Graphic Novel

Manuele Fiors graue Zone

Copyright: Manuele FiorIn Das übernatürliche Grauen in der Literatur stellte der amerikanische Meister der amerikanischen Horror-Literatur H.P. Lovecraft überzeugt fest, dass das Phantastische allein den nordischen Kulturen angehört, während es im Mittelmeerraum nicht Fuß fassen könne. Dort gebe es zu viel Licht, wenig Schatten, zu klare Umrisse, um ein benachbartes Jenseits zu erfinden. Diese Theorie lässt sich zwar mit Leichtigkeit widerlegen, dennoch lohnt sich ein Blick auf unterschiedliche kulturelle und anthropologische Traditionen mit ihren je unterschiedlichen und geographisch spezifischen Formen des Phantastischen. Im Hinblick auf Italien fällt auf, dass phantastische Erscheinungen keinen Bruch mit der Realität darstellen, sondern vielmehr eine Verschiebung der Wirklichkeit bzw. verschwimmende Grenzen, die eher Zweifel, Überraschung und Staunen nähren als Schrecken. Die einfache Spaltung und tragische Verwandlung von Stevensons Dr. Jekyll und die Gespenster des Verdrängten, die bei Poe und Steven King zu neuem Leben erwachen, entsprechen nicht unserem Naturell. Unserem DNA liegen eher die mythischen Formen und Metamorphosen eines Savinio, die traumwandlerischen Bilder eines Fellini, die Starre er metaphysischen Malerei, die Atmosphäre der Erwartung und der Ernüchterung eines Buzzati.

Die Lektüre des jüngsten bei Coconino Press erschienenen Comic-Romans von Manuele Fior, L'intervista (Das Interview) weist gleich mehrere dieser Elemente auf. Fior gilt zurecht als einer der wichtigsten zeitgenössischen Autoren Italiens. Dabei kommen mit der Versetzung der Handlung in die Zukunft und einer Invasion von Außerirdischen oder besser ihrer Sichtung am Himmelshorizont zwei klassische Topoi aus der Welt der Science-Fiction zum Einsatz. Wir befinden uns im Jahr 2048, technologische Erfindungen haben Landschaft, Architektur und Orte des Friaul noch nicht endgültig verändert. Es geht um Aufstände, die die Sozialstruktur stark erschüttert haben, deren Ergebnisse wir jedoch noch nicht erfassen. Am sichtbarsten werden die Veränderungen an bestimmten Formen der Innenausstattung und in den Verkehrsmitteln. Raniero lehnt diese ab, standhaft verschafft er sich bei einem benachbarten Bauern Benzin und hauseigenen Wein. Der Psychologe Raniero, der sich irgendwo im Alter zwischen 50 und 60 auf dem Höhepunkt einer Ehekrise befindet, wird binnen 24 Stunden Zeuge mysteriöser Lichterscheinungen in Dreiecksform am Himmel. Gleichzeitig pflegt er Dora, eine junge Frau, die anscheinend unter psychotischen Zuständen und Halluzinationen leidet. Weil die beiden sich gegenseitig in ihrer Natur erkennen, in der Fähigkeit, das zu bemerken, was andere nicht wahrnehmen und einen epochalen Wandel vorherzusehen, verstehen sich die beiden und fühlen sich zueinander hingezogen.

Fiors Grautöne, die andernorts durch ihre Farbigkeit verzauberten, lassen hier hingegen bewusst eine Grauzone entstehen, in der die Zeit wie in bestimmten historischen Momenten aufgehoben ist, wie in der unsrigen, in der sich das Ende einer Epoche ankündigt, neue Formen jedoch noch nicht auszumachen sind. Die Lichtstreifen am Himmel und die dadurch entstehende Geometrie sind Hieroglyphen einer künftigen Gesellschaft, die noch nicht in der Lage ist, das zu lesen, was sie bereits aufschreibt. Diese Lähmung wird jedoch nicht offen benannt, sie wird vielmehr aus dem Raum für das Schweigen und für die Landschaften deutlich, aus dem ausgewogenen Rhythmus der Erzählung und der Dialoge, aus der unablässigen Auseinandersetzung zwischen Körpern und Gesichtern.



Letztere vor allem zeigen einen unüberbrückbaren Bruch zwischen den Generationen an, der eines der Hauptthemen der Geschichte darstellt und zugleich mit Hilfe des phantastischen Elements der gesellschaftlichen Analyse, wenn nicht gar der Anklage dient. Auf der einen Seite die vielen Worte der „Alten", ihre ständigen Klagen und das anmaßende Wortgeklingel derjenigen, die sich als einzig zuverlässig und vernünftig darstellen, als Richter einer Wirklichkeit, die sich hingegen dem Verständnis entzieht. Im Fokus stehen junge Leute, die neue Konventionen der "emotionalen und gefühlsmäßigen Nicht-Exklusivität" vertreten. Diese andere Art, zwischenmenschliche Beziehungen zu leben, wird von den Altvorderen entschieden abgelehnt, die ihr jedoch nichts anderes entgegenzusetzen wissen als die Trümmer einer Ehe oder sexuelle Ausbeutung 20-jähriger Praktikantinnen. Auf der anderen Seite das radikale Schweigen der Jungen als Form beharrlichen Widerstands, Mitleids und der Resignation gegen über den Älteren. Sie erscheinen auf den Straßen und an Kreuzungen mit unwahrscheinlichen, sexuell zweideutigen Verkleidungen, die an Futurismus und Zirkus zugleich erinnern. So werden sie zu unangreifbaren Masken, zu Symbolen der absoluten Undurchdringlichkeit. Sie haben die verlassenen Stadtzentren besetzt, autonome Gemeinschaften aufgebaut, eine Gesellschaft in der Gesellschaft. Dabei handelt es sich nicht um eine vergängliche Form von Selbstbestimmung, die mit dem Alter vergeht. Denn bereits durch die Gegenwart ihrer Körper stellen sie fest, dass nicht sie naiv weil jung sind, sondern dass hingegen die Welt selbst alt ist.

Der anfangs zufällige und gewissermaßen erzwungene Dialog zwischen Raniero und Dora stellt die einzige Brücke zwischen den Generationen dar, er bricht mit der ansonsten unüberwindbar scheinenden Unmöglichkeit der Kommunikation. So wird die Begegnung zwischen seinem Gesicht, das entfernt an einen in die Jahre gekommenen Gino Cervi erinnert, der von den Jahren und noch stärker von den Zweifeln gezeichnet ist einerseits, und den hageren Zügen dieser unerreichbaren Kreatur mit ihrer Mischung aus Pinocchio und Fee andererseits zum sehnsüchtigen Versuch, eine Einheit wiederzufinden, eine scheinbar unmögliche und daher Aliens entsprechende Beziehung.
Emilio Varrà
gehört zu den Gründern der Kulturvereinigung Hamelin, die sich mit Lese-Pädagogik, Kinderbüchern sowie Illustration und Comics beschäftigt. Er ist einer der Kuratoren des internationalen Bilbolbul Festivals für Comics und der Zeitschrift „Hamelin". Er unterrichtet an der Schule für Comic und Illustration der Kunsthochschule Bologna.

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Online-Redaktion
Juli 2013

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