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Computersucht – Wenn Kinder in virtuelle Realitäten fliehen

Wolfgang Bergmann; Copyright: Michael PlümerWolfgang Bergmann; Copyright: Michael PlümerKinder und Jugendliche verbringen immer mehr Zeit mit dem Computer. Viele von ihnen haben dabei die Grenze zur Sucht überschritten. Der Psychologe Wolfgang Bergmann erläutert im Interview, wie sich Computersucht äußert und welche Spiele ein besonders hohes Suchtpotenzial haben.

Herr Bergmann, wann spricht man von Computersucht?

Mit der Computersucht verhält es sich ähnlich wie mit der Alkoholsucht: Ob man betroffen ist, weiß man eigentlich erst, wenn man mit dem Trinken aufhört und dann seelische Störungen oder körperliche Beschwerden bekommt. Der Übergang zur Sucht es ist fließend und individuell unterschiedlich. Es gibt aber vier bis fünf Symptome, auf die Eltern achten sollten.

Welches sind diese Symptome?

Wenn ein recht stiller, zurückgezogener Junge am Abendbrottisch anfängt, mit den Beinen zu zappeln, sein Essen herunterschlingt und nicht schnell genug wieder an seinen Computer zurückkehren kann, dann sollten die Eltern aufmerksam werden und kontrollieren, wie viel Zeit der Junge vor dem Monitor verbringt.

Das zweite Warnzeichen ist das Spielen in der Nacht. Wenn Eltern merken, dass ihr Kind nicht mehr hinaus geht, wenn es nicht einmal mehr richtig mitbekommt, ob draußen die Sonne scheint, oder ob es regnet, dann sollten sie mal nachts um halb drei in das Zimmer ihres Kindes schauen. Sie werden es wahrscheinlich vor seinem Monitor finden, ganz vertieft in ein Spiel. Morgens um halb fünf sollten sie nochmals nach ihm schauen. Wenn das Kind dann erneut vor dem Rechner sitzt, ist das schon ein sehr ernstes Warnzeichen.

Übermäßiges und nächtliches Spielen sind die ersten Symptome für eine mögliche Computersucht. Was gibt es für weitere Anzeichen?

Copyright: DAK/WiggerDie genannten Symptome gehen häufig Hand in Hand damit, dass die Kinder, sofern sie in einem Sportverein oder ähnlichem Mitglied sind, das Interesse an diesen Aktivitäten verlieren. Ein elementares Warnzeichen ist auch, dass die Freunde immer seltener kommen und schließlich ganz weg bleiben. Man bekommt das Gefühl, das Kind hat überhaupt keine Freunde mehr und – es scheint es gar nicht zu stören.

Da scheint das Kind schon recht weit in die Sucht hineingeraten zu sein.

Ja, hier nähern wir uns langsam dem letzten Schritt. Das zeigt sich etwa darin, dass der Betroffene seinen Körper vernachlässigt. Mussten es zuvor noch die besten Markenklamotten sein, ist das nun völlig egal. Das Kind wechselt die Kleidung nicht mehr, es riecht teilweise wie ein Ziegenstall. Und damit sind wir beim letzten Signal. Früher oder später kommen die Nachrichten aus der Schule: Entweder ein rabiater Absturz in den Leistungen – denn meist sind es überdurchschnittlich talentierte Kinder, die früher keine Schulprobleme hatten, oder das Kind geht gar nicht mehr zur Schule. Kommen diese letzten Punkte zusammen, dann können die Eltern eigentlich nichts mehr ausrichten. Dann müssen sie professionelle Hilfe in Anspruch nehmen.

Gibt es Kinder oder Jugendliche, die besonders gefährdet sind?

Von der Computersucht betroffen sind zu über 90 Prozent Jungen, und zwar ein bestimmter Typus: Die Betroffenen sind eher stille, zurückgezogene Typen. In der Regel sind es auch überdurchschnittlich begabte Jungen, die häufig aus besseren Familien stammen, also verwöhnte Kinder, häufig mit einer sehr starken Mutterbindung. Oft wird dann die Beziehung zwischen Mutter und Kind konflikthaft, weil der Junge nicht einsieht, dass er von der Wirklichkeit nicht so versorgt wird, wie er es von der Mutter gewohnt ist. Er zeigt dann erste depressive oder depressionsabwehrende aggressive Äußerungen. Dann flieht er in diese virtuellen Realitäten. Das ist so ein bisschen der analytische Zusammenhang.

Welche Computerspiele machen denn überhaupt süchtig?

Wie so oft: Die Experten streiten noch. Ich vertrete die Ansicht, dass es diese Form der Sucht in dieser enorm hohen Zahl erst gibt, seit es die Online-Rollenspiele gibt. Das sind Spiele, in die man sich richtig einwühlen muss. Es müssen komplexe Aufgaben gelöst werden. Vor allem werden die Spieler Mitglied in einer Gilde. Freundschaften werden geschlossen, und mit diesen Freunden wird kommuniziert. Der kommunikative Charakter, den diese Spiele haben, ist genau das, was den Spielen vorher fehlte. Erst durch die Kommunikation entsteht eine intensive Realitätsähnlichkeit.

Was sind das genau für Spiele? Fällt in diese Kategorie auch "Second Life“? Hat dieses Online-Rollenspiel auch suchterzeugenden Charakter?

Da wäre ich vorsichtig. Second Life ist, zumindest jetzt noch, ein sehr geruhsames, langweiliges Spielen. Es ist mehr ein Aufenthalt im Internet. Die drei bekanntesten Spiele, von denen wir hier sprechen, sind World of Warcraft, was jetzt ganz neu herausgekommen ist, Der Herr der Ringe oder Ages of Empires. World of Warcraft ist darunter mit Abstand der Marktführer.

