Auftakt zum Mord 2

Bodin lacht

von Sylvie Schenk

Copyright © 2013 Picus Verlag, Wien

Wer hat Evelyn Gorda ermordet? Der Körper der engelsgleichen Pianistin wird im Schilf am Blausee aufgefunden. Um ihren Mord herum bewegen sich verschiedene Personen in einem Durcheinander von Beziehungen und Geschichten, die niemand erzählen möchte. Wie ist Martin, der auf einmal zu Martina wird, in die Angelegenheit verwickelt?


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FELD 1: MARTIN/MARTINA IM APRIL

Im Englischen bedeutet »to make up« nicht nur »sich schminken«, sondern auch »sich erfinden«, »sich ausmalen«. To make up a story bedeutet, eine Geschichte erfinden.

Nancy Huston,
Reflets dans un oeil d’homme

Der April blühte und er wollte sich mit seinem schizophrenen Körper verbünden: Er trug ein diskretes Make-up auf, schminkte sich die Augen, sah im Spiegel das Abbild der Mutter in seinem Alter. Er musterte seine Schultern, nicht breit, fein strukturiert, befühlte die Dünen der unbehaarten Brust, das Tierchen zwischen den Beinen, ein Schneckelchen, das sich irrtümlich an ihn gehängt hatte. Am liebsten liebkoste er seine goldene Mitte, den Solarplexus, der das Geflecht der Gefühle vereinigt, die Garbe der Regungen zusammenbindet, den geschlechtslosen Bauch, flach, hart, mit dem Nabel, der ihn an seine Bindung zur Mutter, zur Erde und zum Wasser erinnert. Er streichelte seine glatten Unterschenkel, rutschte mit der Hand weiter nach oben. Die Haut atmete sanft, das Innere der Schenkel fühlte sich zart an. Seine Beine waren schlank und lang, das regelmäßige Schwimmen hatte die Muskulatur nicht zu sehr hervorgehoben. Er zog Nylonstrümpfe an, allein das Abrollen des Strumpfes (mit seidenen Handschuhen) machte ihn zur Frau. Das Mädchenhöschen, aus festem, elastischem Textil, bei Bayer-Tanzladen besorgt, ließ die Geschlechtsknospe abflachen. Der gepolsterte schwarze BH dazu. Sein Trick: Zu dem geblümten Kleid zog er einen Männerhut mit breiter Krempe an: Es verlieh ihm das Aussehen einer jungen Frau aus den fünfziger Jahren, die sich einen männlichen Touch geben möchte.


Über die Autorin

Foto: Wolfgang Müller Sylvie Schenk wurde 1944 in Chambéry (Frankreich) geboren. Sie lebt als freischaffende Autorin in Stolberg, Rheinland. Sie schreibt Lyrik auf Französisch und Prosa auf Deutsch. Sie hat mehrere Auszeichnungen erhalten, darunter der Hasenclever-Förderpreis.