Graphic Novel

Paul Hillebrandt über Widerstand

P.Hillebrandt

Drei Comic-Reportagen beschäftigen sich mit dem Engagement von Jugendlichen heute. Es werden Geschichten, Ereignisse und Situationen auf der Basis physischer und emotionaler Zustände verarbeitet, die sich an der Grenze zwischen Tagebuch und Alltagsbericht bewegen.

Paul Hillebrandt (Maleek) über Formen von Widerstand

In den letzten Jahren gab es in Deutschland einige Proteste gegen teure Bauprojekte. Die Medien bezeichneten die Demonstrierenden als „Wutbürger“. Wie sieht der Widerstand der Wutbürger aus?

Der Wutbürger entsteht da, wo der „brave Bürger“ an seine Toleranzgrenze stößt. Er stammt aus einer sozialen Ecke, aus der eigentlich kein Widerstand zu erwarten ist. Daher das große Interesse der Medien. Die Tatsache, dass er etwas zu verlieren hat, macht sein Anliegen scheinbar dringlicher, als das, der “jungen Randalierer”.
Mein liebster Wutbürger bleibt Mohammed Bouazizi, der mit seiner Selbstanzündung die gesamte Arabische Welt aus den Fugen heben konnte (und nicht nur die)…

Wie kann die Jugend im täglichen Leben Widerstand leisten?

Genau das war ja Thema meines Comic, dass der Widerstand zu einer Tugend per se erhoben wird. Der verläuft sich dann schnell in Ikonographie. Zunächst muss man sich mit dem Gedanken abfinden, dass Widerstand leisten unangenehm ist. Viele Menschen leisten nur vermeintlichen Widerstand, indem sie mit einer gewissen Strömung mitschwimmen. Effektiv wird es allerdings meist erst da, wo man auch bereit ist persönliche Opfer zu bringen…

Widerstand gegen Ausbeutung junger Akademiker kann man leisten, indem man sich weigert unbezahlte Praktika zu machen, Widerstand gegen den Kapitalismus kann man wohl nur mit Konsumverzicht erreichen.

Wo ist Widerstand im Alltag noch präsent?

Zum Beispiel in kriminellen Strukturen wie man sie aus sogenannten Problemvierteln kennt. Viele junge Menschen wenden sich auch zum Islam als Form des Widerstandes gegen eine gesellschaftliche Verwahrlosung, die sie dort erleben. Auch hier verläuft sich das Widerstandspotential leider sehr schnell in einem Bedürfnis nach Kollektivität. Außerdem wird man manipulierbar. Ähnliches geschieht in fast allen politischen Widerstandsbewegungen (ob links oder rechts, denn auch rechte Strömungen wie etwa die griechische “goldene Morgenröte”-Partei begreifen sich ja als Widerstand).

P-Hillebrandt


In deiner Arbeit verbindet sich der Irak-Krieg mit der Rückkehr des aktiven politischen Engagements der Jugend. Diese Tendenz wird durch die Entwicklung des Web 2.0 gestoppt, welche die Protestbewegung von der Straße zur einer individuellen und nicht materiellen Form bringt. Wie hat sich deiner Meinung nach die Art zu protestieren im Vergleich zu früheren Generationen geändert? Welche Rolle spielen Technik und Internet dabei?

Die effektive Rolle der neuen Medien als politisches Instrument ist noch kaum zu erfassen. Die Rolle sozialer Medien im arabischen Frühling wurde, meiner Meinung nach, übertrieben dargestellt. Auch online-Petitionsplattformen wie avaaz.org müssen sich erst noch beweisen. Noch habe ich das Gefühl, dass das Misstrauen gegenüber allen online-vermittelten Informationen (zu Recht) noch sehr groß ist.
Phänomene wie Kony 2012 haben doch aufgezeigt wie willkürlich der Umgang mit der eigenen Meinungskundgabe ist, sofern es anonym erfolgt und schnell zu erledigen ist. Auf diese Weise lässt sich kaum eine Regierung oder ein großer Konzern nachhaltig beeindrucken, schon allein wegen der kurzen Aufmerksamkeitsspanne der Internetgemeinde.

Die Lösung in deinem Comic ist das „Widerstehen“. Kann passives Verhalten allein die Antwort sein?

Wir alle wissen, dass Google schon sehr bald mehr Macht über uns haben könnte als jegliche Regierungsform bis dato. Auch wissen wir alle, dass wir diesen Giganten an einem einzigen Nachmittag fällen könnten, würden wir einfach unisono auf seine “Dienste” verzichten. Dennoch ist keiner dazu bereit. Das ist wieder einmal die Geschichte des Mannes der aus dem Hochhaus fällt (”Jusqu'ici tout va bien”...).
Die Angst, mittelfristig einzeln zurückzufallen ist größer als die Angst langfristig kollektiv versklavt zu werden.

Welcher Comic Autor hat dich am meisten beeinflusst und was hast du von seinem Stil übernommen?

Puh...begonnen hat alles in der Kindheit mit Hergé, Uderzo, Franquin und Morris. Aber auch Illustratoren wie John Tenniel, Tomi Ungerer und Maurice Sendak, den Einfluss dieser frühen Idole kann man ja heute kaum abschätzen. Und Disney natürlich auch, vor allem die Phase der späten Sechziger unter der Feder von Yb Iwerks und Woolie Reitherman.

Als direkte Vorbilder reiferer Jahre müsste ich nennen: Winsor Mccay, Tomer Hanuka, Boucq, Guarnido, Will Eisner, Nicolas de Crecy, Sylvain Chomet, Hayao Miyazaki... Was ich mir nun von wem abgeschaut habe muss der Leser selbst herausfinden...gesichert kann ich nur sagen, dass ich das Zeichnen von Skeletten und Totenköpfen bei Boucq's “ Aventures de la Mort “ studiert habe. Cinematografische Bildführung kann keiner so gut wie Guarnido. Digitale Colorierung in Perfektion gibt‘s bei Tomer Hanuka...ein bisschen was von überall eben...

Goethe-Institut Italien, Information & Bibliothek
Online-Redaktion
Februar 2014

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns! info@rom.goethe.org

    Deutschsprachige Comics

    Informationen zur deutsch- sprachigen Comicszene, Künstler- porträts und Buchtipps