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Etappen einer Erfolgsgeschichte: 50 Jahre Goethe-Institute in Italien

Ein halbes Jahrhundert Goethe-Institute in Italien
Die Goethe-Institute in Italien gehören zu den unverzichtbaren Organen des kulturellen Austauschs zwischen Deutschland und Italien. Für alle Universitätsinstitute ist das in der Stadt ansässige Goethe-Institut ein selbstverständlicher und oftmals unersetzlicher Arbeitspartner. Losgelöst von seiner spezifisch nationalen, deutschen Identität fungiert es als kultureller Treffpunkt und "Hort der Kultur".
Zumindest bis jetzt war es so. Wenn die Präsenz der Goethe-Institute in Italien in Zukunft weniger auffällig oder sogar weniger notwendig sein wird - aus Budget-Gründen und/oder infolge von Umorientierungen der auswärtigen Kulturpolitik - so ist dies paradoxerweise auch dem von ihnen erzielten Erfolg zu verdanken. Haben die Goethe-Institute so gut gearbeitet, dass sie sich jetzt überflüssig gemacht haben?
In der unmittelbaren Nachkriegszeit, nach den Erfahrungen des Faschismus, des Nationalsozialismus und des Weltkonflikts, stellte das Ziel, ein neues gegenseitiges Verständnis zwischen den Gesellschaften und Kulturen Italiens und Deutschlands herzustellen, die Goethe-Institute bei ihrer Gründung in den fünfziger Jahren in Italien vor drei Aufgaben:
  1. die vor allem in der letzten Phase des Krieges entstandene gegenseitige Feindseligkeit, die Vorurteile und die Klischeebilder abzubauen, die der Wiederaufnahme der Kontakte zwischen den beiden Völkern und den beiden Kulturen im Wege standen;
  2. die Kenntnisse der deutschen Kultur in Italien über den Kreis der Spezialisten hinaus stetig zu verbessern;
  3. eine enge Zusammenarbeit zwischen deutschen und italienischen Instituten und Persönlichkeiten herzustellen.
Grundlage dieser Aktivitäten war selbstverständlich die Förderung und Verbreitung der deutschen Sprache.
Diese Aufgaben konnten nicht in mechanischer Reihenfolge abgearbeitet werden, so als ob das Ziel des engen kulturellen Zusammenwirkens erst nach dem Abbau der gegenseitigen Vorurteile verfolgt werden könne. Es handelt sich um unterschiedliche Dimensionen der gleichen kontinuierlichen Kulturarbeit. Selbst die aus Ressentiments herrührenden Probleme können im Abstand von Jahren auf anderen und komplexeren Ebenen auftauchen. Es ist daher kein Zufall, dass eine der wichtigsten Veranstaltungen der römischen Niederlassung des Goethe-Instituts im Jahr 2000 noch einmal dem Thema "Die Kraft der Klischees" in dem Bemühen gewidmet wurde, die Bedeutung der "Gemeinplätze" zu bilanzieren, die noch heute die "besondere Beziehung" zwischen Deutschland und Italien kennzeichnen. Diesen Klischees zufolge werden die Deutschen von den Italienern immer noch als ordentlich, gewissenhaft, effizient, aber manchmal unnötig starr wahrgenommen; negativer formuliert sind sie ethnozentrisch, latent aggressiv. Demgegenüber werden die Italiener von den Deutschen immer noch als wenig zuverlässig, wenig effizient, geschickt in der Kunst des Sich-Arrangierens empfunden, auch wenn sie als herzlich, sympathisch und sehr anpassungsfähig gelten. Nach diesen Klischees besteht für das öffentliche Leben in Italien und die italienische Gesellschaft die latente Gefahr, zu Kriminalität zu tendieren oder ihr ausgesetzt zu sein, während es andererseits in der deutschen Gesellschaft immer noch ethnozentrische, wenn nicht rassistische Neigungen gibt.
Es ist eine Sisyphosarbeit, gegen solche Ressentiments anzugehen, indem man zeigt, dass in der alltäglichen Erfahrung oft das Gegenteil festzustellen ist. Verdienst der italienischen Goethe-Institute war es, Orte und Instrumente anzubieten, um diese Korrekturarbeit leisten zu können. Im Jahr 1993, einem für das öffentliche Image Deutschlands im Ausland schwierigen Augenblick, schrieb das Römische Goethe-Institut in seinem Bericht: "Die kulturelle Dimension der Spracharbeit wurde sichtbar in einem Jahr, in dem die italienischen Medien sich zusehends auf Deutschland-Kritik einschworen und die Ausländerfeindlichkeit und den Rechtsextremismus ins Visier nahmen. Gegenüber der tendenziell eher negativen Einstellung der Medien erwies sich das ‚Deutschlandbild' unserer Kursteilnehmer als wesentlich stabiler und objektiver." Heute können wir beruhigt hinzufügen, dass diese Feststellung nicht mehr nur für die Kursteilnehmer der Goethe-Institute gilt, sondern allgemein für die informierte Öffentlichkeit, auch wenn wir auf Wandel und Fortdauer der gegenseitigen Klischees und Vorurteile zwischen der italienischen und der deutschen öffentlichen Meinung noch zurückkommen müssen.
Was die übrigen positiven Aufgaben der Schaffung eines regelrechten kulturellen Austauschs zwischen Deutschland und Italien anbetrifft, können wir hier schon vorwegnehmen, dass entscheidende Etappen der in Italien in den letzten Jahrzehnten geführten Debatte über die eigene geschichtliche Vergangenheit, über die Wiederentdeckung der Problematik der nationalen Identität, aber auch wichtige Überlegungen über die "Krisenpathologien" des italienischen Systems in vielen Initiativen der Goethe-Institute in Italien ihren Widerhall gefunden haben. Insbesondere mit einigen Veranstaltungen (Debatten über die Gesellschaft, die Kultur und die Politik von Weimar, die Diskussionen über den "Geschichtsrevisionismus", über Themen der "nationalen Identität" und, in jüngster Zeit, über die Problematik einer europäischen Verfassung) waren die Goethe-Institute unmittelbare Protagonisten bei kulturellen Ereignissen mit landesweiter Bedeutung. Ganz zu schweigen von dem Umstand, dass ohne ihre Tätigkeit das zeitgenössische deutsche Kunstleben (Kino, visuelle Künste) nicht in dem Ausmaß und in der Qualität in Italien bekannt geworden und geschätzt worden wäre, in dem das heute der Fall ist.
