Korn, Wolfgang

Die Geheimnisse von Troja

Höchste Zeit für dieses Buch: Wolfgang Korns „Die Geheimnisse von Troja“, illustriert vom unvergleichlichen Klaus Ensikat. - Im Bücherregal verstauben die Schätze aus Kindertagen, „Die Sagen des klassischen Altertums“ im braunen Kunstledereinband. Sie verstauben, doch ihre Protagonisten und Schauplätze sind noch gegenwärtig. Als Schattenbilder von mythischen Helden und Landschaften, die für uns als Welterfoscher einst sehr real waren.

Siegfried in germanischen Wäldern, und, in etwas wärmeren Fantasiegefilden, Odysseus, Achill, der Schatz des Priamos, die Mauern Trojas, der Trojanische Krieg, das legendäre Holzpferd und diese verflucht unüberschaubare, verwandte und verschwägerte Sippschaft von Göttern und Halbgöttern, mit ihren überaus launischen Gemütern. Verstaubt inzwischen und fern des Alltags. Aber doch auf unheimliche Weise präsent als widerspenstiges Klischee. Ein Leben lang. Warum nur? - Weil diese Gestalten in den Hinterzimmern der Erinnerung immer wieder für Augenblicke zum Leben erweckt werden. Da ein „Ring des Nibelungen“, dort eine Reportage über den zu dem Trojaentdecker stilisierten Heinrich Schliemann. Da Jubiläumsreportagen in Zeitung, Funk und Fernsehen, dann vielleicht noch ein Troja-Monumentalfilm mit Brad Pitt. Undsoweiterundsofort. So verstauben mit der Zeit die mythologischen Helden nicht nur zu Ikonen einer diffusen Welt hinter dem Alltag, sie verkrusten zu ewigen Standbildern, egal wie wahr oder falsch die Fundamente sind.

Nichts davon ist wahr – außer der Wankelmütigkeit der Götter. Wir denken uns die Geschichte schön, um unser einfach strukturiertes Weltbild von gerechtem Heldentum, Kampf und Mut, Gut und Böse, Abendland und Morgenland aufrechtzuerhalten. - Gerade deshalb ist dieses Buch von Wolfgang Korn so wichtig. Es entmystifiziert freundlich aber radikal das, was wir vom Kampf um Troja und Homers Helden aus der Ilias und Odyssee zu wissen glauben. Aber es hinterlässt nach der Lektüre weder Leere noch Ernüchterung. Das Buch nähert sich in einem wunderbar erzählerischen Gang durch die Geschichte einer Erkenntnis, die alles andere als ernüchternd ist: Wie fantastisch vielfältig – im wahren Sinn des Wortes: vielschichtig -, differenziert und kompliziert die Annäherung an die historische Wahrheit doch ist und wie spannend sie gleichzeitig sein kann.

Wolfgang Korn erzählt in Gestalt eines Journalisten und in der Form von sieben „Blog“-Kapiteln von einer Studienreise zu den Ausgrabungsstätten um und auf dem Hügel Hisarlik an der Nahtstelle zwischen Ägäis und Bosporus, im äußersten Nordwesten der Türkei. Dort, in der Landschaft Troas, vermuten die Altertumswissenschaftler seit jeher den Ort, den Homer, im 8. Jahrhundert vor Christus in der „Ilias“ und der „Odyssee“ beschrieben hat (Korn unterscheidet dabei stets den mythologischen Ort Troja von der realen Grabungsstätte Troia).

Der Forschungsreisende Wolfgang Korn ist kein Experte, aber ein gebildeter und wissbegieriger Nichtfachmann. An seiner Seite findet sich immer der dokumentarische Illustrator, man könnte fast sagen „Fotograf“ Klaus Ensikat. Korn wird Beobachter der aktuellen Grabungen, unterhält sich mit Journalistenkollegen, mit Altertumsforschern und anderen Wissenschaftlern, ja auch mit Einheimischen, und taucht dabei immer tiefer ein in die Troia-Geschichte(n). Aus dem Forschungsreisenden wird ein Zeitreisender bis ins 3. Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung, dorthin also, wo man die erste Siedlungsschicht Troias vermutet. Korn reist quer durch die Jahrtausende und quer durch die verschiedenen Siedlungsschichten des Ortes – 46 Bauphasen in neun Hauptschichten! -, von denen die Schicht Troia VI/VIIa (ca. 1700 bis 1200 vor Christus) als die wahrscheinlichste Vorlage für Homers Troja gilt.

Korns Reise nach Troia/Troja ist so differenziert und gleichzeitig verständlich und unterhaltsam geschrieben, dass man sich fast in einem historischen Krimi wähnt, dessen letzte Seiten noch nicht geschrieben sind. Allein die Auseinandersetzung von Koryphäen der Geschichtswissenschaften und Archäologie (zum Beispiel zwischen den Tübinger Professoren Manfred Korfmann und Frank Kolb) setzt einen in Erstaunen, ja lässt einen die Haare zu Berge stehen. Und egal ob man Troia nun – wie der 2005 verstorbene Korfmann – als tragende Brücke zwischen Morgen- und Abendland begreift oder als Wiege der Kultur des Okzidents, eine Frage scheint am Ende der Lektüre die allerwichtigste und bleibt ebenso ungelöst wie die letzten Geheimnisse von Troia. Der Forschungsreisende und sein Freund Hermann wandern zusammen noch einmal über die Hügel dieser wundervoll friedlichen Landschaft am Meer und fragen sich: „Wie viele Kriege und Krisen können wir uns noch leisten, bis wir endlich einmal einen dauerhaften Trojanischen Frieden akzeptieren oder ...“ - In diesem Augenblick versinkt die Sonne wie ein brennender Goldball im Meer und bringt die beiden Reisenden zum Schweigen. - Ein wunderbar offenes Ende!

Autor

Wolfgang Korn wurde 1958 geboren, und wuchs in Lünen im Ruhrgebiet auf.[1] Er studierte Geschichte und Politische Wissenschaften in Berlin und später absolvierte er eine Journalistik-Ausbildung in Tübingen. Seit 1993 arbeitet er als Autor und Dozent in Hannover. Er schreibt über Archäologie und über Geschichte u. a. für Die Zeit, Mare, Geo und Damals und hat zu diesen Themen auch schon einige Bücher veröffentlicht. 2009 wurde er zusammen mit Klaus Ensikat mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet.
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Illustrator

Klaus Ensikat, geboren 1937 in Berlin, studierte an der Berliner Hochschule für angewandte Kunst und ist einer der bedeutendsten Buchkünstler der Gegenwart. Von 1995 bis 2002 war er Professor für Zeichnen an der Fachhochschule für Gestaltung in Hamburg. Klaus Ensikat lebt und arbeitet in Berlin.
» Klaus Ensikat

Wolfgang, Korn

Boje Verlag

Köln, 2013
184 Seiten
ISBN: 9783414823403
Verlag: Boje
Kontakt: Susanne Schneider