Neue deutschsprachige Gegenwartsliteratur

Gewebte Geschichte – die junge Autorin Larissa Boehning

Larissa Boehning; Copyright: Eichborn Verlag/Foto Thomas MüllerLarissa Boehning; Copyright: Eichborn Verlag/Foto Thomas MüllerLarissa Boehning reiht sich mit ihrem Erzählband und einem Familienroman über die deutsche Vergangenheit in eine Riege erfolgreicher deutscher Schreibdebütantinnen ein. Nach dem Erfolg ihres Erstlings sitzt sie nun an einem neuen Buch.

Das Ungesagte gehört zu jeder Familiengeschichte. Wie in Bernstein eingekapselt werden Geheimnisse von Generation zu Generation weitergegeben, ohne aufzufallen. Auch was verschwiegen wird, wird so Teil der eigenen Erinnerung. Jetzt, da in Deutschland die Augenzeugengeneration der Nazizeit verschwindet, machen sich deren Enkelinnen und Enkel vermehrt daran, jene Lücken aufzuspüren. Jene so ortlose Jugend geht nun den geerbten Geschichten nach, Leerstellen inklusive.

Gesponnene Materialien

Larissa Boehning `Schwalbensommer´; Copyright: Eichborn VerlagDas Suchen und Finden einer Geschichte, das ist das Grundprinzip jeden schriftstellerischen Schaffens. Und indem Larissa Boehning in ihrem ersten Roman eine junge Frau auf Entdeckungsreise in die eigene Familienvergangenheit geschickt hat, hat die Autorin auch gleich eine Geschichte übers Geschichtenerzählen geschrieben. Dass ausgerechnet Materialien wie Turnschuhstoffe, Huttextilien und Leinwand eine entscheidende Rolle spielen, überrascht da nicht weiter: gewebte, gesponnene Materialien allesamt, und damit letztlich strukturverwandt mit Erzählungen. Man könnte auch sagen: Texturen.

Larissa Boehning ist jung und schreibt; sie hat mit dem Erzählband Schwalbensommer 2003 Aufmerksamkeit erregt und dann einen Roman hinterhergeschoben, für den sie auch postwendend Preise einheimste, er war sogar nominiert für den Deutschen Buchpreis. „Fräuleinwunder“ lautet das Etikett, das ihr aufgeklebt wird, „die neue Judith Hermann“ ein anderes. Ja, sie war mit Anfang 30 schon ganz schön erfolgreich, räumte seit 2000 bald jedes Jahr eine Auszeichnung ab, ja, sie hat mit Kurzgeschichten begonnen – und dennoch ist bei Larissa Boehning alles ein bisschen anders.

„Ich habe ziemlich lange gebraucht, bis ich gesagt habe: Ich bin Schriftstellerin“, sagt Boehning, die nach vier Jahren Mallorca mit ihrer Familie wieder in Berlin wohnt. „Das Schreiben war zwar immer verlockend, aber ich wollte den Druck nicht noch erhöhen.“ Jetzt, zwei Bücher, hymnische Kritiken, unzählige Stipendien später, fühle es sich „selbstverständlicher“ an, zu schreiben. Die finanzielle Freiheit sei „ein unglaublicher Luxus“. Sie muss sich nicht mehr neben dem Vollzeitjob als freie Graphikdesignerin und Mutter zweier Kinder jede Minute für ihre Schreiberei abknapsen. Es sei ein permanentes Ringen gewesen, erinnert sie sich, die Arbeit am Roman aufreibend.

Das erlebte Fremdheitsgefühl

Larissa Boehning `Lichte Stoffe´; Copyright: Eichborn VerlagDie Geschichte, die Boehning für den Roman Lichte Stoffe fand, spinnt sich um jene erwähnte junge Frau auf Reise ins Gestern. Die Geschichte, die diese Frau namens Nele, suchen und finden will, ist die ihrer Mutter und Großmutter, einer Familie, in der sich deutsche Historie und transatlantische Beziehungen überlappen: Da ist die Liebe zwischen einem schwarzen US-Soldaten und einer Deutschen in der Nachkriegszeit, da sind ihre Nachkommen, die sich zwischen USA und Deutschland nach Heimat sehnen. Der Auslöser der Suche: ein Gemälde des französischen Impressionisten Edgar Degas, ein Erbstück, Beutekunst. „Ich habe mich immer geschichtslos gefühlt“, erklärt Boehning. Sie sagt von sich selbst, sie sei „sehr westdeutsch sozialisiert“, was in den Achtzigern auch gleichzeitig meinte: auf amerikanische Kultur ausgerichtet. In ihren Zwanzigern lebte sie dann tatsächlich längere Zeit im Mittleren Westen der USA; kaum dort, sehnte sie sich nach Europa. Dass sie dieses Hin und Her zwischen dem einst verheißenen Land und Deutschland zum Zentrum ihres Romans erklärte, sei ein Reflex auf das erlebte „Fremdheitsgefühl“.