Es besteht kein Zweifel, dass mit dem Ende der neunziger Jahre aus Gründen allgemeiner Art, die weit über den Horizont der Goethe-Institute hinausreichen, ein Zyklus zu Ende ging, der heute in der Rückschau als unumkehrbar und unwiederholbar erscheint.

Ein historischer Zyklus in vier Phasen
Seit Mitte der fünfziger Jahre bis Ende der neunziger Jahre lassen sich mindestens vier Phasen unterscheiden, die durch das kulturelle und politische Umfeld in Italien bedingt sind, auf das die Goethe-Institute mit mehr oder weniger gezielten Initiativen reagiert haben. Unter Berücksichtigung einer erheblichen Vereinfachung können wir sprechen von:
  1. einer Phase des Beginns oder der ersten Konfrontation, die sich angesichts des aus unterschiedlichen Gründen in den beiden Ländern schwierigen allgemeinen politisch-kulturellen Klimas etwas zäh gestaltete. Auf diese Atmosphäre antwortet das Institut - bis in die frühen sechziger Jahre - mit einem qualifizierten, aber eingeschränkten und nur von begrenzten Kreisen wahrnehmbaren Angebot;
  2. einer Phase der allgemeinen Durchdringung ab Mitte der sechziger Jahre, auf die in der ersten Hälfte der siebziger Jahre immer intensivere Initiativen und Austauschprogramme folgen. In diesem Zeitraum ist das politisch-kulturelle Klima in Italien in voller Gärung, und die Goethe-Institute erweitern und diversifizieren ihre Angebote und gewinnen dadurch eine bedeutsame Rolle im kulturellen Panorama Italiens;
  3. eine Phase der eindeutigen Bestätigung und großer Sichtbarkeit der Goethe-Institute in Italien kennzeichnen den Zeitraum etwa zwischen Mitte der siebziger Jahre und dem Ende der achtziger Jahre, nicht nur aufgrund der Art und Weise, mit der die Initiativen aufgenommen werden, sondern auch durch wirkungsintensive Anregungen, die sie auf das italienische Umfeld ausüben. In dieser Phase ist ein gesteigertes Interesse von italienischer Seite nicht nur für die traditionellen Bereiche der deutschen Literatur, Philosophie und Geschichts-schreibung, sondern für alle Aspekte der deutschen Gesellschaft und Politik festzustellen;
  4. es folgt dann eine Phase der Konsolidierung, die die gesamten neunziger Jahre umfasst: eine Phase zwischen Verfestigung und thematischer Ausweitung angesichts eines raschen Wandels des nationalen, europäischen und internationalen Umfelds, der neue Herausforderungen mit sich bringt.

Diese Periodeneinteilung muss notwendig vereinfachen, schon weil sie nicht gleichzeitig alle Niederlassungen des Instituts erfassen kann. Für die Komplexität des Bildes darf nämlich der wichtige Aspekt nicht unterschlagen werden, dass die italienischen Goethe-Institute ungeachtet der engen Zusammenarbeit untereinander doch auch stets Selbständigkeit bei der Gestaltung von Initiativen nationaler und internationaler Bedeutung in den jeweiligen Niederlassungen (Turin, Mailand, Genua, Triest, Neapel, Palermo) an den Tag gelegt haben.
Wer Italien kennt, weiß, dass jede der erwähnten Städte eine ganz eigene kulturelle und politische Physiognomie hat, die daher in ebenso besonderer Weise mit "ihrem" Goethe-Institut in Wechselwirkung tritt. Selbstverständlich erfolgt dies im Einklang mit der kulturellen Orientierung der Institution selbst, die sich vor allem im Lauf der Jahre nicht als bloße Vermittlerin deutscher Kultur in Italien betrachtet, sondern einen Ort des kulturellen Austauschs schaffen will und daher auch die spezifischen Eigenheiten, Bedürfnisse und Voraussetzungen der Umgebung, in der sie sich befindet, berücksichtigen muss.
Ich werde mich hier freilich auf die letzten 25 Jahre konzentrieren - also den reifsten und aktivsten Zeitraum der Goethe-Institute. Dabei werde ich auch nicht der Tätigkeit der einzelnen sieben Niederlassungen nachgehen können. Ich werde auch keinen Unterschied zwischen Initiativen machen, die ganz von den Goethe-Instituten unternommen und durchgeführt wurden, und solchen, die in Zusammenarbeit mit anderen italienischen kulturellen Einrichtungen erfolgten. Ich werde also versuchen, ein abwechslungsreiches und repräsentatives Bild davon zu vermitteln, was sich an dem einen oder anderen Jahr festmachen lässt - unter Berücksichtigung vor allem der Anliegen und der Reaktionsbereitschaft des italienischen kulturellen Umfelds. Es handelt sich nicht um eine aus dem Inneren der Institute gewonnene Rekonstruktion, sondern mehr um die Perspektive von außen.

Vom Misstrauen gegen Deutschland zur Bereitschaft zum kulturellen Austausch
Die 10 Jahre zwischen 1955 und 1965 sind vor allem durch den Zusammenstoß mit kulturellen und politischen Bedingungen gekennzeichnet, die es der Institution schwer machten, großen Einfluss auszuüben. Diese problematischen Voraussetzungen bestehen im wesentlichen im Misstrauen gegenüber Deutschland, das in der Nachkriegszeit in den kulturellen und universitären Kreisen, vor allem in den Großstädten, vorherrscht, aber auch in der volksnahen Subkultur, in der antideutsche Vorurteile verbreitet sind.
Die Schwierigkeit, die in diesem Zeitraum vor allem akademische Kreise davon abhält, Kontakte mit den Goethe-Instituten zu vertiefen, ist nicht das Fehlen des philosophischen, geschichtlichen oder literarischen Interesses für die deutsche Welt im allgemeinen (die im Gegenteil auf philosophischem Gebiet eine große Anziehungskraft ausübt), sondern das Misstrauen gegenüber Bundesdeutschland, das von einer bestimmten, am Antifaschismus (und dem "Roten Mythos" des Widerstands) festgemachten und in eine antideutsche Lesart gewendeten Ideologie genährt wird. Die - wenn auch (dank des Einflusses der Gedankenwelt von Antonio Gramsci) wenig dogmatische und origineller Ansätze nicht entbehrende - kommunistische Hegemonie in vielen kulturellen und akademischen Zirkeln blickt mit Sympathie auf das "andere Deutschland" (die DDR) und steht der Bundesrepublik mit Vorbehalten gegenüber. Die BRD wird als eine Gesellschaft wahrgenommen, die antiliberale Züge beibehält und unfähig zu echter Kritik an ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit ist. Diese Einschätzung verringert aber keineswegs das Interesse an deutscher Philosophie und klassischer Literatur und an einigen großen Autoren des 20. Jahrhunderts von Bertolt Brecht bis Thomas Mann.
