Eugen Drewermann

Von der Notwendigkeit der Märchen - Drei Beispiele der Brüder Grimm

Allegorie der Liebe Sagt jemand mit dem Blick auf seinen Vorredner im Deutschen Bundestag: „Das war eine Märchenstunde“, so will er ohne Zweifel seiner abgrundtiefen Verachtung Ausdruck verleihen für Ausführungen, die in seinen Augen „reines Wunschdenken“, „wirklichkeitsferne Träumereien“, „utopische Erwartungen und Zielsetzungen“, kurz: den Rückfall in eine naive, infantile, irreale „Blauäugigkeit“ ohne jede Verantwortung darstellen. So etwas gehört sich nicht, wenn es um die zweckrationale Justierung der Mittel zu Machterhalt und Geldgewinn geht, will er sagen. Und hat er nicht recht? Wer, als Erwachsener (!), noch oder auch schon wieder Märchen ernst nimmt, der ist für alle „Realisten“ irgendwie suspekt, denn er verrät zumindest, dass er sich nach etwas anderem hin sehnt als nach dem öden „zweimal zwei ist vier“, mehr noch: dass er die Welt, gefügt aus den Granitblöcken der Gier, Gemeinheit und Gewalt, für unmenschlich und unerträglich hält. Er will und muss sie ändern, umkehren – erlösen! Aber wie? Man müsste sich, wie es die Märchen möchten, um all das kümmern, was auf den Wegen äußerer „Erfolge“ wie pflichtgemäß unter die Füße getreten wird: die verschwiegenen Gefühle, die geheimen Regungen des Herzens, die verdrängten Sehnsüchte nach einer Welt, in der die Liebe eine Chance besäße…

Aschenputtel –  Alexander ZickIm Grund bedürfen wir jetzt, da wir uns erwachsen dünken, der Märchen wohl weit mehr noch als in den Tagen, da wir Kinder waren. Überall in den Dramen und Romanen der Weltliteratur scheinen die Liebenden zum Tode verurteilt – ob Pyramus und Thisbe, ob Romeo und Julia, ob Tristan und Isolde, ob Lancelot du Lac und Ginevra… Das Unglück der Liebe durchzieht als Thema das „bürgerliche Trauerspiel“ des 19. Jh., und es bestimmt, wenn wir so weitermachen, uneingeschränkt die Gegenwart des 21. Jhs. Demgegenüber stellen die Märchen die einzige Erzählform dar, zu welcher es als Gattungsmerkmal zählt, dass sie uns gerade beschwören, zu glauben, allein die Liebenden vermöchten in dieser Welt glücklich zu sein, – zumindest wenn sie (etwas auch) Glück besäßen; verleiht doch allein die Liebe der Kraft, verwunschene Seelen zu heilen, indem sie die Verschüchterungen und Verfälschungen bereits der Kindertage im Schatten von Eltern, die wie Hexen und wie Menschenfresser wüten konnten, schrittweise zu überwinden hilft und die Übertragungen uralter Erwartungen und Enttäuschungen bei den Suchwanderungen zu anderen und zu sich selber nach und nach abarbeitet.

Fundevogel – Ferdinand FellerNehmen wir nur ein Grimmsches Märchen, das im Herzen eines jeden Menschen spielt und sich schon deshalb in verschiedenen Varianten einer menschheitlichen Verbreitung und Beliebtheit erfreut: die Geschichte von dem „Aschenputtel“. Welch ein Mensch fühlte sich schon angenommen mit der Beachtung, die ihm „eigentlich“ zusteht? All die Zonen unseres Erlebens, die schon von früh auf unterdrückt, gedemütigt und abgelehnt wurden, wachsen zu der Gestalt eines solchen „Aschenputtels“ zusammen. Was in der Welt, wie wir sie kennen, wird dazu die Lösung sein außer dem „amerikanischen Traum“, der besagt: „Du musst stark sein, du musst an dich glauben, du musst durchhalten, du kannst es schaffen ganz nach oben zu kommen…“? Das Aschenputtel der Brüder Grimm denkt überhaupt nicht so. Ihm ist das Schlimmste widerfahren, was einem Kind zustoßen kann: Ihm verstarb allzu früh die Mutter, und deren Liebe ward ersetzt durch die Härte seiner Stiefmutter und durch die Häme seiner Stiefschwestern. Gegen seinen Vater und gegen seine gesamte Umgebung versucht es, sich festzumachen an dem Bild seiner Mutter, das es in sich trägt und deren Grab es täglich besucht, um sein Versprechen einzulösen, gut und fromm zu bleiben. Dass die Mutter es liebt, ist all sein Wissen und Gewissen, und diese belohnt es mit einer Schönheit, die einer Königin würdig ist. Der „König“, der es schließlich lieb gewinnt, wird auf die Suche gehen müssen, es zu finden und all die Fluchtbewegungen der Angst, der Selbstverachtung und des Minderwertigkeitsgefühls hinwegzuheben, indem er die verborgene Wahrheit dieses Märchens freiliebt und all die Eitelkeit, den Prunk, das Geltenwollen seiner Stiefgeschwister ein für allemal hinter sich bringt.

Das Wunderbare an den Märchen ist die Nähe zu den Großen Träumen der Menschheit, so dass selbst Geschichten, die als Kunstmärchen entstanden sind, sich im Überlieferungsgut eines ganzen Volkes festsetzen können und sich sogar jenseits der kulturellen und sprachlichen Grenzen ihrer geographischen Herkunft freizusetzen vermögen. Für ein typisches Beispiel deutscher Romantik könnte man beispielsweise die Erzählung halten, die Wilhelm Grimm unter dem Titel „Schneeweißchen und Rosenrot“ nach älteren Märchenmotiven selbst gestaltet hat. Was ihm dabei jedoch gelungen ist, gibt Zeugnis für ein zauberhaftes Einheitsdenken ab, wie es allenfalls noch an den Rändern dessen, was uns Zivilisation heißt, in den sogenannten „Primitiv“kulturen, bei den Kindern der Natur, vorkommen mag. Alles in unserem Weltbild basiert auf Kampf und Konkurrenz, auf Antinomien und Antagonismen, auf Kontrasten und Konflikten.

