Graphic Novel

7 Fragen an den Comiczeichner Reinhard Kleist

Reinhard KleistReinhard Kleist war einer der Protagonisten unseres Comic-Transfer-Blogs. Der deutsche Künstler verbrachte einen Monat in Palermo, wo er sich mittels seiner Bilder mit dem Thema der Migration beschäftigte. Mit Goethe.de sprach er über seine italienischen Erfahrungen.

Reinhard Kleist am Ende seines Palermo-Aufenthalts: Was für einen Eindruck hinterlässt die Stadt?

Am Anfang habe ich mich hier sehr fremd gefühlt. Mein erster Eindruck war, dass das die Stadt in Europa ist, in der ich mich bisher am fremdesten gefühlt habe. Jetzt mittlerweile ist es aber so, auch wenn ich die Sprache nicht spreche, dass ich mich hier eigentlich sehr wohl fühle: Sehr lebhaft – egal, wann man vor die Haustür tritt, man erlebt immer irgendetwas und sieht auch etwas. Es macht einfach großen Spaß, auf den Straßen unterwegs zu sein, auch wenn der Verkehr manchmal anstrengend ist. Aber, ich glaube, in Berlin werde ich mich ziemlich langweilen, wenn ich durch die Straßen laufe.

Neben einem produktiven Aufenthalt war der Anlass der Reise die Recherche für ein neues Buch: Was hat die Recherche gebracht?

Das hat auf jeden Fall etwas gebracht. Ich muss aber zugeben, dass ich im Lauf meines Aufenthalts die Recherche ein bisschen aus den Augen verloren habe, weil ich dann doch dem Charme der Insel erlegen bin und mich wenig darum gekümmert und unter Druck gesetzt habe, diese Recherche jetzt voranzutreiben. Ich habe einige interessante und spannende Begegnungen gehabt, zum Beispiel mit Judith Gleitze von Borderline Europe, dann eine Begegnung mit Pater Biagio, die ich extrem spannend fand. Dabei habe ich über die Situation der Flüchtlinge sehr viel gelernt und auch darüber, was für eine Rolle die Industrie, die mit den Flüchtlingen gemacht wird, in Europa spielt: Das ist eine ganz traurige Situation, die ein sehr unlöbliches Bild auf die Situation in Europa wirft. Ein großer Teil der Industrie fußt fast auf der Ausbeutung von Migranten. Das sind ganz deprimierende Zustände.

Der Zweck der Recherche vor Ort scheint es ja auch zu sein, eine Empathie für das Thema und die Menschen zu entwickeln. Konnte das auch hier in Palermo geschehen?

Ja, auf jeden Fall! Ich habe mich mit den Leuten unterhalten, zum Beispiel mit einem jungen Arbeiter auf dem Markt, der mir seine Geschichte erzählt hat. Und das hat dann natürlich eine sehr persönliche Bindung. Auch die Bücher, die ich in der letzten Zeit gemacht habe, haben alle etwas damit zu tun, dass ich dann auch eine persönliche Bindung entwickelt habe. Zum Thema Migration könnte ich auch genauso gut in den Medien, im Internet recherchieren oder Bücher lesen, aber man kriegt trotzdem einen ganz anderen Zugang zu dem Thema, wenn man sich einmal selber darum gekümmert hat zu gucken: Was passiert denn da eigentlich? Zwar ist Palermo da nicht unbedingt der Ort, wo man gewesen sein muss, denn es gibt auch Orte in Berlin oder in Brandenburg, wo man sich mit dem Thema auseinandersetzen kann, aber die Gelegenheit, hier gewesen zu sein, fand ich schon sehr wichtig. Und ich habe hier schon, wie gesagt, sehr tolle Begegnungen gehabt.

Kann man etwas ganz Spezielles aus Palermo mitnehmen? Bekommt man hier einen guten Appetit auf ein Arbeitsthema? Was ist hier anders als zuhause?

In meiner eigenen gewohnten Umwelt sehe ich eigentlich immer nur das, was ich gerade machen muss: Entweder die Arbeit an meinen Büchern oder die Arbeit an einem Job. Und jetzt hier zu sein und mich mit der Stadt auseinander zu setzen und mit dem Thema, das ich mir gewählt habe und das ein Teil dieser Stadt ist, dadurch arbeitet man ja ganz anders. Jedes Mal musste ich mir überlegen, was ich als nächstes mache. Einmal habe ich meine Skizzen gemacht, die ich in den Straßen und unterwegs gemacht habe, ich habe meine Fotos gemacht und abends oder einen Tag sitze ich dann zuhause und denke: „So, was mache ich für ein Bild daraus?“ Das ist eine sehr freie Art und Weise zu arbeiten. Es ist für mich auch sehr befreiend, einmal den Rahmen aus kleinen Kästchen und einem festen Konzept zu sprengen.
Die Arbeit an einem Comic ist eine sehr konzeptuelle Sache und ein sehr eingefahrenes System, in dem man sich bewegt. Da muss alles durchdacht sein. Und hier kann man einfach einmal sagen: So, okay, ich mache jetzt einfach einmal ein Bild, eine Illustration, ein Gefühl, das ich habe, irgendetwas, was mir begegnet ist, was ich gesehen habe. Das ist ein sehr freies Arbeiten. Ich habe ein bisschen herum experimentiert mit verschiedenen Medien – mir hat das großen Spaß gemacht, so zu arbeiten. Die räumlichen Bedingungen dafür waren ideal – bis auf den zu kleinen Küchentisch. (Lacht.)
Aber, es war traumhaft, auf dieser Dachterrasse zu sitzen und zu zeichnen. Alleine dieser Punkt ist schon wichtig dabei. Denn normalerweise habe ich mein Atelier: Da habe ich meinen großen Zeichentisch und da bin ich jeden Tag und bewege mich in meinen eigenen Grenzen. Und jetzt hier diese Grenzen zu sprengen, aber auch trotzdem die Arbeit zu machen, die ich zuhause auch mache, das eröffnet ganz neue Horizonte.

