Bibliotheken in Italien

Die Bibliothek Sandro Penna in Perugia

Foto: Nicoletta MencariniFoto: Nicoletta Mencarini Nicoletta Mencarini stellt uns die Bibliothek Sandro Penna in Perugia vor. Die Lehrerin für literarische Fächer arbeitet seit 1993 in den Öffentlichen Bibliotheken von Perugia. Von 2001 bis 2004 war sie die Leiterin der Biblioteca Villa Urbani, dann übernahm sie die Koordinierung für die Eröffnung der Bibliothek Sandro Penna, in der sie bis heute als Leiterin mit Koordinierungsaufgaben tätig ist. Daneben ist sie Referentin der Stadtbibliotheken für das Projekt zur Leseförderung bei Kleinkindern „Nati per Leggere“.

Was können Sie uns über die architektonische Gestalt und den Innenraum der Bibliothek erzählen?

Die Bibliothek Sandro Penna wurde am 14. Mai 2004 im Stadtviertel San Sisto als neue Stadtteilbibliothek innerhalb des Bibliothekssystems von Perugia eröffnet. Diesem gehören noch drei weitere Bibliotheken an: Augusta, Biblionet und Villa Urbani. Der neue Bibliotheksbau wurde von dem Architekten Italo Rota entworfen. Das Raumkonzept erweckt eine häusliche Atmosphäre, die Linien bilden ein Zusammenspiel mit dem Licht und rufen den Anschein einer fliegenden Scheibe hervor. Der Innenraum hat beabsichtigte Leerräume, wodurch die Kommunikation zwischen den einzelnen Teilen erleichternt und eine komplette Lichtdurchflutung ermöglicht wird. Entstanden ist ein faszinierendes Gebäude, in dem die Struktur und das Ambiente im Einklang miteinander stehen. Von den einschüchternden Bibliotheken der Vergangenheit mit ihren anonymen Lesesälen voller geometrisch genau aufgestellter Tischreihen sind wir hier weit entfernt. Denn nun kann jeder Bibliothekbesucher in den Regalen stöbern und die Bücher an einen beliebigen Platz mitnehmen. Die Bibliothek hat die Form einer rosafarbenen Scheibe aus Glas, die nachts erleuchtet ist und drei Etagen umfasst. Jede Etage ist mit Computerplätzen ausgestattet, an denen man im Internet surfen, Musik hören, Filme schauen oder einfach einen Text mithilfe von Office verfassen kann.
Foto: Biblioteca Sandro Penna


In der zweiten Etage befindet sich die Kinder- und Jugendbibliothek, in der viele Veranstaltungen für diese Zielgruppe stattfinden. Wie sprechen Sie insbesondere das jugendliche Publikum an?

Von Beginn an war es ein Anliegen der Bibliothek vor allem junge Leser zu erreichen. Bei der Kinder- und Jugendbibliothek wurde deshalb ganz besonders darauf geachtet, dass die Räumlichkeiten mit den Bedürfnissen der jüngeren Zielgruppen übereinstimmen. Für die Kleinsten gibt es einen Bereich mit Pappbüchern für das Lesealter 0-3, Mini-Sessel, Sitzsäcke, Tischchen und Plastikstühle in lebendigen Farben sowie einen großen grünen Teppich mit einer Sonne in der Mitte. Im Bereich für die Grundschüler stehen verschieden hohe Regale mit Märchen, Erzählungen und Geschichten verschiedener literarischer Genres. Der Bereich für Mittelschüler und Jugendliche ist etwas abgetrennt von den anderen. Die Einrichtung besteht aus großen Tischen, an denen man in der Gruppe lesen und lernen kann. Im Rahmen der Projekte La Valigia del Narratore und Nati per Leggere stehen eine Vielzahl an Lesungen und Workshops für Schulen, Jugendliche, Kinder, Erzieher und Eltern auf dem Programm. Die Bibliothek hat außerdem den Medienbestand für junge Bibliotheksbesucher erweitert. Bei Neuerwerbungen achten wir besonders auf die Interessen und Lieblingsthemen der einzelnen Altersgruppen. Auch erwerben wir verstärkt Titel, die den Tendenzen des Buchmarkts für das Alter Ü15/16 gerecht werden. Die Bibliothek ist bei den städtischen Kulturveranstaltungen für Jugendliche immer mit eigenen Ständen, Lesungen und Workshops präsent. Außerdem gehen wir auch direkt in die Schulen, wo wir z.B. Lesungen, aber auch Seminare zur Einführung in die Bibliothek veranstalten. Dort erklären wir die Bibliothek nicht nur als ein Ort der Information, sondern auch als Freizeitangebot für junge Leute. Die Aktivitäten der letzten Jahre haben zu motivierenden Ergebnissen geführt. Die Zahl der italienischen und ausländischen Familien, der Erwachsenen sowie der Kinder und Jugendlichen steigt ständig weiter.
Foto: Biblioteca Sandro Penna

Wie integriert sich die Bibliothek in die Stadt?

