Die freie Hörspielszene verschafft sich zunehmend Gehör

Das Hörspiel als Spielart der Literatur ist nicht mehr länger nur Domäne der großen Radiosender. Eine freie, junge Szene hat sich in den letzten Jahren mit Festivals, Wettbewerben und Verlagsgründungen eine eigene Infrastruktur geschaffen.
1938 wurde in einigen Orten der USA eine kleine Massenpanik ausgelöst. Amerikaner, die Orson Welles’ Hörspieladaption des Science Fiction-Klassikers Krieg der Welten gehört hatten, nahmen die Bedrohung der Welt durch Außerirdische für bare Münze. Heute würde keiner mehr aufgrund eines akustischen Katastrophenszenarios davonrennen. Aber die Welles’sche Ernsthaftigkeit des Hörspielmachens ist geblieben und hat das Genre beständig um weitere Formen bereichert: Mittlerweile tummeln sich neben „klassischen“ Formaten, die eine Geschichte erzählen, auch Dokumentarstücke, Soundcollagen und Klangkunst auf den vielen Hörspielplätzen der Radiosender. Neben den neun Sendern der Arbeitsgemeinschaft der Rundfunkanstalten (ARD) und des „Auslandsradios“ Deutsche Welle produziert allein das Deutschlandradio Kultur als einer der größten deutschen Hörspielproduzenten 36.000 Sendeminuten auf 7 verschiedenen Sendeplätzen jährlich.
Fröhliches Gemeinschaftserlebnis
Seit einiger Zeit erfreut sich das Hörspiel aber auch jenseits der Radios wachsender Beliebtheit. Eine lebhafte, freie Szene hat sich ausgebildet und schafft sich mit Festivals und Wettbewerben nicht nur eine eigene Infrastruktur, sondern macht das Hörspiel wieder zum fröhlichen Gemeinschaftserlebnis. Zuletzt zu beobachten auf der Leipziger Buchmesse im März.Rund ein Drittel der hier präsentierten Hörspiele war nominiert für den Hörspiel-Nachwuchspreis, den der Hörspielsommer e.V. seit drei Jahren mit der Buchmesse vergibt. Der Gewinner nimmt dann automatisch auch am Wettbewerb des Hörspielsommer-Festivals im Juli teil.
Initiatorin des Spektakels ist die Kulturarbeit-Studentin Sophia Littkopf: „Als Kind hört man viel Hörspiele. Ich habe aber festgestellt, dass erstaunlich viele Erwachsene auch noch Interesse an Hörspielen haben. Wenn es für alle möglichen Kunstformen ein Festival gibt, warum dann nicht auch für Hörspiele?“ Und nebenbei kann man anderen Newcomern dann auch zu einem Job verhelfen: Der junge Dresdner Verlag Voland & Quist, der sich auf Live-Literatur spezialisiert hat, hat im letzten Jahr den Sampler zum Hörspielsommer, Hörspiellust, veröffentlicht – und sich in diesem Jahr zum ersten Mal auf der Buchmesse präsentiert. „Wir haben das Glück, nicht nur in einer Nische zu sein, sondern eigentlich nirgends reinzupassen, weil wir weder Hörbücher noch Hörspiele machen. Dadurch werden wir wahrgenommen als ‚die mit dem Buch mit CD/DVD’ und laufen auf dem Markt unter ‚Belletristik’, wodurch wir uns ganz gut positionieren können“, zeigt sich Mit-Inhaber Sebastian Wolter optimistisch.
Raus aus der Nische
So manches Mal ist der Sieg eines freien Wettbewerbs das Sprungbrett, um sein Hörspiel bei einem großen Radiosender unterzubringen. “Das möchte jeder gern, der allein vor sich hintüftelt“, sagt der Kölner Hörspielmacher Claes Neuefeind.„In der freien Szene ist Hörspielmachen erstmal Liebhaberei; man investiert viel Zeit und Geld. Denn es gibt nur wenige Sendeplätze bei den Radios für freie Produktionen. Vor allem für kurze und Kürzeststücke. Da bekommt man von Redakteuren oft Absagen.“ Neuefeind kann die Selbstpromotion aber etwas gelassener sehen. Er hat letztes Jahr den Hörspiel-Nachwuchspreis gewonnen und sich dadurch einen Namen gemacht. Und er hat bereits zwei Hörspiele bei einem Verlag untergebracht, bei mairisch in Hamburg.