Es handelt sich also nicht um Feindseligkeit gegen "Deutschland" schlechthin, sondern gegen "jenes" (West-)Deutschland, das zu Unrecht oder zu Recht die zur Ideologie der italienischen Linken antithetischen Werte zu verkörpern scheint. Solange es das Goethe-Institut in den Jahren 1955-59 , vor allem das in Rom (das u.a. in Wettbewerb mit einem kommunistisch ausgerichteten, aktiven Thomas-Mann-Zentrum steht) nicht wagt, dieses Problem anzugehen und sich darauf beschränkt, vor allem ein traditionelles, wenn auch sehr gut gemachtes musikalisches Repertoire und die Klassiker der deutschen Literatur anzubieten; solange es nicht aufzeigt, dass es in der BRD neue Autoren gibt, die fähig sind, sich mit den heikelsten Problemen auseinander zu setzen, ist die Tätigkeit des Instituts zu einer Randexistenz verurteilt. Nur allmählich setzt sich eine innovativere kulturelle Linie durch, die nicht zögert, das "problematische", "fortschrittliche" und "antikonventionelle" Gesicht Deutschlands vor allem auf künstlerischem und musikalischem Gebiet zu zeigen. In diese Richtung bewegt sich das römische Goethe-Institut und leitet damit konkret ab der zweiten Hälfte der sechziger Jahre eine neue Phase ein.
Die Kombination von unkonventionellen Initiativen auf filmischem und theatralischen Gebiet mit traditionelleren Ausstellungen und Begegnungen bezeichnet daher eine zweite, einschneidende Phase in der Zeit von 1965 bis 1975. Das Veranstaltungsverzeichnis der Initiativen des Römischen Goethe-Instituts ist beachtlich. Neben den Ausstellungen, die der Dada-Bewegung und Paul Klee, Franz Kafka und Albrecht Dürer und weiter Max Ernst und Otto Dix gewidmet sind, übernimmt insbesondere die Römische Niederlassung die Aufgabe, die zeitgenössische Zwölfton- und elektronische Musik in Zusammenarbeit mit der italienischen Gruppe "Nuova Consonanza" bekannt zu machen und zu verbreiten. Neben den nunmehr "klassischen" Exponenten der Wiener Schule (Schönberg, Berg, Webern) werden zeitgenössische Komponisten (Stockhausen, Koenig, Evangelisti, Nono, Henze, Brühn, Kagel, Riedel) vorgestellt, erläutert und aufgeführt. Ähnliches erfolgt für das zeitgenössische Theater und den neuen deutschen Film. Die italienische Kulturwelt empfängt Anregungen durch die Anwesenheit von Persönlichkeiten, die von den Goethe-Instituten eingeladen werden. So führt 1971 der Kongress zum zweihundertsten Geburtstag Hegels Persönlichkeiten wie Horkheimer, Löwith, Pöggeler und Hans Mayer nach Rom. Im gleichen Jahr bereist der Philosoph Hans Georg Gadamer einige italienische Niederlassungen (beginnend mit Triest), um über "Hegel und Heidegger" zu sprechen, während in Mailand ein Colloquium über die ethische Philosophie Albert Schweitzers mit 15 Wissenschaftlern aus acht Ländern stattfindet. In diesen Jahren hat die Philosophie eine herausragende Stellung.
Ebenfalls 1971 findet in Rom ein originelles Treffen mit dem Titel "Computer und Kunst" statt, eine Ausstellung mit Vortragsreihe, die zwei wichtige Theateraufführungen begleiten (Forum-Theater Berlin mit "Das Mündel will Vormund sein" von Peter Handke und Renaissance-Theater Berlin mit "Rameaus Neffe" von Diderot, eine Aufführung, die in Triest und in Neapel wiederholt wird).
Ebenso vielgestaltig und reichhaltig präsentieren sich die kulturellen Angebote des Jahres 1973 mit einem Seminar über die "Reform des Strafvollzugs" und einem weiteren von W. Kasper und J. Moltmann über "Fragen der Christologie heute". Günter Grass trägt zum Thema "Der Schriftsteller als Bürger" vor; an der anschließenden Diskussion nimmt auch Alberto Moravia teil. Die Musik hat stets ihren Ehrenplatz mit der Aufführung der "Marienvesper" von Monteverdi durch den Monteverdi-Chor Hamburg.
Die Niederlassungen in den Regionen sind besonders aktiv: Turin und Triest bieten eine in jenen Jahren hochaktuelle Diskussion über "Streik und Aussperrung" an, während die Niederlassung in Genua sich mit dem Thema "Widerstand im Dritten Reich", Vortrag und TV-Film mit Karl O. von Aretin, auseinandersetzt, wodurch ein Thema aufgegriffen wird, das in den darauffolgenden Jahren erheblich ausgeweitet. Die mit allen Aspekten der Vergangenheitsbewältigung zusammenhängende Problematik wird in der Tat zu einem ständigen Motiv der Tätigkeit der Goethe-Institute in Italien, die besondere Sorgfalt darauf verwenden, die Kenntnis des deutschen Widerstandes gegen die Nazis zu verbreiten. Diese Thematik wird frühzeitig von der Niederlassung in Neapel aufgegriffen, auch wenn ihre wichtigste Initiative für 1973 Goethes "Urfaust" ist (22 Aufführungen in italienischer Sprache mit der Theatergruppe "Libera scena di Napoli").
Für 1974 mag der Hinweis auf das Thomas-Mann-Jahr hinreichen. Alle italienischen Niederlassungen veranstalten eine Thomas-Mann-Woche oder einen Thomas-Mann-Monat, in dem das Werk des deutschen Schriftstellers in vielen Varianten vorgestellt und besprochen wird.

