Lüftner, Kai

Für immer

Kinder- und Jugendbücher über den Tod gibt es inzwischen viele. Der Tod von Großeltern, von Eltern, Geschwistern, Freunden, ja selbst das Sterben junger Menschen aus der Perspektive eines betroffenen Ich-Erzählers haben in den vergangenen Jahren kleine literarische Meisterwerke hervorgebracht. Man denke nur an Sally Nicholls Roman Wie man unsterblich wird oder an John Greens Das Schicksal ist ein mieser Verräter.

Jene Bücher setzen allerdings die Fähigkeit zum differenzierten Reflektieren voraus. Wie aber bringt man kleinen Kindern, die noch nicht einmal lesen können, dieses Thema nahe, ohne sie zu verschrecken, zu verunsichern oder sie schnurstracks auf den Pfad himmlischer Erlösungen zu führen? Roberto Piumini hat vor zwanzig Jahren mit Matti und der Großvater – einer in der deutschen Ausgabe von Quint Buchholz bebilderten Erzählung – einen wunderbaren Weg beschritten, in dem er von einem fiktiven Spaziergang von Großvater und Enkel erzählt, bei dem der alte Mann allmählich schrumpft, schließlich auf der Nase des Kindes sitzt und von diesem eingeatmet wird. So nistet sich der Großvater „für immer“ im Enkel ein und wird Teil des jungen Lebens.

Für immer heißt das Bilderbuch von Kai Lüftner und Katja Gehrmann, das sich an die ganz Kleinen wendet und sich dabei des Themas „Weiterleben nach dem Tod eines geliebten Menschen“ in ähnlich verständlicher und tröstlicher Weise annimmt wie Piuminis Buch. Der Autor Kai Lüftner lässt am Ende den kleinen, vielleicht fünfjährigen Egon, der die Geschichte vom Tod seines Papas erzählt, sagen: „Papa ist immer bei mir. Nicht nur auf meinem Lieblingsfoto. Nicht nur in meinem Herzen. Ich bin selber Papa. Zumindest ein kleines Stück. Für immer.“

Überhaupt ist Egon, trotz seiner Trauer um Papa, der „etwas Böses in seiner Brust“ hatte, ein Kerlchen, das mit offenen Augen und stets mit seinem feuerroten Drachen (den er noch mit Papa gebastelt hat) unterm Arm durch den Tag geht – auch, wenn er im Augenblick nicht weiß, wo ihm der Kopf steht. Er erzählt von den Erlebnissen und Eindrücken, von seinen Gedanken und von seinen Ängsten frei heraus, als würden die Leser als Vertraute an seiner Seite spazieren.

So erfährt man, was es heißt, als „Zurückgebliebener“ weiterzuleben, den Papa für immer verloren zu haben, während die Menschen um einen herumtreiben, als sei nichts geschehen. Bis auf diejenigen natürlich, die Egon und seine Mutter kennen: Da gibt es die Grinser, die einen aufheitern wollen, und die Flüsterer, die einen ganz seltsam anschauen und schließlich die Sprachlosen, denen jedes Wort des Trostes fehlt. Egon hat mit allen seine Schwierigkeiten, besonders mit jenen, von denen er glaubte, sie könnten ihn an der Hand nehmen, ohne ihn ständig zu bedauern.

Egons Erzählung ist die eine Seite der Geschichte. Die andere Seite – die Bilder Katja Gehrmanns – illustriert auf bezaubernd schlichte Weise Egons Gefühls- und Gedankenwelt. Selbst im Schweren liegt ein Hauch von Leichtigkeit, ja Hoffnung. Trotz trauriger Gestalten, ratloser Mienen und der stets präsenten Frage, wie es nun weitergehen soll, ist da etwas, das Hoffnung weckt, und sei es ein Eichhörnchen, das neugierig ins Bild spitzt oder ein Hündchen, das an der Leine zerrt.

Katja Gehrmann setzt diese Stimmungen innerhalb und außerhalb des kleinen Egon mit ungewöhnlich frischen und lebendigen Wachsmalkreidestrichen in Szene. Der Bildhintergrund wird dabei nur schwach koloriert, als seien Wiesen und Wolken, Wege und Wände flüchtige, dem Wechselspiel der Natur unterworfene Erscheinungen. Allein die Frontispiz-Seiten mit einer Fotopinnwand des Familienlebens in glücklichen Tagen sind eine Augenweide. Die Figuren sind einfache, liebenswürdig karikierte Wesen, allen voran der rotbäckige, strubbelhaarige Egon mit seinem geliebten Drachen unterm Arm und die spielenden Kinder im Kindergarten. Besonders ein kleiner, freundlicher Lockenkopf mit Ringelpullover nähert sich Egon völlig unbedarft, um mit ihm voller Freude zu spielen.

Und siehe da: der Wind fängt den Drachen. Der steigt und steigt, die Wangen der Kinder glühen – und erstmals erscheint in den Gesichtern der erwachsenen Menschen, die die Szene verfolgen, ein Lächeln. Schöner und einfacher kann man diesen Augenblick des Weiterlebens und der Hoffnung nicht einfangen.

Autor

Kai Lüftner, geboren 1975, studierte Sozialpädagogik und arbeitete als Streetworker, Pizza-Fahrer, Türsteher, Werbe-, Auftrags- und Liedtexter, Comedy-Autor und Musiker. Heute produziert er vor allem Hörbücher und schreibt Kinderbücher. Er lebt mit seiner Familie in Berlin.
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Illustratorin

Katja Gehrmann, geboren 1968, studierte in Mexiko, Spanien und an der Fachhochschule für Gestaltung in Hamburg Illustration. Sie lebt mit ihrer Familie in Hamburg, wo sie an einer Kindermalschule unterrichtet und für verschiedene Zeitschriften arbeitet.
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Kai, Lüftner

Beltz & Gelberg Verlag

Weinheim, 2013
32 Seiten
ISBN: 9783407795465
Verlag: Beltz & Gelberg
Kontakt: Kerstin Michaelis