Ein Jahr nachdem Lichte Stoffe erschienen ist, hat sich für Larissa Boehning nicht nur finanziell viel geändert. Es scheint, als habe sich auch in ihrem erzählerischen Selbstverständnis Neues entwickelt. Sie sei sicherer, erklärt sie, „ich kann meiner Sprache stärker trauen, mehr ausprobieren.“ Auch andere Erzählformen: Gerade hat sie ein Drehbuch für eine Stuttgarter Tatort-Folge mitentwickelt, nun sitzt sie an zwei anderen Filmstoffen.

Das filmische Erzählen

Wer ihre Bücher kennt, den wundert kaum, dass die 37-Jährige das filmische Erzählen für sich entdeckt hat. Das Bildhafte ihrer Szenen fällt sofort ins Auge. Eine geschilderte Handbewegung reicht bei ihr völlig, um das Wesen einer Figur zu begreifen: „Sie ging ins Bad, stellte ihre durchsichtige Kosmetiktasche auf die Ablage unter den Spiegel und hob sie gleich wieder hoch; es kam ihr unpassend vor, sich hier einzurichten“, heißt es etwa in einem der „Schwalbensommer“-Stücke. Und wenn zwei Leute eine Partyszenerie in Phoenix betreten, genügt das skizzenhafte „eine Frau in einer rosa Bluse und ein Mann in knielangen Shorts“, um einen nachhaltigen Eindruck zu hinterlassen. Auch Boehnings Gefühl fürs gesprochene Wort passt da ins Bild: Dialoge, Monologe, sie sind fürs Hören geschrieben. Sätze rascheln nicht übers trockene Papier, sie sind so eingängig wie eine zufällig belauschte Unterhaltung.

Selbst ihre Art, einen Plot zu entwerfen, erinnert an die Schnitttechnik beim Film, an das Wechseln der Perspektiven. Der Lesefluss verändert ständig seinen Rhythmus, da sind Absätze, die Unerwartetes aneinanderschneiden, Semikola, die sofort eine angespannte Ruhe auslösen. Sie wolle viele sein, um „nicht nur ‚ich’ sagen zu müssen“, sagte die Autorin einmal. Dass auf den Erzählband ein Roman folgte, dessen Geschichte sich aus mehreren Stimmen zusammensetzt, ist daher nur konsequent.

Der neue Roman, an dem sie derzeit sitzt, ist wieder multiperspektivisch angelegt, erneut eine Familiengeschichte. Schon der Titel, Das Glück der Zikaden, verweist auf das warme Gezirpe der langen balearischen Sommer. Der Roman spielt auf Mallorca, „das verblühte Paradies“, jenem anderen fremden Ort, an dem Boehning so lange gelebt hat. Eine weitere alte Heimat, die sie nun ihrer eigenen Familiengeschichte eingewebt hat.

Larissa Boehning (*1971) studierte Kulturwissenschaften, Philosophie und Kunstgeschichte. Nach vier Jahren in Palma de Mallorca lebt sie seit 2007 wieder in Berlin. 2000 gewann sie den Kurzgeschichtenwettbewerb des „Jetzt“-Magazins. 2002 erhielt sie den Literaturpreis Prenzlauer Berg. „Lichte Stoffe“ wurde 2007 als bester deutschsprachiger Debütroman ausgezeichnet. Boehning unterrichtet regelmäßig an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf kreatives und literarisches Schreiben.

Larissa Boehning:
Schwalbensommer. Erzählungen
Eichborn Berlin 2003
160 Seiten, 17,90 Euro.

Lichte Stoffe. Roman
Eichborn Berlin 2007
324 Seiten, 19,95 Euro

Anne Haeming
schreibt als freie Autorin für Print- und Onlinemedien.

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November 2008

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