„Ich bin eine langsame Schreiberin“ – Judith Hermann im Gespräch

Als Judith Hermanns erster Erzählband „Sommerhaus, später“ 1998 erschien, feierte die Kritik die damals 28-Jährige als neuen Star. Ein Gespräch mit der Autorin über glückliche Fügungen, das Eigenleben der Texte und die verrinnende Zeit beim Schreiben.
Frau Hermann, konnten Sie mit dem Begriff „Fräuleinwunder“ eigentlich etwas anfangen?
Nein, nicht allzu viel. Aber ich habe mich auch nicht darüber geärgert. Am ehesten war ich vielleicht – amüsiert? Der Begriff ist ja auch wieder aus der Mode gekommen, wahrscheinlich, weil wir in die Jahre gekommen sind, weil die große Euphorie, während derer diese Kategorie so geistreich erfunden worden ist, ja auch wieder abgeklungen ist. Ich habe damals das Wort vom Fräuleinwunder der Neigung zum Kategorisieren zugeschrieben. Und das war’s.
Würden Sie es als Schicksal bezeichnen, als „Wunder“ gehandelt worden zu sein?
Ich bin nicht als ein Wunder gehandelt worden. Ein Fräuleinwunder ist eben kein Wunder, es ist eine halbe Sache, ein klein gemachtes Wunder, eine abschätzige Angelegenheit. Ich war weder Wunder noch Fräulein. Es ist alles in allem eigentlich eine Zeitverschwendung, darüber so nachzudenken.
Sommerhaus, später erschien in einem Jahr, in dem wohl mehrere Faktoren zusammengekommen sind: diese spröden, sentimentalen neunziger Jahre, das unstete Leben in Berlin, Sehnsucht nach dem Osten und eine gewisse Lust auf neue Geschichten. Ich hatte Glück. Wenn überhaupt, dann würde ich es als Schicksal bezeichnen, dass ich Glück gehabt habe.
Eine langsame Schreiberin
Zwischen Ihren Büchern liegen fünf, sechs Jahre, jedes wurde und wird sehnsüchtig erwartet. Nervt Sie die Frage danach, wann das nächste Buch kommt?
Ja und nein. Würde man mich nicht nach dem nächsten Buch fragen, müsste ich denken, dass es niemanden interessiert. Also ist es schön, gefragt zu werden. Es macht auch Mut, es macht zuversichtlicher. Aber es strengt an, weil das Schreiben eben anstrengt, weil ich eine langsame Schreiberin bin und es schwierig finde, das rechtfertigen zu müssen – auch vor mir selber.
Passt es nicht in unsere Zeit, sich Zeit zu lassen?
Vielleicht – der schnelllebige Markt, die Hochgeschwindigkeitskultur, der hektische Literaturbetrieb, die Autoren, die verschlissen werden oder verheizt ...
Letztlich kann man darüber aber nicht wirklich nachdenken, weil man über die Zeit, die man fürs Schreiben hat, nicht entscheidet. Man braucht sie einfach. Ich könnte nicht schneller schreiben, als ich es eben tue. Ich könnte mich noch so sehr anstrengen – es würde nicht gehen. Der Text würde sich der Eile erwehren.
Erwartungsdruck und Vorfreude
Mit welchen Erwartungen können Sie besser umgehen: mit den eigenen oder mit denen der anderen?
Wenn ich anfange, über die Erwartungen der anderen nachzudenken, kann ich den Stift zur Seite legen. Erwartungen der anderen dürfen im eigenen Text keine Rolle spielen. Und meine eigenen Erwartungen sind anstrengend genug, obwohl ich sie nicht benennen könnte.
Es sind eben meine unbewussten Erwartungen, der stetige Druck der verrinnenden Zeit, die mangelnde Selbstdisziplin, die Müdigkeit. Mehr als genug.
Auch Ihr drittes Buch „Alice“ (2009) ist ein Band mit Erzählungen. Was reizt Sie an dieser Kurzform?
Von Katja Lange-Müller gibt es den schönen Satz, dass nicht der Autor über die Länge eines Textes entscheiden würde, sondern der Text. Und genau so ist das. Ich liebe Kurzgeschichten als Leser und im Schreiben sind sie so eng bei dem, was mich eigentlich interessiert – etwas ganz Kleines, nur eine kurze, kleine, wichtige Sache. Ich würde mich gegen einen langen Text nicht wehren wollen. Aber alle Texte, die ich versuche, führen sich nach der kurzen Strecke selbst zum Schluss.
Das laute Lesen ist wichtig
Sie sind gerade auf Lesereise. Auch das Hörbuch zu „Alice“ haben Sie selbst eingelesen. Gehört das Selberlesen für Sie zum künstlerischen Ausdruck dazu?
Das laute Lesen, sich selber Vorlesen, ist beim Arbeiten sehr wichtig. Ich lese mir den Text immer und immer wieder vor und drehe und wende Sätze, Punkte, Worte so lange, bis ein gewisser Rhythmus stimmt, der Takt eben, ein musikalisches Gefühl. Lesen und Schreiben ist eines. Es war mir eine Freude, die Geschichten selber einlesen zu können. Auch, wenn ich mir das Gelesene danach nie anhören kann ...
Was erwarten Sie von Ihrem nächsten Buch?
Nichts. Ich kenne es ja noch gar nicht. Manchmal frage ich mich, ob es mir leichter fallen wird als die anderen Bücher. Und dann weiß ich – es wird mir nicht leichter fallen. Und es wird ganz anders schwer sein als Alice, als Nichts als Gespenster, als Sommerhaus, später. Es wird eben sein eigenes Gewicht haben. Ich erwarte vielleicht eine – gewisse Freude. Ich freue mich auf das nächste Buch. Ich hoffe, es wird gehen.
stellte die Fragen. Sie arbeitet als freie Publizistin in Bonn.
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Dezember 2009
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