Hörbuch und Hörkunst in Deutschland

Wer hört, liest nicht

Kind mit Kopfhörern; Copyright: www.colourbox.comKind mit Kopfhörern; Copyright: www.colourbox.comKopfhörer auf und Augen zu: Das Hörbuch fördert den Trend zur Häppchenkultur und könnte dem anstrengenden Bücherlesen bald den Rang ablaufen. Dabei wird der Anspruch des Mediums von den Hörern meist unterschätzt.

Ich habe sie noch im Ohr, die Stimme von Hans Paetsch. Wie gebannt saßen wir als Kinder vor dem Plattenspieler und lauschten, wenn er uns mit seinem warmen, sonoren Bariton das Märchen von Dornröschen, vom Kleinen Muck oder vom Mädchen mit den Schwefelhölzern erzählte. Behagliche Erinnerungen an eine Zeit, als Hörspiele und literarische Lesungen auf Platte, Tonband oder im Rundfunk nur etwas für Kinder, sehschwache Senioren oder Radiofreaks waren. Vorbei.

Das Genre hat sich längst durchgesetzt und bietet mittlerweile selbst für Experten ein kaum mehr zu überschauendes Angebot, von der kompletten Bibel-Lesung bis zum Audio-Porno. An der mangelnden Auswahl kann es also nicht liegen, dass mich die Silberscheiben nicht locken – trotz der Erinnerungen an den "Märchenonkel der Nation", der mich einst in andere Welten entführte. Dabei war ich durchaus offen für die Argumente der Hörbuch-Verfechter. "Double your time" zum Beispiel: Freie Zeit ist verlorene Zeit, wenn sie nicht sinnvoll genutzt wird. Das gilt natürlich auch für das Hörorgan, wenn es akut unterfordert ist, wie etwa beim Bügeln, Kochen oder Rasieren. Alle Tätigkeiten, die den Grips nicht weiter fordern – und zu denen auch das Autofahren zählt –, sind prädestiniert für einen Happen Literatur aus dem CD-Player. Denn Hören, das soll uns das ständig dudelnde Radio im Hintergrund beweisen, können wir praktisch immer.

Ein Trugschluss. Klar, auch Schätzings Schwarm dürfte jeder Leser kapieren, auch wenn er Seiten nur überfliegt und Passagen überblättert. Sich auf etwas einlassen, ist aber etwas anderes. Dann ist das Hörbuch auch mehr als nur Klangtapete beim Hemdenbügeln. Hören braucht Aufmerksamkeit. Und Aufmerksamkeit braucht Zeit – für den modernen Mensch das wahrscheinlich kostbarste Gut. Jeder kennt es, wenn die wenigen freien Stunden am Feierabend oder am Wochenende in dramatischer Weise dahinschmelzen. Der neue Schweden-Krimi, die dicke Wochenzeitung, die Biografie auf dem Nachttisch – wieder mal liegen geblieben.

Audio CD: Thomas Mann: Der Zauberberg, gesprochen von Gert Westphal; Verlag: Universal Music; Auflage: N.-A. (April 2005); Copyright: Universal Music VerlagUnd nun ist beim letzten Geburtstag auch noch ein dickes Hörbuchpaket auf dem Gabentisch gelandet: Thomas Manns Zauberberg, gelesen vom wunderbaren Gert Westphal. 15 CDs, Gesamtlaufzeit 1170 Minuten. Die Freizeit gab es nicht dazu, doch nun haben all die schönen neuen Bücher eben Pech gehabt und müssen noch ein paar Wochen auf mich warten. Oder ich finde am Hörerlebnis solch großes Gefallen, dass ich vielleicht künftig ganz auf das eher anstrengende Bücherlesen verzichte. Kopfhörer auf, Augen zu und hinein in eine andere Welt, die einnimmt, einlullt, einschläfert.

Das lässt auch misstrauisch werden gegenüber den großen Hoffungen, die auf dem Audiobuch ruhen: Taugt es möglicherweise als Mittel, um die lesefaule Jugend zur Literatur zu locken? Das Hörbuch als Vorstufe und Einstiegsdroge zum "echten" Buch? Obwohl eine Studie des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels belegt, dass Hörbücher bei Kindern und Jugendlichen immer beliebter werden, läuft das Freizeitvergnügen Bücherlesen nach wie vor unter ferner liefen. Nicht einmal Rapperin Sabrina Setlur, die Texte von Kafka für eine CD-Produktion gelesen hat, wird Literatur-Abstinentler vom Buch überzeugen. Im Gegenteil. Der Trend zum Silberling fördert eine andere Art der Rezeption, wie sie sich auch im Internetsurfen, in E-Mails und in Handy-SMS manifestiert: Es ist die Ausweitung der Häppchenkultur, die den Umgang mit und das Verstehen von anspruchsvollen Texten zurückdrängt. Je populärer das Medium Hörbuch für Kinder und Jugendliche, aber auch für Erwachsene wird, desto schwerer werden es Bücher haben. Mittlerweile kommen von vielen Neuerscheinungen ohnehin unmittelbar parallele Audioversionen auf den Markt. Und der Trend zum MP3-Hörbuchdownload über Internet-Portale wie audible.de oder claudio.de steht erst am Anfang. In Sekundenschnelle ist der neue Grisham-Thriller dank moderner Breitbandtechnik auf den heimischen PC geladen. Und der Buchhändler schaut dann in die Röhre. Noch setzt die Buchbranche große Hoffnungen in das Hörbuch. Tatsächlich schreibt das Segment in einem seit Jahren rückläufigen oder stagnierenden Gesamtmarkt als einziger Bereich regelmäßig zweistellige Wachstumsraten. Ein Ende des Booms ist jedoch absehbar: Die Wachstumskurve flacht langsam ab, der Markt zeigt erste Zeichen der Sättigung. Das Hörbuch ist als eigenständige Gattung etabliert und hat sich einen kleinen, aber stabilen Marktanteil erobert. Als eigene Kunstform buhlt es um die Gunst des Publikums wie es DVDs, Kinos oder das Theater tun. Und das Hörbuch profitiert davon, dass das Publikum oft nicht unbedingt literatur-, sondern nur lesefaul ist. Und das ist die eigentlich schlechte Nachricht für das Buch.

Eckart Baier
Redakteur beim Börsenblatt

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Oktober 2007

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