Literatur und Migration – zur Notwendigkeit der begrifflichen Schärfung einer literarischen Szene

Die Literatur von Migranten in Deutschland hatte nie zuvor eine solche öffentliche Aufmerksamkeit und Wirkung wie derzeit. Dies lässt auf Transformationsprozesse schließen, aber um welche Transformationen geht es?
Die „Große Erzählung“, der „klassische“ Nationalstaat auf der Basis ethnischer Zugehörigkeiten mit seiner Tendenz zur kulturellen Homogenisierung, ist im Umbruch. So zurückhaltend der Begriff der „kulturellen Identität“ zu diskutieren ist: Das politische und ästhetische Konzept einer „Leitkultur“ unter den Bedingungen von Wanderungsbewegungen führt in die Sackgasse. Identität definiert sich heute ungleich nuancierter, als dass sie sich im Bekenntnis zu einer „Leitkultur“ auch nur annähernd adäquat aufgehoben fühlen könnte.
Doch auch die klassischen Multikulturalismus-Utopien sind an ihre Grenzen gestoßen. Identität wird zunehmend gestiftet durch Hybridität, multiple Formen gesellschaftlicher und individueller Organisation, Transkulturalität und ein Nationalitätsverständnis, das sich vom Anspruch kultureller Homogenisierung oder des kulturellen „nebeneinander“ emanzipiert.
Die Literatur der Migranten in Deutschland spiegelt diese Veränderungen in der Wahl der Sujets, ihrer Themen und Motive und in den jeweiligen ästhetischen Orientierungen. Die Dichotomie vom „Eigenen“ und vom „Fremden“, die beim Blick auf diese Literatur lange Zeit im Vordergrund stand, beschreibt heute nicht mehr die aktuelle Literatur der Migranten in Deutschland, die sich ganz selbstverständlich als ein Teil der deutschen Gegenwartsliteratur versteht. Der türkischstämmige Autor Zafer Şenocak hat schon vor fünfzehn Jahren darauf hingewiesen, dass sich die Überwindung dieser Dichotomie nur als ein Prozess „innerhalb der deutschen Kultur…, nämlich zwischen der deutschen Vergangenheit und der deutschen Gegenwart“ und nicht etwa als einer zwischen der deutschen Kultur und der Kultur des Herkunftslandes vollziehen könne.
Heimatverlust und Fremdheit
Die 70er und die frühen 80er Jahre waren besonders bei den aus der Türkei und Italien stammenden Autoren durch die Auseinandersetzung mit Identitätskrisen, mit der Entwurzelung durch Heimatverlust, geprägt. Hier wären Autoren wie Nevzat Üstün, Bekir Yildiz und vor allem Yüksel Pazarkaya, aber auch Franco Biondi und Gino Carmine Chiellino zu nennen. Auch wenn einige von ihnen im Werkkreis Literatur der Arbeitswelt engagiert waren, blieb die Etikettierung dieser Literatur als „Gastarbeiterliteratur“ irreführend und ohne viel Aussagekraft. Die poetischen Konzepte dieser Autoren unterschieden sich durchaus voneinander.
Die 80er Jahre
Es folgten seit Mitte der 80er Jahre Autorinnen und Autoren, deren Themen weniger Heimatverlust oder Fremdheit in einem konkreten, sondern Entfremdung in einem abstrakten Sinne sind. Die vielleicht prominenteste von ihnen, die aus der Türkei stammende Emine Sevgi Özdamar, weckte quasi über Nacht die Aufmerksamkeit der literarischen Öffentlichkeit für diese Literatur – begünstigt auch durch die Krise, in der sich die herkömmliche deutsche Gegenwartsliteratur zu befinden schien. Es blieb in der Rezeption zunächst wenig beachtet, dass hier sprachlich und durch den Einzug ganz neuer Bilderwelten in den Text formal und inhaltlich hybride Transformationen stattgefunden haben. Ökzan Zeli meint: „Es findet keine multikulturelle oder interkulturelle, sondern eine transkulturelle Kommunikation statt.“
Ankunft im Raum des Hybriden
Wenige Jahre später wird dieses literarische Programm – sprachliche Verfremdung, transkulturelle Kommunikation vermittels hybrider Wortschöpfungen, postnationale Motivik und Thematik – bei Feridun Zaimoğlu, in „Kanak Sprak“ (1995) und „Abschaum“ (1997) zum Markenzeichen. Die Literatur der Migranten war im Raum des Hybriden angekommen. Die Migrantenexistenz wird zwar durchaus überhöht, aber in einem existenziellen Sinn zur Metapher für die Existenz des Individuums unter den Bedingungen einer postmodernen Welt. Migration als reale Erfahrung wird metaphorisch transformiert und im Sinne der „existenzielle(n) Situation der Wanderung, des Übergangs, der Hybridität ... als Universalie der globalisierten Welt“ (Michael Hofmann) gedeutet.