Worum geht es bei diesen Spielen und was ist das Besondere an ihnen?

Copyright: www.adpic.deIhnen ist gemein, dass sie sehr intensiv sind. Der Spieler trifft auf viele Quests, also Aufgaben, die er erledigen muss. Dabei spannt er seine Intelligenz an. Man muss eine bestimmte Anzahl von Quests lösen. Das Lösen dieser Aufgaben hängt dabei mit dem Charakter zusammen, den man sich gegeben hat und der durch die bewältigten Aufgaben aufgewertet und vervollständigt wird. Erst wenn man einige Quests bewältigt hat, wird man in eine sogenannte Gilde, einen Kreis von Freunden, eingeladen. Es gibt viele solcher Gilden, die dann auf Kriegszug gehen und sich an großen Schlachten und dergleichen mehr beteiligen.

Mit Blick auf die Computersucht sind also die so genannten Ballerspiele harmlos?

Ballerspiele haben auch sehr viele Anhänger. Diese Spiele machen aber nicht süchtig. Sie beginnen, wenn ich den Computer anschmeiße, und sie hören auf, wenn ich den Computer ausstelle. Demgegenüber laufen Spiele wie World of Warcraft oder Ages of Empires auch dann weiter, wenn ich meinen Computer ausgestellt habe. Ich kann mich aus dem Spiel zwar lösen, aber ich weiß, meine Freunde spielen jetzt weiter. Und wenn ich dann morgens in der Schule sitze und mich zu Tode langweile, dann weiß ich, dass gerade im Innersten, im Feuerball der Erde meine Freunde in die schönsten, die wildesten Kämpfe verstrickt sind.

Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen diese Onlinespielen und jugendlichen Amokläufern?

Nein. Das hat überhaupt nichts miteinander zu tun. Das ist eine Mediengeschichte und etwas für Politiker, die zu träge sind darüber nachzudenken, woher diese Jugendgewalt kommt.

Hilft ein Verbot von gewalttätigen Computerspielen weiter, um die Jugendkriminalität in den Griff zubekommen?

Blödsinn. Es gibt Spiele, die sind wirklich scheußlich. Und wenn eine Gesellschaft solche Spiele, in denen Gehirne zersplittern, auf den Index setzt, so habe ich nichts dagegen. Aber dann stellt sich schon die weiterführende Frage, nämlich, wer soll dieses Verbot kontrollieren?

Das Ansteigen von Jugendgewalt hat also nichts mit gewalttätigen Computerspielen zu tun?

Das Ansteigen von Jugendgewalt ist sehr komplex und hat sehr wohl etwas mit unserer Kultur durch die neuen Technologien zu tun. Aber nicht in dieser simplen Kausalität: Die Spiele machen vor, was die Kinder dann kopieren, trainieren und dann in der Realität nachmachen. So etwas gibt es überhaupt nicht.

Was können Eltern tun, wenn sie ein computersüchtiges Kind haben?

Sie können nichts anderes tun, als einen Therapeuten aufzusuchen. Der Therapeut muss ein sehr guter sein, das heißt auch, er muss sich mit den Spielen auskennen. Ob er allerdings helfen kann, ist ungewiss. Sucht ist im Allgemeinen kaum therapierbar, und diese in besonderer Weise nicht.

Warum nicht?

Computersucht hat etwas mit Depressionsabwehr zu tun. Mit diesem Gefühl: Ich bin doch eigentlich ein Idol, ich bin etwas ganz Besonderes. Nun gibt mir die Realität zu verstehen: Ich bin das gar nicht. Und ich fliehe aus der Realität. Das heißt nichts anderes, als dass ich mich gegen den Absturz aus meinem idolisierten Zustand wehre. Ich wehre mich dagegen, in eine tiefe Enttäuschung, die ich nicht verarbeiten kann, letztlich in eine Depression zu fallen. Das ist für den Therapeuten das große Problem. Der Junge wehrt sich mit Händen und Füßen dagegen, in dieser Selbstidolisierung berührt oder gar von ihr weggelenkt zu werden, weil er den Absturz in die Depression fürchtet. Das ist strukturell absolut identisch mit der Magersucht. Auch die Mädchen haben dieses gestörte Körper-Selbstbild, das heißt, ich entziehe den Körper dem rivalisierenden und bewertenden Blick des anderen. Mein Körper wird sozusagen über die Gesetzmäßigkeiten des rein Körperlichen erhoben. Magersüchtige Mädchen wollen nicht sterben. Sie wollen in einer nicht erreichbaren Weise perfekt sein. Und insofern befinden wir uns in einem Kultursymptom, das sich bei Jungen in der Hyperaktivität und in der Computersucht strukturell genauso zeigt wie bei den Mädchen in der Magersucht.

Stellt die Computersucht ein ähnlich großes Problem wie beispielsweise die Alkohol- oder Drogenabhängigkeit dar?

Wir sind ganz spekulativ. Wir rechnen mit 400.000 bis 600.000 süchtigen Jugendlichen. Meine persönliche Überzeugung ist, dass die Zahl viel höher liegt.

Wolfgang Bergmann ist einer der profiliertesten Kinder- und Familienpsychologen Deutschlands. Er ist Mitglied des Expertenrates der Zeitschrift Familie & Co und des Internationalen Expertenbeirats des Wissenschaftszentrums Wien für das Projekt Art & Sciences. Von Wolfgang Bergmann und dem Hirnforscher Gerald Hüther ist kürzlich erschienen: Computersüchtig. Kinder im Sog der modernen Medien, Patmos 2006

Das Gespräch führte Antonia Loick, V8 Verlag, Köln.

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April 2007

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