Musik

Frauen im Hip-Hop – nicht nur Bitches im Bikini

copyright: Sonja HalbherrCopyright:Sonja Man könnte denken, es ist ein Klischee und in Wirklichkeit gar nicht so schlimm. Aber schaut man dann mehrere Hip-Hop-Videos hintereinander, merkt man schnell: Es ist noch viel schlimmer. Der Sexismus im Hip-Hop ist ebenso unübersehbar wie unerträglich.

Kaum ein Video kommt ohne vollbusige Mädchen aus, die in viel zu knappen Bikinis zum Beat wippen, sich auf Kühlerhauben von Luxusschlitten räkeln oder zu dritt oder viert den Rap-Meister in einem riesigen Bett befummeln. In den Texten der männlichen MCs spiegelt sich der bildlich dargestellt Sexismus genauso wieder: Die Bezeichnung für Frauen lautet Bitch, was übersetzt Hure, Schlampe aber auch Hündin heißen kann und keinen Zweifel an der Rolle der Frau im Hip-Hop offen lässt.

„Daran muss sich was ändern, so viel ist klar“, findet Claudia, 21, aus München. Sie ist eine der wenigen Frauen, die seit mehreren Jahren selbst im Hip-Hop aktiv ist. Nicht als schmuckes Beiwerk eines Rappers, nein, sie rappt selbst, sprüht Graffitis und ist besonders gut im breakdancen. Ein knappes Bikinioberteil trägt sie nicht, genauso wenig sieht man sie mit dicken Goldketten oder in quietschengen Hotpants. Sie trägt am liebsten gemütlich-weite Baggy-Jeans oder Jogginghosen und dazu ein einfaches, sportliches T-Shirt. Claudia ist der Beweis, dass Frauen im Hip-Hop viel mehr können, als den männlichen MC anzuhimmeln und mit dem Hintern zu wippen.

Ein Festival soll helfen

Copyright:Sonja Um die Position von Frauen wie Claudia in der männlich geprägten Hip-Hop-Welt zu stärken, wurde jetzt ein Festival organisiert, dass zur Abwechslung mal die Männer als Beiwerk an den Rand drängt. Einen Monat lang scratchten, sangen und performten junge Frauen aus aller Welt beim We B*Girlz Festival in Berlin. Angeboten wurden Workshops in allen Elementen des HipHops – Rap, Breakdance, DJ-ing und Graffiti –, Podiumsdiskussionen sowie Ausstellungen zum Thema und natürlich jede Menge Konzerte und Partys.

Als Claudia von dem Festival hörte, packte sie sofort ihre Koffer und fuhr nach Berlin. „Endlich Workshops, in denen ich mit Frauen zusammen trainieren kann,“ erzählt sie mit einem breiten Lächeln im Gesicht. Bisher trainierte sie ausschließlich mit Jungs.

Mit 14 hatte sie den ersten Kontakt zur Hip-Hop-Szene. Sie ging in einen Jugendclub und sah Jungs beim Breakdance. Sie war fasziniert und wollte das auch lernen. Doch sie war dort das erste und einzige Mädchen und die Jungs waren dementsprechend verwirrt. „Am Anfang hab ich mich deshalb gar nicht getraut mitzumachen. Das hat echt Überwindung gekostet. Dann waren die Jungs aber super offen und haben mir viele Moves gezeigt.“ Sie lernte schnell, stand den Jungs kaum in etwas nach und wurde deshalb schon bald von allen akzeptiert. Trotzdem ist sie bis heute das einzige Mädchen in ihrer Breakdance-Gruppe. „Es kamen zwar immer wieder Mädchen, die Lust hatten mitzumachen, die haben sich dann aber doch nicht getraut“, erinnert sie sich.

Mein Vater hat keine Ahnung

Copyright:Sonja Ähnliches hat Nischa aus Berlin zu berichten: „Ich bin das einzige Mädchen bei uns im Jugendtreff, das breakt. Da hat man es manchmal nicht leicht unter all den Jungs.“ Doch etwas anderes macht Nischa noch viel mehr zu schaffen: „Mein Vater weiß bis heute nicht, dass ich im Hip-Hop aktiv bin. Für ihn sind Frauen im Hip-Hop alle Schlampen. Er kennt ja nur die Videos. Deshalb habe ich mich noch nicht getraut, es ihm zu erzählen. Wenn ich trainieren gehe, sage ich immer ich gehe zu einer Freundin oder in die Bibliothek.“

Wegen genau dieser Probleme will das Festival nicht nur Frauen in Workshops trainieren, ebenso gilt es, bei Podiumsdiskussionen und öffentlichen Vorträgen mit den vielen Vorurteilen aufzuräumen und Frauen in ihrem Selbstbewusstsein zu stärken. „Hier erfährt man echt viel über die starken Frauen im Hip-Hop, die es schon gibt, die aber kaum einer kennt“, erzählt Claudia. Kaum einer weiß zum Beispiel, dass das erste HipHop-Label Sugarhill Records von einer Frau gegründet wurde oder dass auch weibliche, deutsche Rapperinnen wie Pyranja oder MC Sookee seit Jahren erfolgreich durch das Land touren.

Claudia hat dieser Austausch unter Gleichgesinnten beim We B* Girlz Festival auf jeden Fall gut getan und sie nimmt einiges davon mit nach Hause. „Spätestens auf dem Festival habe ich gemerkt: Für selbstbewusste, starke Frauen, gibt es genauso einen Platz im Hip-Hop wie für die Männer. Dafür muss man keine Bitch im Bikini sein.“ Und Nischa ergänzt: „Es wird Zeit, dass sich das ’rumspricht.“

Hip-Hop-Feminismus – eine Zukunftsvision

Das Festival ist da auf jeden Fall ein Schritt in die richtige Richtung. Und wer weiß, vielleicht wird sich das Ergebnis schon bald auch in den Musikvideos widerspiegeln: Selbstbewusste Frauen in Baggy Jeans, die sich von Männern in knappen Hot Pants bedienen lassen, bevor die Mädels dann lässig in ihrem Luxusschlitten mit ihren Freundinnen auf Spritztour gehen?

Sonja Halbherr
ist Diplomandin an der Universität der Künste in Berlin und arbeitet als freie Journalistin.
Links zum Thema

Jazz aus Deutschland

Künstler und Bühnen, Labels und Festivals, Hochschulen und Wettbewerbe – Hintergründe und aktuelle Tendenzen

Musik in Deutschland

Artikel und Links zu ausgewählten Themen