Die Phase der vollen Bestätigung. "Weimar" - aber nicht nur
Ungefähr ab 1976 nimmt die Aufmerksamkeit für die Arbeit der Goethe-Institute enorm zu. Merkwürdigerweise fällt dieser Beginn mit der Verschlechterung der wirtschaftlichen und politisch-kulturellen Verhältnisse sowohl in Deutschland als auch in Italien zusammen. Es sind die Jahre des Terrorismus, der Notstandsgesetze (Notstandsparagraphen), des Berufsverbots, des diffusen Gefühls, dass die demokratischen Systeme in Italien und in Deutschland aus unterschiedlichen Gründen nicht in der Lage sind, mit der eigenen inneren Krise fertig zu werden. Die Gespenster der Vergangenheit kehren zurück. In Italien werden die Analogien mit den Krisen der dreißiger Jahre (insbesondere mit dem Ende der Weimarer Republik) aus den Geschichtsseminaren in die Tageszeitungen getragen und Fernsehdokumentationen beschäftigen sich mit dem Thema. Zugleich verbreitet sich in der italienischen Linken eine neue antideutsche Phobie (man spricht abwertend vom "Modell Deutschland" und von "Germanisierung"), wobei übrigens aus Themen geschöpft wird, die die deutsche radikale Linke liefert.
Heute, in der Rückschau, fällt es schwer zu glauben, dass im Deutschland und im Italien jener Jahre so zahlreiche Katastrophenvisionen über das Schicksal der Demokratie in den beiden Ländern, vor allem in Deutschland, auftauchten und dargeboten wurden. Umgekehrt ist es heute erstaunlich, möglicherweise gerade bei den gleichen, mittlerweile gereiften und gealterten linken deutschen Autoren, idyllische Rückblicke auf die gute, alte, liberale BRD zu lesen.
Die Goethe-Institute in Italien reagieren sehr eindrucksvoll auf die schwierige politische Konjunktur der zweiten Hälfte der siebziger Jahre, ohne dabei ihre Aufgabe zu vernachlässigen, die vor allem kultureller Natur ist. Durch die Organisation von Ausstellungen über den deutschen Expressionismus oder die Auseinandersetzung mit der Problematik der Weimarer Republik in allen ihren Aspekten oder die Begegnung mit der Produktion von Regisseuren wie Fassbinder und Syberberg schaffen sie nämlich beste Voraussetzungen, um Diskussionen von unmittelbarer politischer Bedeutung einen zutreffenden und komplexen historischen Hintergrund zu geben. Im übrigen fehlt es nicht an Seminaren und Symposien über Verfassung und Grundrechte, Presse- und Meinungsfreiheit in der BRD. Nachdrücklich befasst man sich auch mit dem Prozess der europäischen Einigung als Lösung vieler nationaler Probleme. Das breite Angebotsspektrum belegt die hervorragende Aufnahmebereitschaft für kulturelle Anliegen und der Anregungsfunktion in Bezug auf ihr politisch-kulturelles Umfeld.
Große Bedeutung haben stets die Veranstaltungen über das zeitgenössische Kino und die zeitgenössische Musik. In der römischen Niederlassung des Goethe-Instituts wird über den "Jungen Deutschen Film" diskutiert, während die Mailänder Niederlassung eine Podiumsdiskussion über die Aufführung von "Mandra" mit K.H. Stockhausen, P. Grassi und P. Petazzi anbietet. Das Institut in Neapel organisiert stattdessen eine Experten-Begegnung über ein damals aktuelles Thema "U-Bahn-Bau in Neapel" und präsentiert in einer Ausstellung "Zeichnungen und Plastiken von Kindern subproletarischer Vorstadtviertel Neapels". Im November schließlich findet wieder in der römischen Niederlassung ein Sonderzyklus "100 Jahre Bayreuth - Richard Wagner - Tradition oder Experiment?" mit Ausstellung und Vortrag statt.
Zwischen 1976 und 1978 entwickelt sich in Italien eine lebhafte publizistische und historiographische Diskussion über die Analogien zwischen Weimar und Italien. Neben den üblichen kulturellen, vor allem philosophischen Angeboten (beispielsweise in Neapel die Tagung "Heidegger und das Problem der Technik") binden die Goethe-Institute das Thema "Weimar" mit allen seinen künstlerischen, literarischen, filmischen und historisch-politischen Aspekten ein. Wie um die Wette und zu unterschiedlichen Terminen werden Ausstellungen, Vorträge, Konzerte und Filmveranstaltungen angeboten. So organisiert die Niederlassung in Rom die Ausstellung "Theater in der Weimarer Republik" und "Erwin Piscator" sowie das Seminar "Das Theater in der Weimarer Republik" mit italienischen und deutschen Wissenschaftlern. Und weiter: "Film und Gesellschaft in der Weimarer Republik" (110 Spielfilme und Dokumentarfilme). Die Niederlassung in Neapel verbindet mit allen diesen Ausstellungen einen Kongress "Intellektuelle, Gesellschaft und Staat in der Weimarer Republik", an dem italienische und deutsche Wissenschaftler teilnehmen. Die Turiner Niederlassung bietet neben einer Ausstellung "August Sander" eine Filmretrospektive und ein Seminar über "Leni Riefenstahl und der deutsche Film in der Nazizeit". Und weiter Hans Jürgen Syberberg mit der italienischen Erstaufführung von "Hitler, ein Film aus Deutschland". Aus heutiger Sicht mag diese Masse an Initiativen über das Deutschland von Weimar, über seine politische und kulturelle Krise, wie auch die Filmologie des Nazismus und über den Nazismus überraschend erscheinen und vor allem als etwas eklektisch in der Vermischung von Theaterästhetik und politischer Kultur, in der Überlagerung von Spielfilmen und historischen Dokumentarfilmen, die nicht immer eine klare Unterscheidung zwischen historischem Urteil und Projektionen in die Gegenwart boten. Vor dem Hintergrund eines kulturellen Klimas, das wesentlich von Publikumserfolgen wie "Holocaust" und der breiten Rezeption eines Dokumentarfilms über die Weimarer Republik in Italien geprägt wurde, werden diese Programmangebote verständlich.