Die Bibliothek befindet sich mitten im Stadtviertel San Sisto. Ganz in der Nähe des neuen Theaters, umgeben von vielen Grünflächen, Terrassen und Parkplätzen, wird nicht nur viel Platz für die Anwohner, sondern auch für Besucher aus der ganzen Stadt geboten. Neben den anderen drei Stadtbibliotheken haben sich weitere Bibliotheken verschiedener Institutionen und Kulturinstitute aus der Umgebung unserem Bibliothekssystem angeschlossen, indem sie ihren Bestand und ihre Dienstleistungen ins Netz gestellt haben.

Wie hoch sind die Teilnehmerzahlen in der Bibliothek?

Im Jahr 2010 hatten wir 1074 neue Einschreibungen, 47.169 Besucher und 2.425 Schüler, die an den Projekten „Valigia del narratore“ und „Nati per leggere“ teilgenommen haben.
Foto: Biblioteca Sandro Penna

Sie haben auch einen Opac für Kinder und Jugendliche?

Der Opac für Kinder- und Jugendliche wie auch der allgemeine Opac bedient sich der Bibliothekssoftware SOL (Sebina Open Library), die von den Bibliotheken der Region Umbrien zur Durchführung aller bibliothekarischen Aufgaben (Katalogisierung, Serviceleistungen, Erwerbung, etc.) ausgewählt wurde. Der Opac für Kinder und Jugendliche ergibt sich aus der Überspielung aller Aufnahmen des Kinder- und Jugendmedienbestandes. Die umbrischen Bibliotheken geben diese auf regionaler und nationaler Ebene in den italienischen Gesamtkatalog SBN ein. Der Opac für Kinder und Jugendliche hat eine bunte und ansprechende Oberfläche, die so strukturiert ist, dass sich die Nutzung auch für die Kleinsten ganz einfach gestaltet. Außer der bibliografischen Angabe erscheint eine Inhaltsangabe zum Buch, das Lesealter und die Bibliothek, in der sich das Buch befindet.

Sie engagieren sich in der Stadt auch sehr mit sozialen Projekten, z.B. um die Integration zu fördern. Was haben Sie auf diesem Gebiet bisher für Initiativen gestartet?

Die Bibliothek arbeitet mit vielen Institutionen in der Stadt, unter anderem mit Schulen für verschiedene Altersklassen und Fachrichtungen, mit Ämtern, Kindergärten, Kitas, Kulturvereinen und Freiwilligenverbänden zusammen. Im Rahmen des Projekts Scaffale multiculturale (das multikulturelle Regal) nehmen wir aktiv an der interkulturellen Erziehung teil. Wir bieten Bücher und Zeitschriften für Kinder und Jugendliche in verschiedenen Sprachen an sowie eine Reihe an Initiativen, die den Austausch zwischen den Kulturen und die Kenntnis des „anderen“ fördern. Kürzlich haben wir zudem Tastbücher für blinde Kinder in den Bestand mit aufgenommen. Wir wollen unser Angebot verstärkt an Menschen mit Behinderungen anpassen. Das Praktikum einer Studentin mit Down-Syndrom, die sich an der Universität eingeschrieben hat, war ein Schritt in diese Richtung. Zudem haben wir zusammen mit der Abteilung für Jugendstrafrecht des Justizministeriums Projekte für jugendliche Straftäter entwickelt. Mit einem Verein für Kinder im Krankenhaus (ABIO) haben wir eine Bibliografie für Kinder, Jugendliche und ihre Familien zum Thema Krankheit und Krankenhausaufenthalt erstellt. Ebenso gibt es eine Zusammenarbeit mit der Italienischen Vereinigung für Leseschwäche, im Rahmen derer wir Lehrbücher für Lehrer und Lernbücher für Jugendliche mit Leseschwäche erworben haben. Nicht zuletzt haben wir im November 2010 am Clandestino Day 2010 (Tag der Illegalen Einwanderer) teilgenommen, an dem wir zusammen mit Freiwilligen Lesungen in mehreren Sprachen veranstaltet haben.

Wie viele und welche Mitarbeiter hat die Bibliothek?

In der Bibliothek arbeiten vier weibliche Vollzeitangestellte zwischen 40 und 55 Jahren, die verschiedene Aufgaben wahrnehmen, zwei von ihnen mit Universitätsabschluss und zwei mit Abitur. Ich habe die Funktion der leitenden Angestellten mit Koordinierungsaufgaben. Außer uns gibt es noch zwei weitere Angestellte einer externen Firma (eine mit Universitätsabschluss, eine mit Abitur), die die Serviceleistungen für das Publikum übernehmen. Zudem haben wir häufig Praktikanten, Studenten oder Gymnasiasten, die in der Bibliothek an Ausbildungsprojekten teilnehmen.

Wir danken Nicoletta Mencarini für das Gespräch.

Copyright: Goethe-Institut Italien, Information & Bibliothek
Online-Redaktion
März 2011

Übersetzung: Sarah Wollberg

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