Deutsche und italienische Stereotype

Feste und Hochzeiten

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Protzig und abgerissen zugleich ist Italien, das Land, in dem eine Einladung einem Beweis der eigenen Existenz gleichkommt. Erst wenn Du auf der Gästeliste wichtiger Feiern stehst, gibt es dich überhaupt. Wenn dein Name auf der Liste fehlt, musst Du unbedingt dafür sorgen, dass Du trotzdem dabei bist. Das ist nicht allein eine Frage der äußeren Erscheinung, sondern der Philosophie. Die bürokratische Identität dieser Republik erfordert die jeweils richtigen sichtbaren Bestätigungen. Und die Einladung auf Büttenpapier zu einer gewissen Anzahl von Abenden mit entsprechendem Catering-Service zählt, und wie! Festivitäten demonstrieren allüberall den sozialen Status, Unterschiede bestehen nur im Zeremoniell. Derzeit sind in Italien zwei einander entsprechende und zugleich entgegengesetzte Tendenzen zu beobachten.
Auf der einen Seite werden Feste immer mehr im Stil von Hochzeiten begangen. Geburtstage, Taufen, Erstkommunionfeiern und solche für das bestandene Diplom schöpfen zunehmend aus dem Festinstrumentarium von Hochzeiten, von der Geschenkliste bis zum obligaten Fotoalbum. In Neapel gehören sie bei Festen zum 18. Geburtstag zum obligatorischen Standard. Anlässlich des Erreichens ihrer Volljährigkeit lassen junge Frauen sich in Brautpose vor dem Vesuv und der Bucht von Neapel fotografieren. Gleichzeitig gestalten sich Hochzeiten immer stilvoller. Sie werden desto eleganter, je mehr sie sich vom traditionellen Modell des Festessens mit 16 Gängen, achtstöckigen Hochzeitstorten und einem kleinen Geschenk für jeden Gast entfernen, das aus einem Kristallschwan besteht, wenn es ganz besonders schlicht ausfällt. Böse Zungen warnen, dass man in diesem Fall unter Umständen mit knurrendem Magen nach Hause geht, obwohl man Unsummen in Geschenk und entsprechende Kleidung investiert hat. Aber man bleibt wenigstens nicht nüchtern. Was auf dem Teller gespart wird, sorgt zumindest für volle Gläser..

