Deutschsprachige Kinder- und Jugendliteratur

Rotraut Susanne Berner: „Der Schwerpunkt liegt auf den Gefühlen“

Rotraut Susanne Berner © R.S. Berner
Rotraut Susanne Berner © R.S. Berner
Die deutsche Illustratorin schätzt die Ausdruckskraft der Zeichnung. Sie erzählte uns, warum sie sich selbst als altmodisch sieht, wie sie aktuelle Tendenzen von Bilderbuch und Comic bewertet und was sie an ihren Kollegen aus Belgien bewundert.

Frau Berner, Sie haben früher als Grafikerin gearbeitet und fanden dann zur Illustration. Wie kam das?

Ich habe Grafik-Design studiert und nebenbei immer gezeichnet. Am Anfang machte ich Illustrationen für Verlagswerbung und vor allem Bucheinbände, nebenbei auch Sach-, Koch- und Gartenbücher. Später kamen Schulbücher hinzu, sie waren die Zündung, um etwas für Kinder zu machen. Ich hatte das Glück für Gudrun Mebs Anfang der Achtzigerjahre das Sonntagskind zu illustrieren, das mit dem Jugendliteraturpreis ausgezeichnet wurde. Dadurch stand ich als bis dahin unbekannte Illustratorin plötzlich im Rampenlicht. Es war also auch etwas der Zufall im Spiel. Mit der Zeit habe ich immer mehr Kinderbücher illustriert aber weiterhin auch Buchumschläge, in erster Linie für Belletristik, gestaltet. Inzwischen mache ich aber fast ausschließlich Kinderbücher.

Inwiefern unterscheiden sich Ihre Zeichnungen für Erwachsene von denen für Kinder?

Das wollen die Leute immer wissen! Entscheidend für die Richtung der Bilder, die Technik etc. ist nicht der Leser am Ende – den kenne ich ja nicht – sondern die Sprache, der Ton, der Charakter der Geschichte und ihrer Protagonisten.

Sommerwimmelbuch © R.S. Berner„Technik und Können sind erstaunlicherweise kein Erfolgsrezept“

Sie sagen, dass Sie sich gerne von Ihrer Umgebung, München, sowie von Familie und Freunden inspirieren lassen. Denken Sie darüber nach, ob gewisse Motive dann auch im Ausland verstanden werden?

Ihre Frage bezieht sich wahrscheinlich in erster Linie auf die Wimmelbücher, in denen ich eine kleine, mögliche Welt abgebildet habe. Da ist es naheliegend, sich von seiner Umgebung inspirieren zu lassen. Ihre Frage zielt aber wohl auch darauf, ob man von vornherein auf eine mögliche Lizenz im Ausland Rücksicht nehmen muss: Zum Glück gibt es in Deutschland nicht so viele Koproduktionen wie das zum Beispiel im englischsprachigen Ausland üblich ist. Da mischen sich dann die Mit-Produzenten schon gerne mal in den Inhalt der Bücher ein. Das halte ich für sehr problematisch. Hierzulande werden die Lizenzen meistens erst verkauft, wenn das Buch fertig auf dem Tisch liegt.

Würden Sie sagen, dass Bilder universell sind?

Ja, das ist eine wunderbare Eigenschaft von Bildern! Sie sind viel älter als Buchstaben und Literatur. Ein eindrucksvolles Beispiel war meine Begegnung mit japanischen Kindern, mit denen ich gezeichnet habe, als ich mit dem Goethe-Institut in Osaka war. Dabei war es überhaupt nicht so wichtig, miteinander zu sprechen! Wir haben ein Haus gezeichnet, und alle haben ganz von alleine verstanden, dass da Leute einziehen müssen, dass darum herum Blumen wachsen müssen und Schmetterlinge in der Luft fliegen. Auch in China ging mir das so. Die japanische und chinesische Schrift leitet sich ja von Bildzeichen ab.

Wolf Erlbruch lobte einmal Ihren „seltsamen Humor“ und Ihre Sensibilität. Dabei wird Ihr Stil wird als recht „schlicht“ bezeichnet. Wie gelingt es Ihnen, Emotionen darzustellen?

Das kann auf unterschiedliche Weise geschehen: die Möglichkeiten der Zeichnung und Malerei sind unendlich groß. Man kann Emotionen allein durch Farben darstellen. Oder durch die Haltung einer Person – da genügt oft ein kleiner Strich – ein bestimmter Blick, ob die Schultern hängen, die Füße nach innen gestellt sind oder nicht. Auch das ist international ganz gut kommunizierbar, wenngleich es auch körpersprachliche Unterschiede gibt. Oft stecke ich in der Person, die ich zeichne und ertappe mich dabei, dass ich Grimassen oder Bewegungen beim Zeichnen mache. Eigentlich bin ich ja keine besonders gute Zeichnerin, als Grafikerin lernt man das nicht wirklich.