Nur im Deutschen lässt sich präzise träumen
Die jüngere und mittlere Generation der Autoren hat (Mutter-)Sprache und Herkunft hinter sich gelassen und in der deutschen Sprache das Medium ihres literarischen Ausdrucks gefunden. So schreibt Marica Bodrožić in ihrem poetologischen Essay „Sterne erben, Sterne färben. Meine Ankunft in Wörtern“ (2007): „Das Größere der Freiheit ist mir im Deutschen möglich geworden, gerade durch den Entzug alles Vertrauten…Aber irgendwann wurde die deutsche Sprache ein Terrain des Wissens, des Fragens auch, und damit kehrte etwas wie Entschiedenheit in mein Leben ein. Nur im Deutschen ließ es sich präzise träumen.“ In diesen Worten wird das Credo einer poetischen Existenz spürbar, die sich erst durch eine Art Wiedergeburt verwirklicht und damit aber auch eindeutigen Zuordnungen entzieht.
Erzählbare Welt
Hybridität wird zum Schlüsselbegriff. Es gibt mittlerweile hunderte Autoren mit Migrationshintergrund, die das Spektrum der deutschen Gegenwartsliteratur maßgeblich mitprägen. Hybridität, Transkulturalität und Postnationalität haben in der deutschen Gegenwartsliteratur neue emanzipatorische Perspektiven sowohl in poetologischer wie auch in ästhetischer Hinsicht aufscheinen lassen. Das Spektrum der Migrationsliteratur selbst hat sich parallel und quasi synchron zu seinem Bedeutungszuwachs aufgefächert. Die Romane und Erzählungen von Autorinnen und Autoren wie Ilija Trojanow, Feridun Zaimoğlu, Marica Bodrožić, Sherko Fatah, Dimitré Dinev, Rafik Schami, Terézia Mora und anderen gehören zu den popularitätsträchtigsten und bestverkauften literarischen Titeln des deutschen Buchmarktes. Sie alle, die sie aus mehr oder weniger stark ausgeprägten oralen Erzähltraditionen kommen, beweisen, dass die Welt auch im dritten Jahrtausend erzählbar bleibt und dass sie erzählt werden will.
| Literatur:
Heinz Ludwig Arnold (Hg.): Literatur und Migration (= Text+Kritik. Sonderband IX), München 2006 Marica Bodrožić: Sterne ereben, Sterne färben. Meine Ankunft in Wörtern, Frankfurt/M. 2007 Jürgen Erfurt (Hg.): „Multisprech“: Hybridität, Variation, Identität, Duisburg 2003 Karl Esselborn: Von der Gastarbeiterliteratur zur Literatur der Interkulturalität: Zum Wandel des Blicks auf die Literatur kultureller Minderheiten in Deutschland. In: Jahrbuch Deutsch als Fremdsprache 23 (1997), S. 47-75 Klaus Hübner: Eine unübersehbare interkulturelle Vielfalt –Migrantenliteratur in Deutschland. www.goethe.de/ges/pok/prj/mig/fli/de3151492.htm Paul Michael Lützeler (Hg.): Schreiben zwischen den Kulturen. Beiträge zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, Frankfurt/M. 1996 Ilma Rakusa: Zur Sprache gehen. Dresdner Poetikvorlesungen 2005, Dresden 2005 Yoko Tawada: Wo Europa anfängt, Tübingen 1991 Dies.: Talisman. Literarische Essays, Tübingen 1996 Dies.: Verwandlungen. Tübinger Poetikvorlesungen, Tübingen 1998 Sigrid Weigel: Literatur der Fremde – Literatur in der Fremde. In: Gegenwartsliteratur seit 1968 (= Hansers Sozialgeschichte der deutschen Literatur), hg. von Klaus Briegleb und Sigrid Weigel, München 1992, S. 182-230 Wolfgang Welsch: Grenzgänge der Ästhetik, Suttgart 1996 Ders.: Transkulturalität. Zwischen Globalisierung und Partikularisierung. In: Jahrbuch Deutsch als Fremdsprache 26 (2000), S. 327-351 |
ist Leiter des Bereichs Literatur und Übersetzungsförderung in der Zentrale des Goethe-Instituts, München
Bei dem Beitrag handelt es sich um die Kurzfassung eines Aufsatzes, der unter dem Titel „Transkulturalität, Hybridität, Postnationalität – Anmerkungen zu einem Diskurs über die Literatur von Migranten in Deutschland“ im Oktober 2008 in der 8. Ausgabe des Valerio, der Heft-Reihe der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, erschienen ist.
Copyright: Goethe-Institut e.V., Online-Redaktion
Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de
Oktober 2008