Die Geburtstagsgeschenkliste

© colourbox.comDas Geschenk, das Simona besorgt hatte, ist auf dem Tisch am Eingang auf einem Haufen Rechnungen und Supermarktwerbung eingepackt liegen geblieben. Der Taschenspiegel mit handgemachten Einlegearbeiten thront vergessen auf dem Super-Sonderangebot. Liegengelassen, verdrängt, wie es Dingen geht, die uns einst begeistert haben und uns dann peinlich wurden. Nicht, weil sie uns etwa nicht mehr gefielen, sondern weil sie uns daran erinnern, dass wir ungeschickt waren. Jedenfalls hat Simona den Spiegel für den Geburtstag von Antonella ausgesucht, für ihren dreißigsten. Sie dachte dabei an ein Geschenk als Symbol für Schönheit und weibliche Identität. Auf der Antiquität hatte sie schließlich ein interpretatives Kartenhaus errichtet. Aber die Windböe, die es zum Einstürzen brachte, kam, als sie zufällig eine gemeinsame Freundin traf.
- Was, du weißt nicht, dass Antonella eine Geburtstagsgeschenkliste gemacht hat?
- Eine Liste?
- Ja, natürlich. Beim Juwelierladen Piscone. Kennst Du den nicht? Den an der Piazza Dante. Das war wirklich eine nette Idee, damit hat sie uns die Qual der Wahl erspart. Mit einer Beteiligung von dreißig Euro. So einfach ist das. Wenn du willst, kannst Du auch mehr ausgeben. Keine Ahnung, wenn Du meinst, dass sie dir als Freundin mehr wert ist…
- Aber natürlich. Danke für den Hinweis.
Simona sprach mit sich selbst. „Die Geburtstagesgeschenkliste. Sieh‘ einer an, da stellt sie für den Geburtstag eine Liste auf. Und mein kleiner Spiegel? Und die Metapher? Und das Zitat auf der Glückwunschkarte? ‚Mit dreißig wird man, was man ist. Sieh’ Dich an und sorge dafür, dass Du Dir gefällst!’” Schließlich wählte Simona den einfachsten Weg, eine Beteiligung von dreißig Euro und damit hatte sich das. So einfach war es aber nicht. Am Eingang stand eine lange Schlange vor der Gästeliste. Und sie, mit Pfennigabsätzen, Schal statt Mantel und Dauerwelle bei feuchter Luft ließ sich trotzdem nicht entmutigen. Der Rausschmeißer war so groß wie ein Ikea-Schrank, den es mit einer Stufenleiter zu erklimmen galt, aber er war verführerisch. Dieser Nacken lohnte die zu seiner Eroberung nötige Mühe.
Die Schlange löste sich allzu rasch auf und sie sah sich gezwungen hineinzugehen. Sehnsuchtsvoll wie eine Diva ging sie zum Büffet mit Finger-Food. Da war es mit Stil und Klasse schnell ganz aus. Italien ist kein Land für Sushi. Die Gäste stießen sich für ein Stück Mozzarella gegenseitig die Ellbogen in die Rippen, als gelte es, eine Rettungsboje zu erreichen.
An jenem Abend zählte sie, die Buchhälterin, 570 Wie geht’s? ohne, dass dabei jeweils eine Antwort erwartet worden wäre, 230 Na so was, sieh‘ mal, wer da ist!, 137 Du siehst traumhaft aus!, 98 Wo hast Du denn das her? Kein einziges Wie schön, dich zu sehen!
Sechs Monate später stellte sie für ihren eigenen 33. Geburtstag eine Geschenkliste auf. In der Buchhandlung. Kultur beruhigte ihr Gewissen.

Vorbereitung auf Festivitäten

Zur Hochzeit von Nando und Gilda trug Francesca die Handtasche, die Monica zur Erstkommunion von Monica getragen hatte. Rosa trug die für die Diplomfeier von Lorella angeschafften Schuhe. Gabriella trug das selbe Kleid wie zu Giulios Verlobungsfeier. Sara kam in der Stola, die sie zur Erstkommunionfeier der Tochter von Ugo getragen hatte. Francesca hatte Valentina den Seidenrock von Antonias Hochzeit geliehen. Anna hatte den Hut auf, den sie zur silbernen Hochzeit von Fabrizia getragen hatte. Roberto hatte nach der Scheidung in seinem Schrank den Anzug von seiner eigenen Hochzeit ausgegraben. Giovanna und Maria hatten beide ein neues Kleid, es war das gleiche. Beim 13. Gang lieh sich Gemma von Silvia Lias Firmungshandschuhe aus. Emmas Ohrringe hatte Großmutter Elena bei allen Familienfesten getragen, einschließlich der Trauerfeiern. Tittis Pelz hatte fünf Hochzeiten, drei Taufen, zwei Diplomfeiern und 17 Geburtstage mitgemacht. Die Herkunft der Garderobe aus erster, zweiter, dritter und vierter Hand erzählte ihr ganzes Leben.

Natascia Festa
wurde 1968 in Avellino geboren und lebt in Neapel. Sie hat Literaturwissenschaften an der Universität Federico II in Neapel studiert, wobei sie sich auf Literatur- und Theaterwissenschaften konzentrierte. Sie ist Redakteurin beim Corriere del Mezzogiorno www.corrieredelmezzogiorno.it, einer Regionalausgabe des Corriere della Sera, für den sie auch den blog „Che visione“ betreut (http://chevisione.corrieredelmezzogiorno.corriere.it/salerno/articoli/)

Übersetzung: Bettina Gabbe
Copyright: Goethe-Institut e.V.

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Januar 2010