Film

„Kinochaos mit fliegenden Fischen“ – Kinder und Experimentalfilm

Kinder einer vierten Grundschulklasse bschäftigten sich erstmals mit Experimentalfilmen.  Foto: Daniel Gasenzer © KurzfilmtageKinder einer vierten Grundschulklasse bschäftigten sich erstmals mit Experimentalfilmen.  Foto: Daniel Gasenzer © KurzfilmtageIm Rahmen der Kurzfilmtage Oberhausen befassten sich Kinder einer vierten Grundschulklasse erstmals mit Experimentalfilmen und präsentierten einem interessierten Publikum ein selbst zusammengestelltes Programm.

Die Erwachsenen im Parkett des Oberhausener Lichtburg Filmpalastes staunten nicht schlecht. Vor ihnen präsentierten Neun- bis Elfjährige mit Enthusiasmus ihr eigenes Experimentalfilmprogramm. Die selbstbewusste Anmoderation: „Wir haben eine Projektwoche durchgeführt, die hieß Kinder haben die Wahl. In der Projektwoche haben wir Filme für Euch ausgesucht und ein Filmprogramm für Euch zusammengestellt mit dem Titel Knallbuntes Kinochaos mit fliegenden Fischen. Die Filme haben wir ausgewählt, weil sie alle sehr witzig sind. Es gibt Filme mit Sprachwitz und mit singenden Tieren, einen Film, in dem die Möbel leiden müssen und einen sehr schnellen Film. Es gibt eine bunte Straße, Möbel, die sich von allein bewegen und einen Witzsprachfilm mit Flossen!“ Nach den Filmen standen die Viertklässler dem Publikum Rede und Antwort zu ihren Filmerfahrungen.

Die Wahrnehmung schärfen

Anders als so manche Erwachsene gingen die Kinder völlig unvoreingenommen mit dem Thema um.  Foto: Marlen Korn © KurzfilmtageKinder und Experimentalfilm. Wer bisher annahm, dass Kinder mit diesem Segment, das eigentlich nicht für sie als Publikum produziert ist, überfordert sein könnten, sah sich getäuscht. Anders als so manche Erwachsene gingen sie völlig unvoreingenommen damit um. Eine Woche lang hatten sie Kurzfilme gesehen, sich Notizen in Form von Bildern in ihre Skizzenbücher gemalt und zur Überraschung der beiden Projektleiterinnen, der Filmvermittlerin Stefanie Schlüter, ihrer Partnerin, der Filmemacherin Sara Laukner, sowie der Klassenlehrerin Barbara Meister sehr schnell gleich mehrere Programmideen komplett entwickelt und noch weitere „in Arbeit“. Die Kinder erwogen unter anderem ein Tierfilm-Programm, eines zum Thema Ton nach dem Motto Laut und Leise, entschieden sich dann aber gemeinsam für die „witzigen Filme“. Dabei „war es interessant, zu sehen, was die Kinder witzig finden“, so Stefanie Schlüter. „Ein Film wie beispielsweise Dropping Furniture, in dem Möbel zerstört werden, wäre für uns Erwachsene vielleicht eher bedrückend. Die Kinder hingegen packte der Film bei ihrem Sinn fürs Anarchische.“

Spaß am Experimentellen

Die Initiative zu diesem Projekt, für das Stefanie Schlüter das Konzept entwickelte, ging vom Leiter der Oberhausener Kurzfilmtage Lars Henrik Gass aus. Zuvor hatte er eine Studie in Auftrag gegeben, in der es um Fragen ging, wie Experimental- oder Künstlerfilme an Sechs- bis Zwölfjährige vermittelt werden können, wie die Zielgruppe zu erreichen ist, welche Hürden es, unter anderem in der Zusammenarbeit mit den Schulen, gibt, wie sie zu bewältigen sind und wie unabhängige, nicht-kommerzielle Verleiher für Avantgarde- und Experimentalfilm sich in die Vermittlung ihrer Verleihfilme einbringen können.