Das habe ich von Ihren flämischen Kollegen auch schon gehört, und doch sind sie alle erfolgreich!

Naja, es gibt natürlich hervorragende Zeichner wie zum Beispiel Wolf Erlbruch. Beneidenswert. Aber manchmal empfinde ich es fast als Kapital, dass ich nicht so gut zeichnen kann. Auch wenn ich mich darüber ärgere, dass ich immer noch nicht richtig einen Fuß von hinten zeichnen kann – doch mir kommt es nicht so sehr auf das „Richtige“ an – der Schwerpunkt liegt mehr auf den Gefühlen, die meine Figuren, und – hoffentlich – auch die Leser am Ende haben. Aber da gibt es natürlich keine Regeln. Aber Technik und Können sind erstaunlicherweise kein Erfolgsrezept.

Märchencomics © R.S. Berner„Als Kind durfte ich keine Comics lesen“

Sie haben auch schon „Märchen-Comics“ gezeichnet. Worin liegt der Unterschied in Comiczeichnen und Illustrieren für Sie? Würden Sie gerne noch mehr Comics zeichnen?

Diese Märchen-Comics sind schon ziemlich alt, sie waren ursprünglich für eine Zeitschrift konzipiert, und dann wurde ein Buch daraus. Für mich war es eher eine Spielerei. Aber Comic und die Bildgeschichte haben natürlich viel miteinander zu tun, und Bildgeschichten sind ganz mein Metier.

Warum sind Sie doch beim Bilderbuch geblieben?

Das liegt sicher auch am Markt: der deutsche Büchermarkt war nie so sehr an Comics interessiert. Ich selber durfte als Kind keine Comics lesen und bin noch heute leider eine miserable Comicleserin, weil ich es nie richtig gelernt habe. Dabei finde ich manche Comic-Zeichner einfach großartig!

Interessant, dass der Comic hier in Belgien so gut läuft …

Die Deutschen sind mit Comics sehr moralisch umgegangen. In den Fünfzigerjahren wurden Comics noch vernichtet oder gegen sogenannte „gute“ Bücher getauscht. Auch mein Vater, ein gebildeter Mann, ein Verleger, konnte Comics nicht als eigene Kunstform anerkennen. Der Zusammenhang von Kunst und Komik wird ja heutzutage gesehen und erkannt. Dankenswerterweise veranstaltet ja auch das Goethe-Institut Comic-Ausstellungen in vielen Ländern. Ich sehe die Grenzen auch zwischen Comic und Bilderbuch nicht mehr so streng. Viele Comiczeichner machen beides, Atak, Henning Wagenbrecht und viele andere.

© R.S. Berner„Die flämischen Illustratoren sind etwas ganz besonderes“

Sie haben ja heute viele flämische Illustratoren getroffen. Gibt es etwas, was Sie bei den Kollegen besonders fasziniert?

Die flämischen Illustratoren sind etwas ganz besonderes. Man redet ja auch von einer flämischen Schule. Ich kenne einige schon länger, und für mich, aus der Ferne, sind sie sichtbar anders. So eine spezifische Richtung sehe ich in Deutschland nicht.

Wie würden Sie diese Richtung beschreiben?

Meiner Meinung nach hat es auch mit Malerei zu tun, mit Magischem und Surrealismus. Bei Carll Cneut und Ingrid Godon sehe ich darüber hinaus noch etwas anderes, auch wenn sie beide sehr verschieden arbeiten.

Gibt es in Deutschland keinen Trend?

Aus Ostdeutschland gibt es eine Tendenz, die unglaublich bereichernd war und ist. Ich kannte schon vor dem Mauerfall einige Kollegen, und sie haben mich sehr fasziniert und auch beeinflusst. Ich kann in Deutschland keine eindeutige Richtung oder Tendenz erkennen; andererseits höre ich oft aus anderen Ländern, dass etwas sehr deutsch ist. Ich selbst kann mich in dem Begriff „altmodisch wiederfinden.

Biografie

Rotraut Susanne Berner (geboren 1948 in Stuttgart) ist seit 1977 selbstständig als Grafikerin und Illustratorin tätig. Der internationale Durchbruch gelang der Künstlerin mit der Illustration des Kinderbuches Als die Welt noch jung war von Jürg Schubiger. Großen Erfolg hat sie vor allem mit ihren Wimmelbüchern und ihren Karlchen-Geschichten. Die Künstlerin erhielt für ihre Illustrationen mehrmals den Deutschen Jugendliteraturpreis (2006 auch den Sonderpreis Illustration) und war bereits drei Mal für den Hans-Christian-Andersen-Preis und den Astrid-Lindgren-Award nominiert.
Cordula Singer
führte das Gespräch. Sie arbeitet als Internetredakteurin am Goethe-Institut Brüssel.

Copyright: Goethe-Institut Brüssel
Mai 2011

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