Anita Raja im Andenken an Christa Wolf

Die italienischen Leser haben sich mit ihren Werken identifiziert, die dem Prinzip „das Private ist politisch“ eine hohe literarische Form gaben, Bilder voller weiblicher Freiheit zeichneten, Worte, Modelle, Beispiele und Symbole lieferten, aus denen wir alle schöpfen konnten. Weil sie zeigten, dass man nicht mehr nur auf lineare Weise erzählen muss, sondern ein neues, anderes Erzählen möglich war; dass Regeln, Muster, Schemata und Zeiten umgekehrt werden konnten; dass sich die Schwierigkeit „ich“ zu sagen in ein mehrschichtiges Schreiben, eine „Grammatik der vielfachen, gleichzeitigen Bezüge“ übertragen ließ; dass sich „Geschichte“ nicht erzählen ließ, wenn man nicht auch aussprach, was sich „hinter“, „unter“ und „jenseits“ von ihr - im Alltäglichen - verbarg; dass man die Idee einer besseren Gesellschaft, das Bedürfnis nach Ethik und den Stellenwert der Utopie nicht in Frage stellen durfte; dass die Suche nach dem Sinn nicht aufzugeben sei.
Durch den ständigen Umgang mit den Worten eines Autors entsteht eine ganz besondere Beziehung, eine Nähe zu ihm. Eine große Schriftstellerin zu übersetzen, ist eine den Übersetzer zutiefst bereichernde Erfahrung. Das Aufnehmen von Christa Wolfs Auseinandersetzung mit der Sprache hat mich dazu geführt, auch meine eigene Sprache vermehrt zu erforschen und bewusster einzusetzen und mich auf Wege gebracht, die zu gehen ich vorher kaum vermocht hätte. So sehr, dass ich den Eindruck bekam, Christa Wolfs Texte seien Ausdruck meiner selbst, dass ich sie gern genauso schreiben würde wie sie geschrieben waren und dass Christa sie für mich geschrieben hatte. Aber durch das Übersetzen von Christa Wolfs Werken habe ich vor allem eine Erfahrung gemacht: Dass die Beziehung zwischen zwei Sprachen auch eine Beziehung zweier Menschen ist. Und Christa, die ich 1984 kennengelernt habe, ist für mich vom ersten Moment an ein Beispiel an Menschlichkeit, Nähe, Konkretheit, Neugierde, Teilnahme und Großzügigkeit gewesen. Immer wenn wir miteinander sprachen und bis zuletzt, fragte sie mich vor allem nach den Kindern, der Familie, der Gesundheit, nach der Politik und der Arbeit, nach ganz gewöhnlichen und alltäglichen Dingen, denen sie viel Zeit und Aufmerksamkeit schenkte, bis das Gespräch in fließendem Übergang irgendwann auf die Bücher und die Übersetzungsprobleme kam.
Ich schließe mit einem Wort aus „Nachdenken über Christa T.“:
„Nichts könnte unpassender sein als Mitleid, Bedauern. Sie hat ja gelebt. Sie war ganz da."
Literaturübersetzerin und Leiterin der Biblioteca Europea di Roma
Copyright: Goethe-Institut Italien, Information & Bibliothek
Online-Redaktion
Dezember 2011
Übersetzung: Sarah Wollberg
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