Hörbuch und Hörkunst in Deutschland

Kunst für die Ohren

Das Hörbuch – Ein Plädoyer

Cover zu Audio CD: Tannöd, Das Hörspiel, Andre Maria Schenkel; Verlag: Hörbuch Hamburg (August 2007); Copyright: Hörbuch Hamburg VerlagCover zu Audio CD: Tannöd, Das Hörspiel, Andrea Maria Schenkel; Verlag: Hörbuch Hamburg (August 2007); Copyright: Hörbuch Hamburg VerlagAudiobooks eignen sich für Senioren mit nachlassender Sehkraft und für Lesefaule. Sie unterhalten im Auto und sorgen für Kurzweil bei der Bügelwäsche. Jedenfalls sind sie nur Buchersatz, heißt es. Wer die Wahl hat, greife zum "richtigen" Medium, dem Buch - und hat wohl noch nie ein gutes Hörbuch gehört.

Als Studentin hat mich der "Krimi am Samstag" des WDR regelmäßig den Zug in die Heimat verpassen lassen - statt die Tasche zu packen, hatte mich das Hörstück gepackt. Gute Sprecher, ein guter Regisseur, eine gute Hörfassung des Textes erwecken gedruckte Buchstaben zum Leben. Es ist die gelungene akustische Umsetzung, die ein gutes Hörbuch ausmacht. Die oft bemühte Verdrängungstheorie ist Schnee von vorgestern.

Das Hörbuch ist eine eigenständige mediale Kunstform und steht nicht in Konkurrenz zum Buch. Es will das Lesevergnügen nicht ersetzen. Lesen und Hören sind zwei verschiedene Paar Schuhe, jedes hat seine eigene Qualität. Das kann man ausprobieren, aktuell z.B. mit dem Krimidebüt Tannöd von Andrea Maria Schenkel. Die düstere Story um Morde auf einem bayerischen Einödhof - übrigens mit realem Hintergrund - wurde von der Autorin grandios in Literatur umgesetzt. Unter der Regie von Hörbuch Hamburg-Verlegerin Margrit Osterwold liest die Schauspielerin Monica Bleibtreu die im Buch von vielen Stimmen erzählte Geschichte mit unendlich viel Feingefühl, Atmosphäre und Ausdruck. Der Mehrwert gegenüber dem Buch ist unverkennbar. Das ist leider nicht immer so.

Qualität für die Ohren

Wie überall, so ist auch beim Hörbuch Medienkompetenz gefragt. Denn ebenso wie es schlechte Bücher gibt, gibt es unter den bald 20.000 lieferbaren Audiobooks auch schlechte Hörbücher. Rasch produzierte, erstaunlich preiswerte Massenware kann in den Ohren weh tun. Ungeeignete Vorleser verhunzen die Vorlage, die Aufnahmequalität ist miserabel, der Text fürs Hören ungeeignet. Gute und gut ausgewählte Sprecher, eine kenntnisreiche, behutsame Textbearbeitung und Regie, haben eben ihren Preis. Hinzu kommt der subjektive Faktor: Eine noch so perfekt eingesetzte Stimme kann den Hörgenuss stören, wenn sie als unangenehm empfunden wird. Was für die einen nölig, knarzig oder überagierend klingt, empfinden andere als wohl temperiert und angemessen. Da hilft nur hinhören - und das Gefühl sprechen lassen. Eine gute Orientierung für Hörbuchanfänger bieten übrigens die monatlichen Bestenlisten des Hessischen Rundfunks oder die Nominierungen des Deutschen Hörbuchpreises.

Alles, was man hören kann

Leider konzentrieren sich Bestenlisten und Feuilletons in der Regel auf vorgelesene Belletristik. Dabei deckt der Hörbuchmarkt längst die ganze Palette zwischen Weiterbildung und Kontemplation, "ernst" und "unterhaltend" ab. Wörterbücher sind zum Vorlesen eher ungeeignet, die Prüfungsfragen und -antworten für den Segelschein gibt es allerdings auch auf CD. Unbestritten ist wohl, dass ein Opernführer mit Musikbeispielen gegenüber dem Buch ein großes Plus bietet. Wer Klassiker lieber liest, aktuelle Krimis aber bei Kerzenschein - gut inszeniert - gerne hört, hat die Wahl. Sie wollen die "Spiegel"-Bestsellerliste auf CD? Sie lieben Lyrik, wohl interpretiert und kommentiert? Sachthemen mit Lerneffekt oder Hörspiele? Der Hörbuchmarkt bietet all dies. Neu aufgelegte Original-Tondokumente von Rezitatoren wie Klaus Kinski oder die Gedichte und Prosa Hermann Hesses in eigener Stimme inklusive.

Wer hört, liest auch

Das Hörbuch ist raus aus der Nische. Es erreicht längst nicht mehr nur die Hörer, die schon bei der 1878 eingeführten NDR-Reihe "Am Morgen vorgelesen" ganz Ohr waren, und junge Erwachsene, die von der Kinderkassette direkt aufs Audiobook umgestiegen sind. Sämtliche Studien zum Käuferverhalten zeigen, dass die Mehrzahl der Hörbuchnutzer zu den eifrigen Buchkäufern zählt. Ebenfalls weit vorne in der Käuferstatistik stehen Männer unter 30, die viel Auto fahren. Nicht schlecht für die Literaturförderung oder? Kritiker der Audiobooks bemängeln die Passivität des Hörens, die Dauerberieselung, das Prinzip "double your time". Sie sollten einfach mal eine packende Produktion beim Bügeln einschalten - am Ende ist das Hemd verbrannt. Und letztlich hat ja, wer den einen oder anderen aktuellen (Management-) Bestseller nebenbei hört, zumindest keinen Verlust gemacht.

Hörware für Kids

Copyright: Gerard Launet, www.colourbox.comKinder sind immer ganz Ohr, wenn es um vorgelesene Geschichten geht - ihr genuines Interesse am Hören wird befriedigt. Sie sind die Gewinner des neuen Hörbuchtrends, werden doch neben Benjamin Blümchen und Co. zunehmend auch hochwertige Audiobooks produziert. Bei einer aktuellen Befragung des Börsenvereins für den Deutschen Buchhandel im Rahmen der Aktion "Ohr liest mit" haben weit über 90 Prozent angegeben, in ihrer Freizeit Bücher zu lesen, 81 Prozent der Fünf- bis 21-Jährigen nutzen auch Hörbücher. Als Grundrauschen im Kinderzimmer sollten die Schätze auf der Silberscheibe aber nicht eingesetzt werden. Dafür sind sie nämlich viel zu Schade. Auch wenn’s den Kids nicht gefällt: Wird das Hörbuch zur Nebensache, ist abschalten angesagt.
Sabine Schwietert,
freie Journalistin, Wiesbaden

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Oktober 2007

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