Die Beschäftigung mit dem Experimentellen und Avantgardistischen macht Kindern großen Spaß.  Foto: LuisaDas Projekt war das erste dieser Art in Deutschland. Aber auch andernorts wird eine derartige Arbeit mit Kindern „eher selten bis gar nicht betrieben“, fand Stefanie Schlüter heraus. Ein Verlust. Denn die gemeinsame Beschäftigung mit dem Experimentellen und Avantgardistischen macht Kindern großen Spaß, lässt ihnen Raum für eigene Fantasie, schärft ihr Wahrnehmungsvermögen – und ist mit sehr viel Kommunikation verbunden. Den Kern eines Werkes, so stellte sie fest, hatten die Kinder oftmals schnell erfasst. Denn sie sind offen, neugierig, noch nicht so festgelegt in ihrem Denken. Nach der Präsentation des Programms in Oberhausen zeigten etliche aus dem Fachpublikum Interesse daran, so ein Projekt auch einmal durchzuführen.

Bisher steht in der Filmvermittlung der Spielfilm im Mittelpunkt

Bisher geht es in der Filmbildung und -vermittlung noch hauptsächlich um Spielfilme. Ausnahmen zu diesem Angebot stammen meist aus dem filmkulturellen Bereich, wie beispielsweise am Dokumentarfilmprogramm für Kinder und Jugendliche, doxs, im Rahmen der Duisburger Filmwoche erkennbar wird.

Leider gehört die Filmbildung in Deutschland noch nicht überall auf die Stundenpläne der Schulen.  Foto: Daniel Gasenzer © KurzfilmtageInsgesamt haben sich in Deutschland zahlreiche Angebote etabliert, die Kindern und Jugendlichen ermöglichen, sich mit dem Medium Film auseinanderzusetzen, und die Eltern wie Pädagogen in der Filmvermittlung unterstützen. Da sind etwa die zahlreichen Kinderfilmfestivals, darunter die großen wie Lucas in Frankfurt am Main, Schlingel in Chemnitz oder Der goldene Spatz in Erfurt und Gera, die nicht nur nationale und internationale Filme zeigen, sondern in ihren Rahmenprogrammen immer auch Angebote zur Filmvermittlung vorhalten. Es existieren Institutionen wie der Bundesverband Jugend und Film oder das Kinder- und Jugendfilmzentrum in Deutschland, die Filme empfehlen oder Seminarprogramme anbieten. Es gibt das Online-Portal kinofenster.de der Bundeszentrale für politische Bildung, das beispielsweise filmpädagogische Begleitmaterialien und Adressen für die schulische Bildungsarbeit bereit hält oder das Netzwerk für Film und Medienkompetenz, Vision Kino, das unter anderem jährliche Schulkinowochen durchführt. Das Angebotsspektrum dieser und weiterer Initiativen, die über Links auf den Onlineseiten der genannten Organisationen zu erreichen sind, ist breit gefächert.

Leider gehört die Filmbildung in Deutschland noch nicht überall so selbstverständlich wie Kunst, Musik oder Theater auf die Stundenpläne der Schulen. Die Kooperation zwischen den Oberhausener Kurzfilmtagen und der Josefschule mit ihren 20 Viertklässlern hat einmal mehr bewiesen, wie überraschend, fördernd und sinnstiftend die Beschäftigung mit dem Thema Film im Unterricht ist. Mit diesem speziellen Projekt hat das Festival in Oberhausen zudem eine Vorreiterrolle übernommen und hat aufgezeigt, um welches hochinteressante Spektrum die Filmbildung künftig noch erweitert werden kann.

Sabine Pahlke-Grygier
ist freie Journalistin und Autorin. Sie schreibt unter anderem für Tageszeitungen und Stadtmagazine.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Dezember 2011

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
internet-redaktion@goethe.de

Links zum Thema

Arab Shorts

junges unabhängiges arabisches Kino

Documentary Campus

Ein neues Programm der Goethe-Institute in Nordafrika und Nahost für Dokumentarfilmer.
Call for Entries

filmportal.de

Die zentrale Plattform für kostenlose Informationen zum deutschen Film!

Film in Deutschland

Artikel und Links zu ausgewählten Themen