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Das Goethe-Institut?
Auf Ideensuche von China bis Genua

© Goethe-Institut
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Klaus-Dieter Lehmann
Interview von Arno Stoffels für
„Il Secolo XIX“ anlässlich des Besuchs
des Präsidenten des Goethe-Instituts
Prof. Klaus-Dieter Lehmann
am Goethe-Institut Genua

24. – 25. September 2010

Seine „Italienische Reise“ begann in Palermo: Klaus-Dieter Lehmann ist seit fast drei Jahren Präsident des Goethe-Instituts und ist zum ersten Mal zu Besuch im „Belpaese“, wo er fünf Städte mit Goethe-Institutssitz aufsucht. Nach Palermo und Rom wird er bis heute in Genua verweilen, um dann nach Mailand und Turin weiterzureisen. Lehmann, eine sehr gewandte und charismatische Persönlichkeit, ist einer der wichtigsten Protagonisten in der deutschen Kulturszene. Nachdem er sein Diplom in Physik und Mathematik abgelegt hatte, trat er dem Max-Planck-Institut bei. Er entwickelte ein innovatives und hochauflösendes Massenspektrometer, mit dem er 1969 die ersten Mondgesteinsproben der Mission Apollo 11 untersuchte. Er entschloss sich jedoch dazu, seine Karriere als Wissenschaftler zu unterbrechen und sich einer Spezialisierung in Bibliothekswissenschaft zu widmen. Mit Il Secolo XIX spricht er über die Beziehungen zwischen Italien und Deutschland und über die Zukunft des Goethe-Instituts weltweit.

Wie kommt ein Naturwissenschaftler dazu, am Anfang einer brillanten Karriere und als einer der ersten Wissenschaftler, die das Mondgestein untersuchen durften, plötzlich komplett umzusteigen?

Das hat zuallererst mit meinen Neigungen zu tun. Ich war sowohl in den Naturwissenschaften als auch in den Geisteswissenschaften immer gut. Auch im Hinblick auf die Verdienst- und Karrieremöglichkeiten habe ich mich schließlich für das eine entschieden, das andere aber immer als Hobby gepflegt. Auf meinen Reisen in Amerika habe ich dann bemerkt, dass die Literaturvermittlung sich immer mehr in Richtung Netzwerke und Computer entwickelt. Da habe ich gemerkt, dass sich ja beides verbindet. Höher als bis zum Mond geht wirklich nicht. Aber plötzlich konnte ich neu anfangen mit einem Wissen, das niemand anderes hatte. Natürlich ist das mit einem gewissen Risiko verbunden, von einem Gleis runter zu gehen und auf das andere drauf. Aber das war ja schon in einer Zeit, in der ich meine eigenen Fähigkeiten kannte und tatsächlich ging es nach dem Wechsel dann ja stetig bergauf. Dazu gehört natürlich Leidenschaft immer dazu.

Sie sind seit drei Jahren Goethe-Präsident. Haben sie sich in dieser Position schon oft wie auf dem Mond gefühlt?

Nein (lacht). Ich renne ja überall offene Türen ein. Und unsere Aufgabe ist ja, mit unserem Land in die Welt zu gehen und es in einen Dialog mit anderen Kulturen zu setzen. Das ist wunderbar. Dazu sind die Gestaltungsmöglichkeiten gut, auch weil das Goethe-Institut einen unabhängigen Organismus darstellt. Also nochmal Nein, ich fühle mich gar nicht auf einem anderen Planeten.

Zu den Gestaltungsmöglichkeiten: Die kosten auch Geld. Und davon will man Ihnen etliche Millionen streichen.

Ich habe erst kürzlich mit der zuständigen Staatsministerin Cornelia Pieper telefoniert. Sie ist übrigens in Vielem auf meiner Seite, zum Beispiel hinsichtlich der Budgetierung, die den einzelnen Goethe-Instituten in den letzten Jahren mehr Unabhängigkeit und Freiheit bei der Projektarbeit gegeben hat. Das darf nicht zurückgedreht werden. Und für 2010 wird sie in diesen Tagen verkünden, dass die gesperrten Mittel wieder freigegeben werden. Alle Sperren sind weg, das ist doch was.

Es ist Ihr erster Besuch der italienischen Goethe-Institute. Welchen Eindruck haben Sie auf ihrer Reise gewonnen?

Die harten Rahmenbedingungen der letzten Jahre haben hier zu sehr kreativen Modellen geführt. Rom und Milano sind unsere großen Tanker, die vor allem die administrativen Aufgaben übernommen haben. So können sich die kleineren Institute ganz den inhaltlichen Aufgaben widmen. So haben wir gerade in Italien bewiesen, dass man mit weniger Geld durchaus leistungsfähige Kulturpolitik machen kann.

Wie erklären Sie einem Italiener, was das Goethe-Institut macht?


