Deutschsprachige Kinder- und Jugendliteratur

Jutta Bauer – Königin im Reich der Farben

© Foto: Ute Karen Seggelke


Das wichtigste Ausdrucksmittel von Jutta Bauer ist die Farbe. Die Illustratorin begann ihre Karriere als Cartoonistin, heute gehört sie zu den bekanntesten Bilderbuchkünstlern Europas.

Jutta Bauer hat den deutschen Bilderbuch-Thron 1998 mit Die Königin der Farben bestiegen, nach einer bereits mehr als anderthalb Jahrzehnte umfassenden Karriere als Illustratorin und Cartoonistin. Die Königin der Farben – das ist natürlich sie selbst. Wie diese Königin Malwida in dem vielfach ausgezeichneten Bilderbuch die drei Grundfarben kommandiert, sich mit ihnen auseinandersetzt, mit ihnen streitet, sich und sie dann doch wieder versöhnt, bevor die Herrscherin in einem großen Finale ein buntes Spiel mit ihren drei Untertanen entfesselt – das ist der Traum jeder Zeichnerin. Ganz sicher ist es der Traum der Jutta Bauer, die wie keine andere deutsche Illustratorin die Farbe zu ihrem primären Ausdrucksmittel gemacht hat.

Karikaturesker, skizzenhafter Stil

Dabei wurde Jutta Bauer anfangs vor allem als Cartoonistin wahrgenommen. Der Strich der 1955 in Hamburg geborenen Zeichnerin ist denn auch ein karikaturesker. Er kommt aus Amerika von Peter Arno und William Steig und von Tomi Ungerer, dem Elsässer. Er schenkte den Amerikanern ganz neue Linien, als er in den Fünfzigerjahren nach New York ging. Aber da sind auch Einflüsse von Ronald Searle, Sempé, Hans Traxler oder Claire Bretécher zu sehen, um einige der europäischen Wurzeln von Jutta Bauer zu benennen. Doch mehr als alle diese Lehrmeister betont die deutsche Zeichnerin das Skizzenhafte. Wobei Jutta Bauer anfangs nur Dienste für fremde Texte leistete.

Das änderte sich 1995 mit ihrem ersten eigenen Bilderbuch: Abends, wenn ich schlafen geh. Der Text, den Bauer für das kleine Buch schrieb, ist so kurz, dass er hier vollständig zitiert werden kann: „Abends, wenn ich schlafen geh, vierzehn Füchse bei mir stehn, zwei zu meiner Rechten, zwei zu meiner Linken, zwei zu meinen Häupten, zwei zu meinen Füßen, zwei, die mich decken, zwei, die mich wecken, zwei, die mich weisen in himmlische Paradeisen.“ Bei dem an ein Kindergebet erinnernden Gedicht wird durch die fehlende Rücksicht auf Regeln der Grammatik und Rechtschreibung sofort klar, wo die Zeilen ihren Ursprung haben: im Kinderzimmer von Jutta Bauers Wohnung. Ihr Sohn Jasper wurde 1986 geboren, und am Ende von dessen erstem Lebensjahrzehnt hatte seine Mutter zahlreiche Belohnungs-, Beruhigungs- und Versöhnungsgeschenke geschaffen, die sie dann aus dem privaten Kontext löste und als eigene Bücher publizierte. In diese Reihe gehört auch Schreimutter, jenes Bilderbuch, das der Illustratorin 2001 den Deutschen Jugendliteraturpreis einbringen sollte.

Wenig zu lesen, viel zu sehen

Die Erkenntnis, die man aus jedem Bilderbuch von Jutta Bauer ziehen kann, lautet: Es gibt unendlich viel mehr zu sehen als zu hören. Wenn diese Bilderbücher jeweils auch kaum eine Minute reine Lesezeit erfordern, so bieten sie doch ein dauerhaftes Vergnügen. Das gilt für Selma, Die Königin der Farben, Liebespaa... küsst euch ma..., Opas Engel, Engel & anderes Geflügel und sogar für das eher als Cartoonband zu verstehende Buch Ich ging durch die Hölle. Zunächst einmal verdankt sich das den Texten, die in ihrer Knappheit bewusst gar nicht mehr sein wollen als kindgerechte Hinführungen zu den Illustrationen. Und dann vor allem diesen Bildern selbst, die aus der Minuten- eine Viertel-, wenn nicht gar Halbstundenlektüre machen, weil man sich nicht sattsehen kann an diesen großflächig-großzügigen Motiven.

Große Liebe zu winzigen Formaten

Das gilt sogar für die kleinsten dieser Werke, für das 1997 erschienene Selma etwa, die Geschichte eines selbstgenügsamen und gerade deshalb lebensglücklichen Schafs. Selma ist bis heute Jutta Bauers meistverkauftes Buch, obwohl es eine reine Gelegenheitsarbeit war. Bauer nutzte den frei gebliebenen Streifen auf einem Druckbogen, um eine schnelle Jahresgabe für ihren Freundeskreis herzustellen. Weil der Drucker einen festen Termin für diese Arbeit hatte, fertigte die Illustratorin ihre Geschichte in 24 Bildern binnen einer einzigen Nacht an; als Anregung dazu diente ihr ein Radiogespräch mit einer Bäuerin. Der Rest ist deutsche Bilderbuchgeschichte. Dieser Liebe zu winzigen Formaten ist sie treu geblieben. Ihren kleinen Büchern ist gemeinsam, dass deren Handlungen auf alles Unwesentliche verzichten und um die Figuren herum nichts anderes inszenieren als eben jenes Material, in dessen Reich Jutta Bauer Königin ist: die Farben.

Souveräner Umgang mit verschiedenen Techniken

Die Illustrationen ihrer Bilderbücher sind mittlerweile meist aquarelliert, obwohl sie als Illustratorin für fremde Texte anfangs genau wie als Cartoonistin bevorzugt mit Buntstiften gearbeitet hat. Wie souverän Bauer über die jeweils spezifischen Effekte dieser Techniken verfügt, kann man etwa in Schreimutter an solchen Details wie dem gekringelten Rauch eines Dampfschiffs beobachten. Er ist – wie auch der lediglich skizzierte Umriss eines Kajütenaufbaus – in Wachsmalstift gehalten, dessen gebrochener Schwarzauftrag sich vom flächig aquarellierten Untergrund abhebt. Andere Bilder in diesem Buch, wie etwa ein Sonnenuntergang in der Sahara, sind wiederum dadurch entstanden, dass mit Wasserfarben und farbigen Tuschen über Buntstift-Vorzeichnungen koloriert wird. Jutta Bauer ist im Umgang mit ihrem Handwerkszeug so verspielt wie Malwida, ihre Königin der Farben. Man darf wohl von einer solchen Herrscherin nicht erwarten, dass sie einzelne Untertanen bevorzugt. Dementsprechend breit und überraschend wird Jutta Bauers Palette weiterhin ausfallen.
Andreas Platthaus
ist Redakteur im Feuilleton der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Mai 2012

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
internet-redaktion@goethe.de
Links zum Thema

Kinder- und Jugendliteratur

Aktuelle deutschsprachige Kinder- und Jugendliteratur