Der mairisch Verlag wurde bereits 1999 gegründet. Blanka Stolz, Peter Reichenbach und Daniel Beskos verlegen zwar auch Bücher, möchten mairisch aber als Deutschlands ersten Verlag für freie Hörspiele etablieren. Denn „Hörbücher machen viele, Hörspiele verlegt keiner“, sagt Beskos und sieht viel Bedarf. Das Trio hat 2001 selbst schon ein Hörspiel produziert. W-Ort stand im Finale des Plopp!, gewann 2003 den 1. Hörspielsommer-Preis und wurde danach bei mehreren öffentlichen und freien Radios ausgestrahlt. Aber so viel Glück hat eben nicht jeder. Der ebenfalls junge Hamburger Hörspiel-Verlag hörformat etwa nicht. Er geht daher einen etwas anderen Weg: Klaus Lauer-Wilms und Almuth Galach haben sich vor zwei Jahren auf Hör-Krimis spezialisiert und bereits die vierte Folge ihrer Krimi-Reihe um den blinden Detektiv Peter Lundt verlegt.
Die öffentlich-rechtlichen Radiosender sehen in den Strukturbemühungen der freien Szene keine Konkurrenz. „Letztes Jahr haben wir den Plopp! mit ausgerichtet und senden die Preisträger regelmäßig“, so Ulrike Brinkmann und Barbara Gerland, Hörspiel-Redakteurinnen beim Deutschlandradio Kultur. „Wir sehen nur Probleme, wenn Billigproduktionen den Markt überschwemmen. Denn: Wo Gleiches draufsteht, ist nicht immer Gleiches drin.“
Natürlich bestimmen wie überall Angebot und Nachfrage und nicht zuletzt Qualität den Markt. Aber bei allen drei Komponenten kann man ja mit vereinten Kräften ein bisschen nachhelfen: Gemeinsam haben mairisch, Plopp! und der Leipziger Hörspielsommer vor der Buchmesse den Wettbewerb pressplay ausgeschrieben, für den freie Hörspiele eingesandt werden konnten. Die besten sind nun in einer Anthologie erschienen, der ersten der freien Szene. Dimensionen wie der Hörbuchmarkt werden Hörspiele freilich nicht erreichen. Aber, so Klaus Sander vom Verlag und Label supposé, der sich mit Originaltonaufnahmen aus Philosophie, Literatur, Theorie, Kunst und Wissenschaft eine Nische in der Nische geschaffen hat und 2004 den Deutschen Hörbuchpreis in der Kategorie „das besondere Hörbuch“ gewonnen hat: „Schon der Hörbuchboom kommt eigentlich einer kleinen Revolution gleich, wenn man bedenkt, dass noch Anfang der 1990er Jahre CDs in Buchhandlungen ein Ding der Unmöglichkeit waren.“
„Yellow Edward“ Autorin und Copyright: Anja Penner (auch erschienen auf dem Sampler "Hoerspiellust" bei Voland & Quist), .mp3
“Mein Kühlschrank und ihr Eierschneider“ Autor und Copyright: Michael Fersch, .mp3
„W-Ort“ Autoren: Blanka Stolz, Peter Reichenbach und Daniel Beskos Copyright: mairisch Verlag, .mp3 Die Autorin ist Literatur-Redakteurin des hannoverschen Stadtmagazins STADTKIND und schreibt regelmäßig für andere Medien über zeitgenössische Belletristik.
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Juni 2006
Aktualisierung Oktober 2006









