – und ergänzt: "Beziehungsweise: Sie haben längst aufgehört, davon zu träumen." Denn viele der großen traditionsreichen Verlage haben ihr Lyrikprogramm in den letzten Jahren auf Null heruntergefahren.

"Man muss Lyrik medial anders denken und aufbauen", meint Thomas Wohlfahrt. "Denn Lyrik ist eine doppelmediale Kunst, eine Kunst, die das Lesen genauso braucht wie das Hören. Für meine Begriffe wäre das Buch zur CD – statt der CD zum Buch – die richtige Konsequenz."

Dafür spricht auch der Erfolg der Internetplattform lyrikline.org, mit der die Literaturwerkstatt Berlin den internationalen Austausch von Poesie organisiert. Auf den Webseiten des Projekts, das mit dem Grimme-Online-Award 2005 ausgezeichnet wurde, kann man rund 4.700 Gedichte von 470 Dichtern in 49 Sprachen hören und nachlesen. Seit seiner Gründung im Jahre 1999 wird das Portal von über drei Millionen Lyrikfreunden aus über 80 Ländern besucht; täglich kommen 1.500 bis 2.500 Besucher auf die Seite.

`Schiller-Gedichte per SMS´ von der Fa. Haase u. Martin GmbH, www.haaseundmartin.de; Copyright: Haase und Martin

Poesie per Videoclip

Mit Youtube und seinen Verwandten finden Gedichte nun auch noch in einem anderen Medium zunehmend Verbreitung – im Film. Das ist zwar grundsätzlich nichts Neues; das Genre der Poesiefilme geht bis in die Anfänge der Filmkunst zurück. Doch die neuen Technologien haben hier für einen deutlichen Entwicklungsschub gesorgt.

"Der Film ist heute", so erklärt Thomas Wohlfahrt, "ästhetisch in der Lage, der Struktur eines Gedichtes zu antworten. Ihm gelingt es, heute das zu tun, was das Gedicht seit 5.000 Jahren kann – nämlich hin- und herzuswitchen von der Realität in die Virtualität der Bildwelt." Der Poetry-Film entwickle sich zusehends zu einem klar abgrenzbaren Genre, das zu einer Verbreitung und Neuaufwertung von Poesie beitrage.

Der Lyrik in Deutschland bekommen die neuen Medien offenbar gut. Das seit 2000 jährlich stattfindende Poesiefestival in Berlin ist mittlerweile mit 10.000 bis 12.000 Besuchern das größte in Europa. "Doch im weltweiten Vergleich ist es immer noch ein ganz kleines", räumt Wohlfahrt ein. "Das weltgrößte seiner Art findet in Kolumbien statt, in Medellín – mitten in den Banden- und Drogenkriegen – und wird jährlich von bis zu 150.000 Menschen besucht."

Dagmar Giersberg
arbeitet als freie Publizistin in Bonn.

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Juli 2008

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