Schneeweißchen und Rosenrot„Schneeweißchen“ und „Rosenrot“ müssten, schon ihrer Namensgebung nach, einander so widersprüchlich vorkommen wie Schnee und Feuer, wie Winter und Sommer, wie Unschuld und Leidenschaft, wie Introversion und Extraversion, – wie Kain und Abel in so vielen Menschheitsmythen. Selbst philosophisch und theologisch scheint es uns evident, dass es kein Gutes gibt ohne Böses, dass nichts sich entwickeln kann ohne die Herausforderung seines Gegensatzes, dass die menschliche Geschichte sich nur vollzieht im Widerspruch zum Traum vom Paradies, – Dialektik, Erbsünde, Tragik: wir haben viele Worte, die Zerrissenheit, in der wir leben, als endgültig hinzustellen. Wie aber, wenn es möglich wäre, „erwachsen“ zu werden, ohne zu verleugnen, was man als Kind noch wusste, und die Liebe zu lernen, ohne die Reinheit der Gefühle zu verlieren? Gewiss, das Kindereich wird eines Tages von der Macht der Liebe überwunden werden, doch diese Liebe wird zugleich das Schreckbild des Gefährlichen verlieren und alle Kostbarkeiten aus der Kindheit retten in die Selbstverfügung eines Menschen, der heranreift wie ein Rosenstrauß am Fenster – weiß und rot.

Eine Bedingung in dem Grimmschen Märchen ist dabei das einzige Gebot, das für die „Kinder der Natur“ unverbrüchlich gilt, sagt es doch jedem Unverbildeten das eigene Herz: „Was das eine hat, soll’s mit dem anderen teilen.“ Lernten wir nur zu werden, wie ein einziges Märchen aus der Feder der Gebrüder Grimm es schildert, – wir wären in den Tagen der Wirtschaftskrise weniger gefährlich zu uns selber und zu der Welt, die uns umgibt. Wer sind wir wesentlich? Die existentielle Parabel der Brüder Grimm vom „Fundevogel“ antwortet darauf: Wesen, die in Gefahr sind, vom Intellekt raubvogelgleich entführt zu werden, Schwebende zwischen Himmel und Erde, auf der Suche nach einem Gefühl, an dem der technisch geschulte Geist, dieser „Widersacher der Seele“, wie Ludwig Klages ihn nannte, bodenständig zu werden vermag, indem er es lernt, Stufe um Stufe in der eigenen Entwicklung auf die Boten des Todes mit einer altersgemäßen Wandlung zu antworten: als „Röslein“ und „Rosenstrauch“ in der Jugend, als „Kirche“ und „Krone“ in der Mitte des Lebens und als „Ente“ und „Teich“ im Alter, wenn der Tod selber sich naht und alles hinwegzuschlürfen droht, was wir sind. Die unbeschwerte Freude zuerst, die Mündigkeit und Autonomie hernach und der Sieg dann über unsere Sterblichkeit im Vertrauen auf die Ewigkeit der Liebe, wenn es drauf ankommt, – unser ganzes Leben würde ein sich erfüllendes Märchen!

In den Worten Immanuel Kants besteht alle Sittlichkeit darin, Menschen niemals als Mittel zum Zweck, sondern stets als Zweck an sich selbst zu betrachten; doch wo, wenn nicht in den Märchen, ganz gewiss nicht in den Reden der Regierenden, lernen wir, das Leben von Menschen heilig zu halten wie einen Gott geweihten Ort, wie eine „Kirche“ und ihm mit jenem Respekt zu begegnen, der einem noch verborgenen Königssohn zukommt?
Eugen Drewermann

     


    Eugen Drewermann

    wurde am 20. Juni 1940 in Bergkamen geboren. Er studierte von 1960 bis 1965 Philosophie in Münster und schließlich katholische Theologie in Paderborn, in der er 1978 in Göttingen die Habilitation erreichte. 1966 wurde er zum Priester geweiht, wobei er ab 1974 als Subsidiar in Paderborns Gemeinde St. Georg arbeitete. Bis dato war er als Seelsorger für Studenten tätig. Nach seinem Philosophie- und Theologiestudium ließ er sich in der Neopsychoanalyse an der Universität Göttingen ausbilden und war ab 1997 Privatdozent an der Universität Paderborn. Aufgrund strittiger Ansichten Drewermanns im Bezug zur Bibelauslegung und der Moraltheologie, wurde ihm im Januar 1992 erst die Predigtbefugnis entzogen, bevor er im März 1992 schließlich vom Priesteramt suspendiert wurde. Am 20. Juni 2005 trat er ganz aus der römisch-katholischen Kirche aus. Heute geht er einer Tätigkeit als Schriftsteller, Redner, Psychotherapeut und Lehrbeauftragter nach.

    Auf Italienisch erschienen von Eugen Drewermann: Cenerentola, Brescia (Queriniana) 1995, übersetzt von Claudia Murara; Biancaneve e Rosarossa, Rom (Edizioni Magi) 2006, übersetzt von Louisette di Suni; Il compare. Comare Morte. Ucceltrovato, Rom (Edizioni Magi) 2006, übersetzt von Lousiette di Suni.