Dennoch ist die Bilanz dieser Veranstaltungen überaus vorteilhaft: Die Goethe-Institute antworten positiv auf die an sie herangetragenen Informationsbedürfnisse über eine äußerst komplexe und ambivalente Phase der deutschen Geschichte. Sie fordern Gegenüberstellungen und Debatten heraus, die eine Bereicherung des Bildes zur Folge haben, das man sich vom gestrigen und heutigen Deutschland macht. Einige historische und politische Themen wie das des "Widerstands im Dritten Reich" bleiben bis heute im Mittelpunkt des Interesses der Goethe-Institute. Hinzu tritt ein reichhaltiges Musik- und Theaterangebot (Münchner Kulturwochen in Rom mit Gastspiel der Bayerischen Staatsoper (Zauberflöte) und Aufführung von "Der Ritt über den Bodensee" von P. Handke durch die Theatergruppe "La Maschera" in der Inszensierung von Memé Perlini). Wichtige Veranstaltungen, die dem Vergleich zwischen Italien und der Bundesrepublik gewidmet sind, wie z.B. das mit deutschen und italienischen Korrespondenten in Rom durchgeführte Seminar unter dem Titel "Das Bild der BRD in italienischen Massenmedien und vice versa", ziehen Publikum an. Die Turiner Niederlassung bewährt sich in Übereinstimmung mit dem industriellen Charakter der Stadt als bevorzugter Ort für das Studium und den Austausch von Kenntnissen über Themen der Arbeitsorganisation und Industriesoziologie. Dieses starke Interesse für die Themen der industriellen Entwicklung bestätigt sich auch in den darauffolgenden Jahren.

Der "Boom" der deutschen Kultur in Italien
Als unmittelbares Ergebnis dieser vielgestaltigen Engagements zu Beginn der 80er Jahre spricht man in Italien von einem "Boom der deutschen Kultur" sowohl in den Massenmedien wie bei privaten und öffentlichen Institutionen. Die Zusammenarbeit mit italienischen Gruppen, Organisationen und Stiftungen potenziert sich. Die Stadt Rom verabschiedet für 1981/82 ein "Projekt Deutschland", das auf die Förderung und Intensivierung der Beziehungen zwischen italienischen und deutschen Autoren auf allen Gebieten der Literatur, der Kunst und der Wissenschaften abzielt. Auch hier, wenn wir das Jahr 1980 als Muster heranziehen, sehen wir, dass die Niederlassung in Rom zwei wichtige Symposien über Martin Heidegger bzw. Max Weber veranstaltet, während sie ihr Interesse für zeitgenössische Musik mit einem Vortrag und einem Konzert (Collegium Vocale Köln) von Karlheinz Stockhausen und für das Filmschaffen (Filmveranstaltungen Lotte Reiniger und Vorführung von Frauenfilmen mit Diskussionen) weiterhin hochhält. Die Niederlassung in Genua widmet ihre Aufmerksamkeit dem Thema "Die Frauen der Massenmedien: Journalistinnen, Filmemacherinnen, Schriftstellerinnen", ohne das stets aktuelle Thema "Staat und Demokratie" zu vernachlässigen, wozu berühmte Politologen zur Diskussion eingeladen werden.
Die Turiner Niederlassung hält unter anderem ein dreitägiges Studienseminar "Menschenrechte und Bürgerrechte im 19. Jahrhundert in Europa" ab und bietet außerdem das "Einwöchige Trickfilm-Workshop mit Lotte Reiniger", die "Musik des Hohen Mittelalters", "Dante und die Troubadoure" sowie zwei Konzerte des Ensembles Sequentia Köln in einer Barockkirche an.
Das Verzeichnis der römischen Veranstaltungen der achtziger Jahre ist imponierend. Ausstellungen: 1982 Faust auf deutschen Bühnen; 1984 Graphik des Bauhauses und Käthe Kollwitz; 1985 Emil Nolde, Max Ernst und Hannah Höch; 1986 Prinzip Collage; 1987 Der Widerstand in Deutschland; 1988 Goethe in Italien; 1988 Hans Werner Henze. Unter den Kongressen: 1981 Walter Benjamin; 1982 J.W. Goethe; 1983 J. Jünger; 1983 Wilhelm Dilthey; 1983 Ingeborg Bachmann; 1984 Gottfried Benn; 1985 Robert Walser.
Im theatralischen Bereich stehen das Kabarett-Gastspiel mit Ingrid Caven (1983), die Gastspiele des Bochumer Schauspielhauses ("Die Hermannsschlacht" von Kleist unter der Regie von Klaus Peymann) und 1984 ein Gastspiel der Berliner Schaubühne mit der "Orestie" des Aischylos in der Inszenierung von Peter Stein stehen auf dem Programm. Und weiter in der Saison 1986/87 eine große Retrospektive über den jungen deutschen Film.
Als eines der Anzeichen für die Integration zwischen den Goethe-Instituten und dem italienischen soziopolitischen Umfeld kann die Tatsache betrachtet werden, dass ab der zweiten Hälfte der achtziger Jahre die Berichte der verschiedenen Niederlassungen ausdrückliche Bewertungen der soziopolitischen Situation der Stadt und des Landes enthalten, in denen sie tätig sind. So heißt es im Bericht des Römischen Instituts über seine Tätigkeit im Jahr 1986/87, dass Italien im Augenblick der Krise "stark auf die BRD blickt, die in ihrer sozio-kulturellen Verfassung hierzulande vielen als kritische Bezugsgröße, manchen sogar als Vorbild erscheint. Die Assimiliationsfähigkeit der italienischen Kultur zeigte sich in diesem Jahr eindrucksvoll am Beispiel Goethes. Die Reise, die diesen vor genau 200 Jahren nach Italien führte, löste landesweit Gedenkveranstaltungen aller Art aus, wie sie normalerweise nur den großen Figuren des eigenen Kulturkreises zuteil werden." In ganz anderer Tonlage vermittelt sich das trostlose Bild, das die Niederlassung in Palermo von dem soziokulturellen Ambiente zeichnet, in dem sie tätig ist. "Der politische Klientelismus der lokalen Kulturbehörden macht eine partnerschaftliche bilaterale Zusammenarbeit schwierig." Hinzugefügt wird, dass das Institut aufgefordert wird, Vorträge, Seminare und Ausstellungen zu konkreten, die Stadt betreffenden Problemen wie Denkmalschutz, Umweltschutz bzw. Informationen über die deutsche Kunst des 20. Jahrhunderts anzubieten.

