Auftakt zum Mord 1

Der Geiger

von Mechtild Borrmann

Copyright © 2012 Droemer Knaur Verlag, München

Eine Nacht im Mai des Jahres 1948: Ilja Grenko verliert alles, was ihm auf dieser Welt wichtig ist. Viele Jahre später liegt es an jemand anderem, Licht ins Dunkel zu bringen. Das bleibt nicht ohne Folgen.



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Mai, 1948, Moskau

Der Schlussakkord von Tschaikowskys Violinkonzert in D-Dur schwebte über die Köpfe der Menschen im Parkett, hinauf zu den Rangen, dehnte sich aus zu den Gasten auf den Balkonen und löste sich endlich in der hohen Kuppel des Konzertsaales auf. Sekundenlang verharrte das Publikum still, dann brauste tosender Applaus auf. Ilja ließ seine Geige sinken und verbeugte sich zusammen mit dem Dirigenten tief vor den jubelnden Menschen. Die Orchestermusiker erhoben sich von ihren Stühlen und verneigten sich ebenfalls. Sechs Wochen lang hatte Ilja Wassiljewitsch Grenko in den Konzertsälen Europas gespielt, war auch dort gefeiert worden, aber hier, am Tschaikowsky-Konservatorium, wo er gelernt hatte und seine Lehrer in den ersten Reihen saßen und ihm applaudierten, erfüllte ihn die Anerkennung des Publikums mit besonderem Stolz. Eine letzte Verbeugung, ein letztes Mal zog er sein Taschentuch aus der Hosentasche und wischte sich über die Stirn. Dann verließ er den Konzertsaal.



Über den Autor

Heilkundige, Erzieherin, Restaurantbesitzerin und … vielseitig begabte Autorin mystischer Geschichten: In diesem Roman begleitet eine Geige mit einzigartigem Klang den Leser und steigt sowohl mit in das Dunkelste hinab als auch hinauf in das hellste und strahlendste Licht der menschlichen Seele.