Vittoria Borsò, Düsseldorf
Walter Benjamin – Theologe und Politiker,
ein gefährlicher Binde-Strich

Der 1921 publizierte Aufsatz „Zur Kritik der Gewalt“ hat von seiner Brisanz nichts verloren, insbesondere hinsichtlich der rechtserhaltenden Institutionen von Demokratien, wie Militär und Polizei – eine in Bezug auf den sog. Kampf gegen den Terrorismus ebenso virulente wie komplexe Debatte. Meine Überlegungen gehen auf die gefährliche Ambivalenz des Textes, der zumeist im Sinne einer politischen Theologie gedeutet wird. Anhand des Begriffs der „göttlichen Gewalt“ wird dagegen gefragt, inwieweit das Theologische auch nicht im Sinne eines Widerstreits zum Politischen zu verstehen ist (worauf der Binde-Strich im Titel verweist). Die Ambivalenz des Textes war Anlaß für die kontroversen Interpretationen von Giorgio Agamben und Jacques Derrida. Jacques Derrida sieht in der zentralen Passage der Definition der Gewalten einen vorweggenommenen Kommentar des Schreckens der „Endlösung" und wendet die dekonstruktive Arbeit auch auf die nach ihm messianische Konzeption der Geschichte selbst an. Giorgio Agamben liest dagegen den Aufsatz im Sinne einer Reflexion über die irreduzible Verknüpfung von Gewalt und Recht, deren Bloßlegung eine notwendige Vorbedingung jeder Untersuchung über die Souveränität ist (Homo sacer). Agamben macht aber auch auf die Schwierigkeiten aufmerksam, die göttliche Gewalt, die dritte Form der Gewalt neben der rechtssetzenden und rechtserhaltenden Gewalt, zu deuten. Dieser dritten Form widmet sich mein Vortrag. Sie ist nicht ambivalent wie die mythische, aber auch nicht grenzsetzend oder grenzerhaltend wie die souveräne (politische) Gewalt. Die göttliche Gewalt ist „ent-setzend“, sie sprengt – exstatisch reflektierend - die mythische Verbindung von Gewalt und Recht auf und setzt diese Verknüpfung außer Kraft. So hat die göttliche Gewalt die Funktion, der mythischen Gewalt Einhalt zu gebieten, und in diesem Sinne könnte sie die Schwelle zu einer neuen historischen Zeit sein. Die „göttliche Gewalt“ bleibt aber im Bereich des utopischen, anders als die politische Gewalt, die entscheidungsbezogen ist. Die Interpretation der „göttlichen Gewalt“ muß analog der der „reinen Sprache“ erfolgen, so die Hauptthese meines Vortrags. Wie die „reine Sprache“, ist die göttliche Gewalt zwar eine „reine Gewalt“ und spricht insofern die eindeutige Sprache Gottes, die aber als menschliche Sprache an der Ambivalenz des Mediums partizipiert. So kann die göttliche Sprache in der Kommunikationsökonomie des Menschen degenerieren und zur souveränen Gewalt werden. In der durch die Schrift Benjamins rekonstruierten Ambivalenz, mit der das Medium Sprache die reine Sprache der göttlichen Gewalt vermittelt, liegt sowohl eine Reflexionschance über die Beziehung von Theologie und Politik als auch die gefährliche Verführung einer Theorie der theologischen Politik. Der Ambivalenz der Schrift in der zentralen Passage, in der Derrida die Präfiguration der Endlösung sieht, muß Rechnung getragen werden: „Ist die mythische Gewalt rechtsetzend, so die göttliche rechtsvernichtend, setzt jene Grenzen, so vernichtet diese grenzenlos, ist die mythische verschuldend und sühnend zugleich, so die göttliche entsühnend, ist jene drohend, so diese schlagend, jene blutig, so diese auf unblutige Weise letal.“
Derrida liest den Text Benjamins als Repräsentation des Schreckens, statt als Schrecken der Repräsentation einer souveränen Macht. Derrida zerstört also die Mehrdeutigkeit der Schrift (nicht etwa der göttlichen Gewalt) in Benjamins Text. Die zweideutige Lektüre, nämlich als Repräsentation des Schrecken oder als Schrecken der Repräsentation, ist aber das Besondere an dieser Passage Benjamins. Der Text Benjamins ist ambivalent im Sinne der doppelten Funktion der Sprache, einer „reinen Sprache“ und einer Kommunikationssprache, deren Repräsentationssinn durch die Schrift ironisch gebrochen, zerstört wird. Im Medium der Schrift zeigen sich die zwei Möglichkeiten, die „göttliche Gewalt“ als „reine“ Gewalt und als souveräne Gewalt zu deuten. In der Schrift ist also das Medium der Sprache auch selbstreflexiv hinsichtlich der Gefährlichkeit der göttlichen Gewalt, wenn sie zur Kommunikationssprache des Menschen degeneriert.
In diesem Sinne wäre das Theologische nicht in den Dienst der Geschichtsteleologie zu setzen, wie Derrida den Text deutet, wenn er die göttliche Gewalt als Darbietung eines messianisch verstandenen jüdischen Gottes ansieht. Göttliche Gewalt wäre vielmehr das Vermögen der Theologie, die Politik in ihre Grenzen zu weisen. Nur dann, wenn die göttliche Gewalt zur Gewalt der Souveränität wird, dann wird sie zum Mittel heiliger Vollstreckung, und in diesem Sinne ist sie theologische Politik. So der letzte Satz des Aufsatzes Benjamins:
„Die göttliche Gewalt, welche Insignium und Siegel, die niemals Mittel heiliger Vollstreckung ist, mag die waltende heißen.“
Derrida bleibt in seiner Strategie der Dekonstruktion der Dialektik von Ausschließen und Einschließen gefangen, er macht nicht den Sprung in jene andere Topologie, die die Polarisierung überwindet und die Schwelle als eine im Schriftmedium selbstreflexiv aufgegebene neue Dimension des Denken konzipiert, die für das Gesetz gefährliche Gleichzeitigkeit von Gesetz und Leben, vom Politischen und Theologischen zu konzipieren. Möglicherweise wäre damit auch Benjamins „Der destruktive Charakter“ (1931) zu lesen, und zwar als Programm einer Kunst, deren Ästhetik die Zerstörung der Topographie des „Etui-Menschen“ will, um für offene Räume, Räume ohne Autorität, Platz zu machen.
Vittoria Borsò, seit 1992 Professorin, seit 1998 Lehrstuhlinhaberin an der Heinrich-Heine Universität (französische, spanischsprachige und italienische Literaturwissenschaft). 1998-2002 Dekanin der Philosophischen Fakultät; seit 2003 Prorektorin für Internationale Angelegenheiten. Promotion und Habilitation an der Universität Mannheim. Feodor-von-Lynen-Stipendium der Humboldt-Stiftung in den USA und Mexiko (1985-86). Publikationen (Auswahl): Mexiko jenseits der Einsamkeit. Versuch einer interkulturellen Analyse (1994); Modern(en) der Jahrhundertwende(n) (2000) (mit Björn Goldammer); Medialität und Gedächtnis (Stuttgart: Metzler, 2001) (mit Bernd Witte und Gerd Krumeich). Aktuellen Forschungs- und Publikationsgebiete: Gedächtnis und Medium, Literatur und Historiographie; Kulturtheorien, Transkulturalität und Intermedialität, Gender Studies, Bild- und Medienästhetik; Culturelle Topographien.