Neue Themen: Heimat, Vergangenheitsbewältigung und Revisionismus
Mitte der achtziger Jahre entsteht auch in Italien (wie in Deutschland) eine neue Sensibilität gegenüber den Themen Vaterland und nationale Identität, die bis dahin mit großer Vorsicht und großer Skepsis behandelt wurden. Das Goethe-Institut in Turin erweist sich als besonders originell durch das frühzeitige Aufgreifen dieser Thematik. 1985 organisiert es eine Begegnung zwischen italienischen und deutschen Autoren: "Auf der Suche nach Heimat? Nationalismus, Regionalismus und Identität in der zeitgenössischen italienischen und deutschen Literatur". Abgestimmt auf diese Themen gibt es die Retrospektive "Heimat im Neuen Deutschen Film" (24 Spielfilme), an die sich eine Tagung von deutschen und italienischen Historikern und Politologen zu dem Thema "Wie viel Heimat braucht der Mensch? Nationalismus und Identität in Italien und Deutschland" anschließt. Diese Tagung nimmt Themen und Motive vorweg, die in den darauffolgenden Jahren in Italien im Mittelpunkt zahlreicher Diskussionen stehen werden.
Für 1986 ist das Leitwort "Mythos". Die herausragenden Veranstaltungen sind daher die als Gedankenwerkstatt angelegten Colloquien zwischen italienischen und deutschen Intellektuellen, Künstlern und Geisteswissenschaftlern zu vergleichenden Fragen über Literatur und Mythos, Kunst und Mythos, Gesellschaft und Mythos.
Diese Linie setzt sich in den "Begegnungen 87" fort, deren Hauptereignis ein Colloquium zwischen italienischen und deutschen Zeithistorikern mit dem Thema "Welche Vergangenheit hat unsere Zukunft?" ist. Ernst Nolte, Renzo De Felice, Wolfgang Mommsen, Karl Dietrich Bracher sind einige der bekanntesten Namen der Gruppe von Wissenschaftlern, die in unmittelbarer Konfrontation über die Themen des "Geschichtsrevisionismus" diskutierten - damit den Gegenstand einer Debatte vorwegnehmend, die in Italien und in Deutschland noch andauert. Ebenso innovativ ist die dem Problem "Armut in Europa" gewidmete Begegnung, ein internationales Symposium, an dem Soziologen, Sozialpolitiker und Sozialarbeiter aus Italien, Frankreich, Großbritannien und der Bundesrepublik teilnahmen. Höhepunkt der Begegnungen 88 ist eine große Tagung in Turin der italienischen und deutschen Linken (PSI, PCI, SPD) unter Teilnahme von führenden Politikern und Parlamentariern zum Thema "Die Zukunft der Demokratie. Die Zukunft der politischen Parteien".
Die wachsende öffentliche Anerkennung, die die Goethe-Institute in Italien genießen, belegen 1987 zwei Ereignisse: In Mailand steht die Ausstellung "Der Deutsche Widerstand" unter der Schirmherrschaft des italienischen Staatspräsidenten und des deutschen Bundespräsidenten. Der Leiter des Goethe-Instituts Mailand bemerkt: "Noch gewichtiger wurde diese Ausstellung durch die Tatsache, dass sie in Bologna in Zusammenarbeit mit der Gemeinde Marzabotto, Ort eines der entsetzlichsten Gemetzel des zweiten Weltkrieges, ausgerichtet wurde. Hier wurde ein Goethe-Institut einmal direkt, ohne alle Umschweife, mit der deutschen Vergangenheit konfrontiert und zu einer deutlichen Bestimmung des eigenen Standpunkte herausgefordert."
In Rom beginnt das Kulturinstitut sein Herbstprogramm mit der Dokumentarausstellung "Deutscher Widerstand im Dritten Reich", die von Staatspräsident Cossiga persönlich eröffnet wird. Im Winter 1987 werden die neuen Räume des Goethe-Instituts in Rom eröffnet. 1988 startet das Goethe-Institut in Triest eine sehr originelle Initiative: den internationalen Kongress "Liebe und aventiure im Artusroman des Spätmittelalters", an dem die bekanntesten Artusforscher teilnehmen. Eine eigens erstellte Bild- und Tondokumentation, ein Konzert auf Originalinstrumenten, ein Besuch der Langobarden-Hauptstadt Cividale und ein mittelalterliches Festmahl im Rittersaal des Schlosses Formentini bilden dazu den passenden Rahmen.
1989 werden an den Niederlassungen in Neapel und Palermo unter Mitarbeit von anderen Kulturzentren und der Universität Tagungen und Seminare über die "Frankfurter Schule heute" zusammen mit der Ausstellung "Grand Hotel Abgrund" und "Hauptstädte von früher - Berlin - Prag - Neapel. Zur Metapher der Hauptstadt" abgehalten.
Als Bilanz dieser Jahre sei zitiert, was der Direktor des Römischen Instituts in seinem Bericht von 1989 im Rückblick schrieb: "Entgegen einer verbreiteten Klischeevorstellung werden Italiener nicht nur durch gute Filme angezogen, sondern auch durch deutsche Philosophie, Sozialwissenschaft und Zeitgeschichte. Dabei wird Philosophie immer auch auf einen politischen Standort bezogen, ihre Botschaft als gesellschaftspolitische Handlungsanweisung gedeutet. In der Publikumsgunst jedenfalls lagen Martin Heidegger und Margarethe von Trotta etwa gleichgut im Rennen. Mit nur geringem Abstand folgten Themen der neueren und der neuesten Geschichte, nationale Identitätsfragen einschließlich solcher der Vergangenheitsbewältigung. Deutlich spiegelt sich in diesen Präferenzen die Mischung aus Angst und Bewunderung, die gefühlsmäßig und nicht immer ganz eingestanden das Verhältnis der Italiener zur sog. deutschen Frage bestimmt. Wären die Schwerpunkte nicht von der Nachfrage, sondern allein von den Bedürfnissen des Gastlandes her zu bestimmen gewesen, so hätten staatsrechtliche, ökonomische und ökologische Themen ganz an der Spitze stehen müssen."

Die neunziger Jahre
Die neunziger Jahre hinterlassen aus unterschiedlichen Gründen eine tiefe Spur in Deutschland und in Italien. Stichwörtlich: "Vereinigung" (für Deutschland), "Tangentopoli" (für Italien) und anschließend die Phasen des Prozesses der politischen Einigung Europas: Maastricht, Euro, Charta der Grundrechte.
