Das „Tatort“-Phänomen

Zu den sonntagabendlichen Ritualen in Deutschland gehört die Leichenschau. Dank des öffentlich-rechtlichen Fernsehens können die Deutschen die Opfer von Gewaltverbrechen an einigen der malerischsten Schauplätze des Landes bestaunen, beispielsweise unter einer Rheinbrücke oder in einem abgeschiedenen Treppenhaus in der Nähe der Semperoper. Das ist das Tatort-Phänomen.
Jede Woche holen sich Millionen Fernsehzuschauer ein Kommissar-Duo auf den Bildschirm, das lahme Witze reißt, die Einsamkeit und das verletzliche, verborgene Innere zur Schau stellt, die Schattenseiten der Gesellschaft, sei es Pädophilie oder Euthanasie, ans Licht bringt und Verbrechen aufklärt.
Teil der regionalen Tourismusbranche
Die Machart der Sendereihe ist im Vergleich zu den temporeichen, geschliffenen amerikanischen Krimiserien wohl eher betulich. Aber das spielt keine Rolle. Zum einen soll man den Tatort als offiziellen, gemächlichen Ausklang des Wochenendes bei einer Tasse heißer Schokolade genießen können. Zum anderen sind der Tatort und sein ehemals ostdeutsches Pendant Polizeiruf 110 Teil der Tourismusbranche der einzelnen Bundesländer geworden. Jede deutsche Stadt, die etwas auf sich hält, möchte als Kulisse für den Tatort dienen, und sei es nur, um Millionen Zuschauern die reizvollen Kopfsteinpflasterstraßen oder lebendige Klubszene präsentieren zu können. Man kann sich förmlich vorstellen, wie sich Hans-Joachim oder Brigitte sonntagabends, während das nächste unglückselige Opfer abgemurkst wird, mit einem Ruck aufsetzen und „Ja! Wir müssen uns diesen Sommer unbedingt mal Essen anschauen!“ ausrufen. Das staatliche deutsche Fernsehen wird auf Länderebene organisiert, und jeder Sender legt sich für seine Kommissare ins Zeug.
Ein Kommissar kandidiert für die Präsidentschaft
Aber wer hätte gedacht, dass die nationale Begeisterung für die Lokalmatadoren einmal so eine Wendung nimmt: Peter Sodann, der den Tatort-Kommissar Bruno Ehrlicher mimte, bewirbt sich als deutscher Bundespräsident. Er ist der Kandidat der Linken und erregte bereits einiges Aufsehen, als er Deutschland als beschädigte Demokratie bezeichnete und dafür plädierte, führende Bankiers wie Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann zu verhaften. Die letzte mit Kommissar Ehrlicher ausgestrahlte Tatort-Folge glich in der Tat einem politischen Manifest: es ging um einen üblen Geschäftsmann, der die einfachen Leute schikaniert und deren Schuldenlast derart ausnutzt, dass er schließlich ermordet wird. Das war nur eine Sonntagnachtgeschichte, aber sie veranschaulicht Sodanns etwas vereinfachtes Weltbild recht gut. Er zitiert oft sein Vorbild Bertolt Brecht:
- „Reicher Mann und armer Mann,
- standen da und sah’n sich an.
- Und der Arme sagte bleich:
- Wär’ ich nicht arm, wärst du nicht reich.“
Schon immer ein Rebell
Peter Sodann will also nicht nur im Fernsehen Verbrechen aufklären, sondern die Probleme Deutschlands lösen, indem er die Reichen ärmer und die Armen reicher macht. Es ist wohl kaum verwunderlich, dass er Mitglied der ostdeutschen kommunistischen Partei war. Aber damit nicht genug: Sodann hat schon immer rebelliert, sogar während des kommunistischen Regimes. Er wurde aus dem Kindergarten und schließlich auch aus der kommunistischen Partei geworfen und ins Gefängnis gesteckt, weil er ein systemkritisches Kabarett leitete. Er gibt immer noch keine Ruhe: „Erst haben wir den Sozialismus ruiniert, jetzt ist der Kapitalismus dran“, sagt er den Leuten auf Versammlungen in Ostdeutschland. Und er besteht wie seine Figur im Tatort darauf, einfache Arbeiterkost statt einem Staatsoberhaupt gemäß Cocktailhappen zu essen.Tut mir Leid, Herr Sodann, vielleicht ein andermal
Die deutschen Bundespräsidenten werden nicht durch eine Volksabstimmung gewählt, daher kann man mit Sicherheit davon ausgehen, dass der Tatort-Kommissar im Mai kommenden Jahres nicht die Nachfolge von Horst Köhler antreten wird. Aber der Gegensatz zwischen den beiden Männern könnte nicht größer sein – Köhler stammt aus der von Sodann unverhohlen verabscheuten Welt globaler Finanzinstitute. Bei einer öffentlichen Wahl hätte es der Kommissar wahrscheinlich weit gebracht. Schließlich stimmten die Kalifornier für Arnold „Terminator“ Schwarzenegger und die Amerikaner für den Schauspieler Ronald Reagan. Jeder erfolgreiche Politiker hat etwas von einem Schauspieler. Ein Präsident Sodann? Das hätte etwas für sich. Aber die Deutschen wollen ihre Kommissare am angestammten Platz sehen: sonntagabends über eine Leiche gebeugt, wie sie dem Geruch verbrannter Mandeln nachspüren (so riecht Zyanid, aber das wissen Sie natürlich) oder darüber fachsimpeln, wie der Hammer den Schädel getroffen hat, während die Zuschauer auf dem Sofa sitzen und sich fragen, ob sie den Fernseher lieber ausschalten sollen. Tut mir Leid, Herr Sodann, vielleicht ein andermal: in Deutschland werden Sie gebraucht, um die Mordrate zu senken und nicht, um das Land aus einer seiner schlimmsten Wirtschaftskrisen herauszumanövrieren. Schade eigentlich, das hätte lustig werden können.
Roger Boyes
ist Deutschland-Korrespondent der britischen Tageszeitung „The Times“. Er lebt seit zwanzig Jahren in Deutschland und schreibt die Kolumne „My Berlin“ im Tagesspiegel. In seinem Buch „My dear Krauts“ beschreibt er mit typisch britischem Humor die Eigenheiten des täglichen Lebens in Deutschland.
ist Deutschland-Korrespondent der britischen Tageszeitung „The Times“. Er lebt seit zwanzig Jahren in Deutschland und schreibt die Kolumne „My Berlin“ im Tagesspiegel. In seinem Buch „My dear Krauts“ beschreibt er mit typisch britischem Humor die Eigenheiten des täglichen Lebens in Deutschland.
Übersetzung: Christiane Wagler
Copyright: Goethe-Institut e.V., Online-Redaktion
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Oktober 2008