Mit Sicherheit ist es mehr als nur Sprachvermittlung. Und dann muss man zwischen unserer Arbeit in Schwellenländern wie China und Indien und der in Europa unterscheiden. Im ersten Fall helfen wir dort, kulturelle Infrastruktur aufzubauen, zum Beispiel indem wir kleine Filmproduktionen anstoßen. Wir müssen zwischen Deutschland, China, Indien Beziehungen aufbauen, damit die Menschen dort grundsätzliche Vorstellungen von unserem Land bekommen. Es ist ja nicht damit getan, dass wir der Welt Maschinen verkaufen. Die Menschen sollen auch wissen, wo die Maschinen herkommen, wer sie gebaut hat, welche Gesellschaft dahinter steht. Und unsere Goethe-Institute sind in diesen Ländern auch Freiräume zum Denken und Reden. Wir wollen ja auch gesellschaftspolitische Entwicklungen mitgestalten helfen. In Europa ist das natürlich anders. Hier habe ich den Eindruck, dass das von oben verordnete Europa seit einiger Zeit stottert. Wenn das aber so ist und gleichzeitig zivilgesellschaftliche Größen fehlen, dann ist das meiner Meinung nach gefährlich. Allein aus der räumlichen Nähe der Länder erwächst ja nicht wirklich ein Impuls für Europa. Und hier wollen wir kulturpolitisch wirken und Zeichen setzen.

Deutsch ist eine schwere Sprache. Viele, auch in Italien, entscheiden sich eher für Spanisch oder Französisch. Wie kann das Goethe-Institut mehr Interesse schaffen?

Ob eine Sprache schwer ist oder nicht, ist nicht das Entscheidende. Die Frage ist, ob die gelernte Sprache eine zusätzliche Qualifikation für mich darstellt. Englisch ist die Lingua Franca und wird es immer sein, da wollen wir gar nicht in Konkurrenz gehen. Uns geht es europaweit um Werbung für die Mehrsprachigkeit. Und Italien macht da derzeit einen Rückschritt und bewirbt den Erwerb einer zweiten oder dritten Fremdsprache nicht sehr offensiv. Das wird die Mobilität der italienischen Jugend einschränken. Da wollen wir was tun. Und bezogen auf das Deutsch: Wir dürfen nicht verzagt sein und unsere Sprache mehr bewerben. Das werden wir auch in Italien tun. Deutsche lieben Italiener, achten sie aber nicht. Italiener achten die Deutschen, lieben sie aber nicht, heißt es. Und tatsächlich ist in den letzten Jahren darüber eine gewisse Gleichgültigkeit eingekehrt. Das wollen wir umkehren.

Wird die Zahl der Goethe-Institute in Italien gleichbleiben?

Es gibt keine Pläne für eine Schließung. Mit personellen und räumlichen Ressourcen wird hier ja bereits vorbildlich umgegangen. Würde man ein Benchmarking zwischen den Goethe-Instituten in Europa machen, wären die italienischen ganz vorne mit dabei. Und darunter wiederum das in Genua. Was die Direktorin Roberta Canu hier auf die Beine gestellt hat, ohne dass es zuviel kostet, ist enorm.

Was ist Ihr erster Eindruck von Genua?

Es ist eine wunderschöne Stadt. Die enge Altstadt, die sich plötzlich öffnet und weitet. Die beeindruckende Architektur überall. Die Lebhaftigkeit überall. Aber ich habe auch den Eindruck, dass das eine Stadt mit einer sehr alten Bevölkerung ist.

Warum hat es so lange gedauert, bis Sie eine Tour durch Italien gemacht haben?

Nun ja. Es stimmt schon. Ich bin jetzt fast drei Jahre oben dran. Aber erstmal mussten wir uns um Russland kümmern, unser wichtigstes Deutschlern-Land. Dann kam die Afrikainitiative, angestoßen von unserem letzten Außenminister Frank-Walter Steinmeier. Und dann China, die Expo. Und in der Folge dieses Wanderzirkus haben wir auch viele und sehr erfolgreiche Sprachlernzentren eingerichtet, es hat sich also gelohnt. Aber jetzt ist es tatsächlich wieder Zeit, sich um Europa zu kümmern. Momentan verstärkt um Italien. Im nächsten Jahr um Frankreich und unseren Nachbarn Polen.

Sie sind auch Vorsitzender des Verwaltungsrats des Germanischen Nationalmuseums Nürnberg und haben in dieser Funktion im Frühjahr angekündigt, sich um dieses Schatzkästlein kümmern zu wollen. Gibt es Neuigkeiten?

Wir haben seither ja vor allem festgestellt, dass die Vielfalt auch eine Last sein kann, wenn man nicht einen roten Faden in die Ausstellung bringt. So werden wir in der Dezembersitzung des Verwaltungsrats an einem neuen Marketingkonzept stricken. Die Fragen dabei sind: Wie erreiche ich die Öffentlichkeit besser? Wie werden Ausstellungen so eingefädelt, dass sie auch eine Folge haben, Anknüpfungspunkte für die Zukunft bieten und nicht einfach beliebig sind. Und wir sind weiter gekommen in Sachen Tiefdepot. Dafür hat der Bund jetzt die Mittel zugesagt und ich habe bereits an den bayerischen Finanzminister Fahrenschon geschrieben, damit auch der Freistaat seinen Anteil bereitstellt. Das Tiefdepot ist für mich ganz entscheidend und die Vorraussetzung für die Umstrukturierung der anderen Abteilungen. Das alles macht wie gesagt Freude. Aber es ist klar, dass sich die Kultur immer durchbeißen muss.
Arno Stoffels
Genua, 25.9.2010

    per | voi

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