In Deutschland der Fall der Mauer, der Prozess der Vereinigung, das Auftauchen von spezifischen Problemen der Ex-DDR und die Dringlichkeit, den Prozess der nationalen Vereinigung im Einklang mit der europäischen Integration zu beschleunigen, ziehen die Aufmerksamkeit aller in Bann. Auch in Italien werden die deutschen Ereignisse mit großer Aufmerksamkeit und ambivalenten Gefühlen verfolgt.
Die Goethe-Institute - von Triest bis Palermo - werden in den frühen neunziger Jahren zum natürlichen Ort für die kritische Bewertung dessen, was in Deutschland vorgeht und für die Frage, wie man sich gegenüber dem neuen "großen Deutschland" verhalten solle und was für ein neues Europa zu tun sei.
1991 diskutierte ein internationaler Teilnehmerkreis von Verfassungsrechtlern, Politologen und Politikern auf Einladung der Goethe-Institute Mailand und Rom in der Villa Vigoni, dem deutsch-italienischen Begegnungszentrum am Comer See, die Perspektiven einer europäischen Föderation und verabschiedete ein Thesenpapier, das an einschlägige Gremien und Institutionen versandt wurde. Und im März 1993 ist das Goethe-Institut in Rom einer der Veranstalter einer eindrucksvollen italienisch-deutschen Begegnung "Wohin geht Deutschland? Deutschland nach der Vereinigung - Wie geht es weiter?", die aufgrund der Präsenz bedeutender Wissenschaftler, Publizisten und Politiker aus beiden Ländern besonders repräsentativ ist.
1991 findet in Mailand ein öffentliches Symposium über "Neuer Nationalismus in Europa" statt, während sich eine Fachtagung der "Kollaboration mit Achsenmächten in Europa 1935-45" widmet. Den größten Erfolg beim jugendlichen Publikum hat der Film-Zyklus "Heimat" von Edgar Reitz.
Ab 1992 erschüttert eine Reihe von unerwarteten Ereignissen das gesellschaftliche und politische Leben in Italien: Das Vorgehen v.a. der Mailänder Justiz legt die politische Korruption, die sog. "Tangentopoli", mit der Folge einer kurzfristigen Lähmung des politischen Systems bloß, die zu einer tiefen Krise der beiden führenden Parteien des Systems, der Christlichen Demokraten und der sozialistischen Partei, führt. Auch die kommunistische Partei unterliegt einem Wandlungsprozess, aus dem sie geschwächt und verändert hervorgeht; im Norden des Landes erstarkt die potentiell separatistische Bewegung der Lega Nord.
In rascher Folge ergeben sich Änderungen und Austauschprozesse in der politischen Klasse und der Führungsschicht, mit einer Neuformierung der politischen Gruppierungen, weshalb von "Zweiter Republik" und "Revolution" Italiens gesprochen wird. Diese Bezeichnung ist übertrieben, aber für eine gewisse Zeit erschweren die politischen Turbulenzen die Organisation der Kulturarbeit der Goethe-Institute, die keine sicheren Partner mehr für die Zusammenarbeit haben.
Fast gleichzeitig kommen aus Deutschland die Nachrichten über Fälle von Fremdenfeindlichkeit, die große Besorgnis auslösen. Aber - so ist im Bericht des Römischen GI zu lesen - "das Land Italien ist weiterhin deutschfreundlich eingestellt. Selbst die Ereignisse in Mölln, Rostock und Solingen - groß in den Tageszeitungen berichtet - haben, jedenfalls auf die Sympathie dem Goethe-Institut gegenüber, keinen Einfluss. Das Institut Rom trägt der politischen Lage insofern Rechnung, als es Colloquien organisiert, in dem "Deutschland nach der Vereinigung" oder "Jüdische Lebenserfahrung in Deutschland und Italien" im Vordergrund stehen. Diese wichtigen und kritischen Themen stoßen in Italien auf breites Interesse."
Kurz gesagt, auch diese Krisenzeit wird überwunden. Die Tätigkeit läuft auf breiter Front wieder an. Bei den Veranstaltungen des Jahres 1994 steht die europäische Frage bei einer Begegnung in der Villa Vigoni im Vordergrund ("Europa nach Maastricht zwischen Wirtschafts- und Währungsunion. Wo bleibt das Europa der Kulturen?"); die Geschichte nimmt mit zwei Veranstaltungen zu den "Topographien des Terrors" und "Historiker und Geschichtsschreibung von den Diktaturen zu den Demokratien 1945-90" einen herausragenden Platz ein; die Literatur ist in einem Colloquium (Rom) über das Thema "Zwischen Ordnung und Chaos" und in einer Begegnung (Neapel) vertreten, die dem Thema "Eindrücke und Erfahrungen ostdeutscher Schriftsteller vier Jahre nach der Öffnung der Mauer zum Westen" gewidmet ist.
In der zweiten Hälfte der neunziger Jahre erhält sich diese Vielfalt vor allem an deutsch-italienischen Themen:
  1. die Debatte über die deutsche Geschichte und die vergleichende Geschichte. Hier mag es genügen, die 1995 in Turin dem Thema "Resistenza, Résistance, Widerstand" gewidmete internationale Tagung zu erwähnen, weiter die Tagung in Rom im Jahr 1996: "Eine Vergangenheit, die nicht vergeht? Deutschland und Italien zwischen Erinnerung und Ausblick" mit zahlreichen Historikern, Politologen und Politikern. Dann 1996 wiederum in Turin "Der Richter, der Historiker, die Politik. Die Prozesse der Nachkriegszeit 1945-50." 1997 setzt sich auch die Mailänder Niederlassung mit dem Thema "Eine Vergangenheit, die vergeht? Deutschland und Italien zwischen Erinnerung und europäischer Zukunft" unter Teilnahme von Historikern, Journalisten, Sozialwissenschaftlern, Politikern auseinander. Diese historische Reihe wird im Jahr 1999 mit der in Zusammenarbeit mit der Stadt Rom durchgeführten Veranstaltung "Weimar, Rom, Berlin. Die erste deutsche Demokratie und die europäische Zukunft" abgeschlossen;
  2. das Thema der Modernisierung, der Demokratisierung, der Rechte und damit der Verfassung. Auch dazu einige Beispiele: Die Reihe von Veranstaltungen des Turiner Instituts zwischen 1996 und 1998, die den Themen "Kulturelle Konflikte und Demokratie", "Demokratie und Telekratie. Der Populismus und seine Bilder", "Die Heranbildung der Führungsschicht. Vergleichender Ausblick auf europäischer Ebene", "Der Konstitutionalismus zwischen Menschenrechten und Minderheitsrechten" gewidmet ist. Die römische Niederlassung beschließt diesen Themenkomplex mit einer internationalen Tagung im Dezember 1998, die sich mit der lliberaldemokratischen Gesellschaft und ihren Zukunftsperspektiven befasst;
  3. das Thema "Europa" ist stets bei den oben erwähnten Veranstaltungen unmittelbar oder mittelbar präsent; Ad-hoc-Initiativen wie die von Genua "Auf dem Weg zu einem europäischen Jugendrecht" und ein Colloquium in Turin zur 'Europäischen Staatsbürgerschaft´ setzen Akzente. Höhepunkt dieser Veranstaltungen ist das internationale Seminar in Turin im Jahr 2000 mit dem Thema "Ein Verfassungsweg für Europa? Die Charta der Grundrechte der europäischen Union" unter Teilnahme von bedeutenden deutschen, französischen und italienischen Verfassungsrechtlern;
  4. erwähnen wir hier abschließend nur einige wenige: in Mailand das "Bauhaus" mit Theateraufführung (W. Kandinsky, "Violett"), Konzerte (Hindemith, Krenek, Strawinsky, Weill), Dokumentarfilmreihe und Symposium. In Rom: "Marlene Dietrich", Retrospektive aller Filme und Ausstellungen und Retrospektiven über R.W. Fassbinder sowie Herbert Achternbusch. Im Bereich Theater ist das Kinder- und Jugendtheaterfestival "Lo stregagatto" (Rom) zu nennen.