Der Aufenthalt hier in der Stadt hat einen Mehrwert geschaffen. Ist so etwas gar nicht so selbstverständlich?

Jetzt in dem Fall ist es wirklich so gewesen, dass eins dem anderen die Hand gereicht hat: Zuerst habe ich die Idee von Christina gelesen, ob ich nicht Lust hätte, nach Italien zu kommen. Da habe ich mir Gedanken darüber gemacht: Klar, auf jeden Fall! Was würde mich denn da interessieren? Und dann kam dieses Thema und dann kamen meine persönlichen Kontakte dazu und irgendwie gab sich alles so die Hand. Ich wäre, glaube ich, nie auf diese Idee gekommen ohne den Vorschlag des Goethe-Instituts.
Ich bin hierhergekommen mit einer ganz vagen Idee, die ich hatte, und dann habe ich ein paar Rückschläge einstecken müssen. Dann sind mir ein paar andere Ideen gekommen. Und was sich daraus jetzt entwickelt, da muss man erst einmal gucken, wenn ich das ganze ein bisschen mehr auswerte. Was wirklich daraus wird, kann ich noch nicht sagen, aber es wird auf jeden Fall etwas daraus. Die Arbeit, die ich jetzt hier in Palermo gemacht habe, wird sicherlich ein großer Teil davon werden.

Was für Elemente sind es, die dann unter Umständen im Buch oder Werk wieder auftauchen? Was ist es, was eine Recherche vor Ort notwendig macht?

Das kann ich nicht so genau sagen. Wenn ich das so vergleiche mit der Arbeit an dem Buch „Havanna“ – die war ja ähnlich getaktet: es gab einen Blog, die Recherche für ein größeres Projekt und ich hatte meine Wohnung in Havanna und habe dann gearbeitet. Aus gewissen Gründen gab es da Probleme mit meiner Arbeit, die ich hier überwunden habe. Und wenn ich jetzt zurückgucke: Nicht nur diese Arbeit an dem Buch „Havanna“ war wichtig, sondern auch die Recherche, die ich schon für das Fidel-Castro-Buch gemacht habe. Das Fidel-Castro-Buch wäre in dieser Form nicht möglich gewesen ohne den Aufenthalt in Havanna: Ganz viele Sachen, die der Leser auch spürt, die fußen auf dem, was ich dort erlebt und gesehen habe. Das hat ganz viel mit der Atmosphäre und der Stimmung zu tun. Das Gefühl dafür, was die Leute denken, mit denen ich mich unterhalten habe, das ist alles in dieses Buch eingeflossen: So ganz simple Sachen wie der Vorschlag für einen Film. Ein Film, der nachher eine ganz wichtige Rolle spielte in dem Buch, das war ein Vorschlag von einem aus Havanna, der mir sagte: „So, den musst du dir unbedingt angucken.“ Und genauso wird das auch hier sein: Wenn ich diese Geschichte dann entwickle, dann werden ganz viele Details wieder auftauchen, von denen mir die Leute erzählt haben, von dem, was ich selber gesehen habe. Ob die Stadt Palermo selber eine Rolle spielen wird, weiß ich noch gar nicht. Wahrscheinlich schon, weil mit meiner unklaren Vorstellung, die ich bisher von der Geschichte habe, wird es schon so sein, dass etliche Teile von dem darin sind, was ich hier so erlebe. Und da wird Palermo auf jeden Fall auftauchen.

Wie ist die Beziehung mit dem Meer? Was kann das Meer bedeuten?

Ich hatte nicht so viel mit dem Meer zu tun: Ich war in Mondello, was ein sehr schöner Strand ist, und habe da auf das Meer geguckt. Ehrlich gesagt würde ich gerne einmal eine Geschichte zeichnen, die auf dem Meer spielt, so eine Entdeckergeschichte.

Vielen Dank!
Roman Maruhn
stellte die Fragen.

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Online-Redaktion
Februar 2013

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