Barbara Yelin

Barbara Yelins Umgang mit dem Bleistift ist nicht anders als meisterlich zu nennen. Die 1977 in München geborene und heute in Berlin lebende Künstlerin hat das mit dem in Zusammenarbeit mit Szenarist Peer Meter entstandenen Comic Gift (Reprodukt Verlag, Berlin 2010) gerade wieder unter Beweis gestellt. Die Geschichte von der Bremer Giftmörderin Gesche Gottfried zeichnet sich vor allem durch eine überaus kunstvoll gestaltete Düsternis aus. Wie im deutschsprachigen Raum vielleicht nur noch Isabel Kreitz hat Yelin bei der Bleistiftzeichnung zu einer unverwechselbaren Form gefunden.
In Gift finden wir starke Schwarz-Weiß-Kontraste. Damit gelingt es Yelin effektvoll, eine dichte Atmosphäre herzustellen. Doch zugleich nutzt sie einen weiteren Vorzug des Bleistifts: Er lässt sich nämlich verwischen. So verlaufen die scharfen Kontraste häufig in einem verschwommenen Ungefähr. Straßenansichten etwa lösen sich himmelwärts in einem undurchdringlichen Nebel auf, Häuserfronten, Treppenhäuser oder Kellerräume verwandeln sich in undurchdringliche Labyrinthe und verlieren sich in einem opaken Dunkel ...
Nähe zum Medium Film
Yelins große Könnerschaft besteht allerdings in der Modellierung von Lichtfeldern: Gift zeigt von Licht durchflutete, durch Licht erst geschaffene, in das bleierne Dunkel gegrabene, dem Dunkel entrissene Räumlichkeiten. Deswegen erscheinen die Bilder eigentümlich räumlich und erleuchtet, eine ästhetische Wirkung, die durchaus an Piranesis berühmte Kerkerbilder erinnert – kontrastreiche und theatralische Inszenierungen. Yelin findet auf diese Weise großartige Bilder der Erhabenheit noch im finstersten Schrecken.
Nun sollte diese kunsthistorische Referenz nicht davon ablenken, dass es sich bei Gift um einen Comic handelt, eine noch recht junge Kunstform, die kaum älter als der Film ist und die sich gerade in Bezug auf die Veränderung unserer Sehgewohnheiten ganz in der Nähe des Films bewegt. Deswegen verwundert es nicht, dass Yelins Bilderfolgen häufig Kamerafahrten gleichen: Von den Dächern der Bremer Altstadt tauchen wir allmählich in die Straßenniederungen und damit auch in die Geschichte ein.
Großer Erfolg im Ausland
Erstaunlich an Yelins künstlerischem Werk ist allerdings noch etwas anderes: In Deutschland wurde sie bisher kaum verlegt (immerhin wurde ihr 2009 der Sondermann-Comic-Preis der Frankfurter Buchmesse verliehen). In Frankreich dagegen weiß man ihre Kunst offenbar mehr zu schätzen. Dort erschienen ihre ersten größeren Arbeiten. So Le Visiteur (Éditions de l'An 2, Angoulême 2004), eine ebenfalls mit dem Bleistift gezeichnete, sehr anrührende Geschichte von der Freundschaft zwischen einem Raben und einem kleinen Mädchen. Auch hier beeindruckt vor allem die kraftvolle Inszenierung des Lichtes.
Nun sind die ästhetischen Vorlieben Yelins allerdings nicht auf den Bleistift begrenzt. 2006 etwa erschien – abermals in Frankreich – Le Retard (Éditions de l'An 2, Angoulême), ein mit Buntstiften kolorierter Comic. Hier sind es die Farben, die einem tristen Hintergrundgrau sehr viel bewegungsreiche Lebendigkeit abtrotzen: Ein dramatisches Szenario, eine Liebesgeschichte von blind Getriebenen, die in etwa so turbulent verläuft, wie das leuchtende Laub im kalten Herbststurm verweht.
Dynamische Licht- und Farbspiele
Überhaupt scheint die Farbe zu bewirken, dass Yelin sich größere Freiheiten nimmt. Ihre Zeichnungen werden dann zwar flächiger, dafür aber auch schneller und leichter, mit anderen Worten: dynamischer. In dem Comic Stand-By (erschienen in der Anthologie Pomme d'amour, Die Biblyothek, 2008) wird das sehr schön deutlich. Die Geschichte über eine Ausreißerin besticht vor allem durch die Licht- und Farbstimmungen, in die Yelin ihre verschiedenen Szenarien taucht. Farbe fungiert hier gewissermaßen als Barometer seelischer Zustände.
Es geht Yelin somit nicht nur um die Illustration von Geschichten. Vielmehr arbeitet sie an dem Formenrepertoire des Comics. Seine Ästhetik folgt immer anderen als nur narrativen Logiken. Dass etwa Farbe auch ein Indikator für Emotionen sein kann, bedeutet nicht, dass sie nur dazu dient, signalhaft etwas anzuzeigen. Vielmehr "versteht" sich die Farbe immer auch in Hinblick auf das Spektrum anderer Farben. Dieser Bezug entreißt das in der Farbe Dargestellte seinem "natürlichen" Ort und öffnet den Weg in weite Fantasiewelten.
Yelins Bleistiftarbeiten bergen somit stets einen gewissen Ernst, aber ihre Farbtableaus zeichnen sich durch eine hinreißende Unbekümmertheit oder, was die ästhetische Form, betrifft, Verspieltheit aus. Das zeigt sich vor allem in den kürzeren und experimentellen Geschichten, wie sie sich etwa in der von Yelin mitherausgegebenen Comic-Anthologie Spring finden. Bleibt nur noch zu hoffen, dass Barbara Yelins Werk endlich auch in Deutschland eine größere Anerkennung erfährt.
Update
Im Hebrst 2011 lebte und arbeitete Barbara Yelin als Gast des Goethe-Instituts in Kairo. Während ihres 5-wöchigen Residenzaufenthalts zeichnete sie ihre Beobachtungen und Erlebnisse in Kairo auf: Impressionen, Szenen, Situationen - eine gezeichnete Comic-Dokumentation, ein Reisetagebuch über die Stadt und darüber, wie sich das Leben der Ägypter verändert hat und was sich in den spannenden Wochen vor den Wahlen im November in den Straßen Kairos abspielte.
Nach Reinhard Kleist, Isabel Kreitz und Ulli Lust war auch Barbara Yelin im April 2011 mit einer Ausstellung ihrer Originalzeichungen aus Gift im Rahmen des Comicfestival Comicon im Goethe-Institut Neapel zu Gast.
Im Wintersemester 2011/2012 unterrichtete sie auch an der Hochschule der Bildenden Künste Saar (HBK) in Saarbrücken als Gastprofessorin.
ist promovierter Philosoph und arbeitet als Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Rundschau
Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Januar 2012
Update: Goethe-Institut Rom, Information & Bibliothek
Online-Redaktion, Oktober 2011
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