Was sind die Zukunftsaussichten?
Anlässlich der jüngsten finanziellen Kürzungen für die Goethe-Institute in Italien hat die noble Reaktion einiger Städte und ihrer Verwaltungen bewiesen, wie sehr die Institute im örtlichen Umfeld verwurzelt sind. Selbst Bundesaußenminister Joschka Fischer hat in seiner Berliner Rede vom 4. Juli 2000 über "Die Zukunft der Auswärtigen Kulturpolitik" anerkannt: "Ich habe in Italien erfahren, wie viel Eigeninitiative mobilisiert wurde von den betreffenden Kommunen, um aus Haushaltsgründen geplante Institutsschließungen aufzufangen und den hochgeschätzten Zugang zu deutscher Kultur zu erhalten. Wir sollten uns dadurch wirklich geadelt wissen".
Es besteht jedoch kein Zweifel, dass neben der materiellen Frage der Finanzierung eine Neubestimmung der Aufgaben der Goethe-Institute in Italien ansteht. Sie ergibt sich aus der Tatsache, dass die Institute ihre ursprüngliche Mission der Anbahnung, Vertiefung und Konsolidierung der kulturellen Beziehungen zwischen Deutschland und Italien erfolgreich durchgeführt haben. Diese Beziehungen bedürfen nunmehr eines Neubeginns mit anderen als den überlieferten Rezepten - eines Neubeginns, der den italienisch-deutschen Bilateralismus enger in eine europäische Dimension einbindet.
Spricht man vom "Erfolg" der Goethe-Institute, so heißt dies selbstverständlich nicht, dass es ihnen gelungen wäre, die überlieferten Vorurteile oder auch nur die zwischen Deutschen und Italienern üblichen Ressentiments, die noch bei der (eingangs erwähnten) römischen Tagung festgestellt wurden, zu beseitigen. Zu oft nämlich zieht es die Presse in den beiden Ländern vor, solche Klischees weiter zu benutzen, findet sie Gefallen daran, mit großen Kategorien wie "Germanisierung" oder "Italianisierung", "Modell Deutschland" oder "Modell Italien" in der Politik, der öffentlichen Moral oder der Wirtschaft zu spielen, mit übertriebenen Vereinfachungen, die die wachsenden Konvergenzen und die gegenseitigen potentiellen Integrationen ignorieren.
Die Medien scheinen - von wenigen Ausnahmen abgesehen - die großen Wandlungen, die in den letzten Jahren in Deutschland und Italien eingetreten sind, nicht wahrzunehmen. Durch diese Veränderungen sind die beiden Länder sehr viel ähnlicher geworden, als sie es vor einigen Jahrzehnten waren, nicht zuletzt aufgrund ähnlicher Problemlagen, mit denen es sich auseinander zu setzen gilt. Manchmal hat man den Eindruck, dass es keine Konvergenz zwischen den in den Zeitungen publizierten und den im Gespräch tatsächlich geäußerten Meinungen gäbe. Es herrscht ein gewisses qualitatives und quantitatives Ungleichgewicht zwischen der Nachfrage nach Wissen durch die Bürger und dem Angebot an journalistischer Information durch die Kommunikationsmedien. Hinzuzufügen ist, dass man für eine sorgfältigere Analyse dieser Erscheinung aufhören müsste, in vereinfachender und verallgemeinernder Weise von "Italienern" und "Deutschen" zu sprechen; es müssen stattdessen Unterscheidungen zwischen einzelnen sozialen Schichten, Bereichen und Kreisen der Bevölkerung, die nach Kultur, Alter, beruflicher Kompetenz usw. unterschieden sind, eingeführt werden. Außerdem wäre zu prüfen, welches Image vor dem Hintergrund welcher Informationen sie voneinander haben. Auf dieser Grundlage müsste die Neukonzeption einer neuen Kulturarbeit stattfinden.
Es ist ein Problem, das nicht nur das wechselseitige Image der Völker, ihre Kulturen und ihr historisches Gedächtnis betrifft, sondern die großen Entwürfe und die großen Visionen berührt, mit denen politisch argumentiert wird, um Europa zu bauen. "Die EU steht mit der Aufnahme neuer Mitglieder vor einem politischen Quantensprung, der sich gegenwärtig im Beginn einer europäischen Verfassungsdebatte ausdrückt - ein großes Thema für eine europäische auswärtige Kulturpolitik" - hat Bundesaußenminister Joschka Fischer in seinem (obenerwähnten) Vortrag zur "Zukunft der Auswärtigen Kulturpolitik" gesagt. Und er hat hinzugefügt: "Ich möchte auch die Goethe-Institute ermuntern, die innereuropäische Herausforderung eines solchen Diskurses offensiv aufzugreifen." Das ist eine ausgezeichnete Empfehlung.
von Gian Enrico Rusconi
aus: Murnau - Manila - Minsk, 50 Jahre Goethe-Institut, C.H. Beck, München 2001

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