Auftakt zum Mord 1

Süden

von Friedrich Ani

Copyright © 2011 Droemer Knaur Verlag, München

Tabor Süden, Exkommissar und nun Privatdedektiv, kehrt nach München zurück, nachdem sich sein Vater nach jahrzehntelanger Funkstille wieder gemeldet hat. Die Suche beginnt: Zwei Männer gilt es zu finden, was verbindet die beiden?



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»Ich bin Tabor Süden und kein Japaner«, sagte er unvermittelt, nachdem er zehn Minuten lang von der Tür aus stumm zugehört hatte. Und er unterbrach die Frau am Schreibtisch auch nur, weil sie sich eine Zigarette anzündete und mehrere Züge machte, ohne ihn anzusehen. Der Satz brachte sie zum Lachen. Rauch hüpfte aus ihrem Mund. Süden warf einen Blick zum Fenster, vor dem es dunkel wurde, und als er den Kopf abwandte, hörte Edith Liebergesell auf zu lachen. „Entschuldigen Sie“, sagte sie. „Ich wollte Ihnen keine Kamellen erzählen.“ Süden dachte an den Karneval am Kölner Eigelstein, wo er die vergangenen sieben Jahre verbracht hatte, und sagte: „Ich war lange auf der Vermisstenstelle, ich weiß, wie es Leuten geht, die verschwinden.“ „Ich finde es interessant, dass die Japaner ein eigenes Wort dafür haben.“ „Ich habe es schon wieder vergessen.“ „Hikikomori“, sagte Edith Liebergesell. „Menschen hinter Wänden.“ Süden hielt sich die Hand vor den Bauch. Die Frau stippte die Asche in den weißen Aschenbecher. Vom Sendlinger-Tor­Platz drang das Rauschen des Verkehrs herauf. „Dann sind wir uns einig?“, fragte sie. Er wusste es nicht. Er war in das Büro der Detektivin gekommen, weil er sich an ihren Namen erinnert hatte. Kurz nach seinem Ausscheiden aus dem Polizeidienst hatte sie ihn angerufen und gefragt, ob er bei ihr als Vermisstenfahnder anheuern wolle. Aber er wollte nur weg aus der Stadt und sonst nichts. Er wollte niemanden mehr suchen, er wollte für sich sein, fern seiner Vergangenheit. Und vor fünf Tagen war er nach München zurückgekehrt.


Über den Autor

Der Autor ist nicht nur Gerichtsreporter, Journalist im Kulturbereich und Fiction-Drehbuchautor für das Fernsehen, sondern auch Dichter. Diese Einflüsse spiegeln sich in der Person des Exkommissars Süden, welcher sich mit der Lösung eines Falles herumschlägt und dafür Verhöre durchführt, die an Sitzungen beim Psychotherapeuten erinnern, alles in melancholischer Atmosphäre irgendwo zwischen Worten, Stille und einigen Gläschen.