Deutschpflicht auf dem Schulhof
Die Herbert-Hoover-Oberschule in Berlin
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Gemeinsam haben Schüler, Eltern und Lehrer beschlossen, dass an ihrer Schule Deutsch gesprochen wird. Und das nicht nur im Unterricht, sondern auch in den Pausen, bei Schulausflügen und auf dem gesamten Schulgelände.
Deutsch als Verkehrssprache
Für mehr als 90 Prozent der 370 Schüler der Herbert-Hoover-Realschule ist Deutsch nicht ihre Muttersprache. Die Schule liegt im Berliner Bezirk Wedding, ein Stadtteil, in dem jeder dritte Bürger eine ausländische Staatsangehörigkeit besitzt. Wie im Bezirk Kreuzberg, wo der Ausländeranteil ähnlich hoch liegt, gehören an vielen Schulen die deutschsprachigen Kinder zur Minderheit. An 70 von 330 Berliner Realschulen ist Deutsch für die Mehrzahl der Schüler nicht Muttersprache.Aber nicht wegen der wenigen deutschen Kinder hat sich die Schule entschlossen, Deutsch als Verkehrssprache einzuführen. "Sondern weil wir keine andere Wahl haben, wenn in einer Klasse bis zu acht Sprachen gesprochen werden", betont Schulleiterin Jutta Steinkamp. Und da sich Eltern, Schüler und Lehrkräfte darin einig sind, dass nur gute Deutschkenntnisse den Schulabgängern die Chance auf einen Ausbildungsplatz verschaffen, hat sich die Schulkonferenz bereits Ende 2004 darauf geeinigt, Deutsch offiziell zur Verkehrssprache an der Herbert-Hoover-Schule zu machen. Der entscheidende Satz in der Hausordnung: "Die Schulsprache unserer Schule ist Deutsch, die Amtssprache der Bundesrepublik Deutschland. Jeder Schüler ist verpflichtet, sich im Geltungsbereich der Hausordnung nur in dieser Sprache zu verständigen."
Daran hat lange Zeit niemand Anstoß genommen. Erst als das türkische Massenblatt "Hürriyet" über die angebliche Diskriminierung berichtete und der Türkische Bund seinen Protest anmeldete, brach der Sturm los. Wochenlang wurde die Schule von Reportern belagert, Lehrer wie Schüler konnten sich vor Interviewanfragen nicht retten, und auf dem Pausenhof herrschte der Ausnahmezustand. Die Schülersprecher traten in Talkshows auf und sprachen sich – gleich welcher Nationalität – für die Deutschpflicht aus. Seit Ende Januar hat sich die Schule abgeschottet – sonst, so die Schulleiterin, sei kein Unterricht mehr möglich gewesen.
Was hinter der Aufregung steckt
In Deutschland ist Bewegung in die Ausländerpolitik geraten. Von links bis rechts wird gefragt, was aus der Utopie der aufgeklärten multikulturellen Gesellschaft geworden ist. Die Pläne der Bundesländer Hessen und Baden-Württemberg , einbürgerungswillige Ausländer mit einem Fragebogen auf die Einhaltung der demokratischen Grundregeln zu prüfen, wird nicht nur von vielen Ausländerorganisationen abgelehnt. Umgekehrt prangern Frauenrechtlerinnen – darunter gerade viele mit Migrationshintergrund – die Unterdrückung und Zwangsverheiratung muslimischer Mädchen in Deutschland an.Die Deutschpflicht an der Berliner Schule kam den Ideologen in der aufgeheizten Stimmung gerade recht. Das "Sprachdiktat" diskriminiere Minderheiten. Wer türkischen Jugendlichen den Gebrauch ihrer Muttersprache verbiete, verstoße gegen die Verfassung. Nur Mehrsprachigkeit fördere die Integration. Mit der Sprachregelung werde die deutsche Leitkultur durchgesetzt.
Gegen Ausgrenzung
Das alles geht an der Wirklichkeit in der Berliner Schule weit vorbei. In der Berliner Gegend, wo die Schule liegt, sprechen nun einmal die meisten Jugendlichen von zu Hause aus türkisch oder arabisch. Da können sich ihre polnischsprachige Klassenkameradin oder der Junge aus Afghanistan nur ausgegrenzt fühlen. "Das ist nicht mehr als ein Gebot der Höflichkeit, dass nicht jeder Mitschüler in seiner Muttersprache redet, wenn so viele verschiedene Nationalitäten zusammentreffen", unterstreicht die Schulleiterin.Gerade diejenigen, die sich dafür einsetzen, dass Deutschland sich endlich als Einwanderungsland begreift, müssten ein Interesse daran haben, dass jedermann die Verkehrssprache beherrscht. An der Hoover-Schule gibt es keineswegs ein "Sprachverbot". Die Hausordnung sei als "positive Selbstverpflichtung" zu betrachten. Wenn auf dem Schulhof trotzdem türkisch oder arabisch gesprochen werde, gehe halt ein Lehrer auf die Gruppe zu und weise sie auf die Hausordnung hin. Außerdem achteten die Schüler selbst darauf, dass Deutsch gesprochen werde.
Zu Hause – und das ist allen Beteiligten klar - sprechen die meisten Migrantenkinder nicht Deutsch, sehen kein deutsches Fernsehen, lesen keine deutsche Zeitung. Die Hoover-Schule, die sich "Schwerpunktschule für Deutsch mit einem erweiterten Nachmittagsprogramm" nennt, will mit ihrer freiwilligen Sprachregelung den Sprachraum Deutsch ausweiten. Es gibt mehr Deutschstunden als an anderen Schulen, Unterricht in kleinen Gruppen und andere Fördermaßnahmen.
Die steigenden Anmeldezahlen geben der Schulleiterin recht. Jutta Steinkamp: "Um die Anmeldungen zum kommenden Schuljahr brauchen wir uns keine Sorgen machen. Die klugen Migranten werden uns nach dieser unfreiwilligen Werbung die Türe einrennen."
ist freier Journalist in Berlin und Leiter der Agentur Thomas Presse und PR, Berlin/Bonn.
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März 2006








