Bibliothekswesen

Hoeb4U – die Freizeitbibliothek für Jugendliche

Copyright: Bücherhallen HamburgCopyright: Bücherhallen HamburgDie Bücherhallen Hamburg locken Jugendliche und junge Erwachsene zurück in die Bibliotheken. Das Erfolgsrezept? Ein umfangreiches Angebot aktueller Medien und eine sehr bewusste Distanz zu allem, was mit Schule zu tun hat.

Jugendliche gelten in der Bibliothekslandschaft als eine durchaus schwierige Zielgruppe. So auch in Hamburg. Während 5- bis 13-Jährige 34 Prozent aller Benutzer der Hamburger Öffentlichen Bücherhallen ausmachen, sind es bei den Jugendlichen im Alter von 14 bis 24 Jahren nur noch knapp 14 Prozent. Doch mit der Hoeb4U sind die Hamburger auf dem besten Weg, eine Trendwende einzuläuten.

Playstation statt Lese-Sessel

Copyright: Bücherhallen HamburgDie Hoeb4U findet man in Hamburg-Altona, auf einem ehemaligen Fabrik-Gelände. In den Backsteinhallen, wo früher Schiffsschrauben hergestellt wurden, sind heute ein Kino und Cafés untergebracht. Und seit Dezember 2005 auch eine Jugendbibliothek. Metallregale, Barhocker vor den Computerplätzen, ein geschwungener, leuchtender Tresen: Auf einer Fläche von 220 qm präsentiert sich diese Bibliothek für junge Erwachsene bewusst anders – cooler.

Auch ihr Bestand unterscheidet sie deutlich von dem Angebot der Hamburger Stadtteilbibliotheken. Die Hälfte der 14.000 Titel machen audiovisuelle Medien aus: Hörbücher, CDs, DVDs sowie Spiele für die unterschiedlichsten Systeme (PC, Xbox360, PS2, PSP, Nintendo DS, Wii). Daneben gibt es Brettspiele, Comics, Zeitschriften und schließlich auch Bücher – Fantasy und Mystery, Liebe und Sex, Starbiografien und Sachbücher über HipHop, Graffiti, Pubertätsstress, Sport und vieles mehr.

Freizeit statt Schule

Die Idee zu dieser ungewöhnlichen Bibliothek entstand in der Arbeitsgruppe „Jugendbibliotheksarbeit“ – und als fast schon logische Weiterführung des Jugendbibliothekskonzeptes der Hamburger Bücherhallen. Sie hatten bereits im Jahr 2004 das erste eigenständige Jugendmedienlektorat in deutschen Bibliotheken eingerichtet.

Die Lektorin Janette Achberger entwickelte mit ihren Kollegen zusammen ein völlig neuartiges Konzept. „Uns ging es darum, dass Jugendliche, die vorher nicht oder lange nicht mehr in die Bibliothek gekommen sind, die Bibliothek als einen Ort für sich entdecken – als einen Ort, der Spaß macht“, erklärt die 40-jährige Diplom-Bibliothekarin. Darum konzipierten sie die Hoeb4U als eine reine Freizeitbibliothek. „Die Schule bleibt dabei ganz bewusst außen vor. Schulbücher, Lernhilfen und Ähnliches suchen Sie bei uns vergeblich.“

Augenhöhe statt Altersgefälle

Rainer M. Schröder nach seiner Lesung; Copyright: Bücherhallen HamburgDoch der außergewöhnliche Medienbestand und die konsequente Freizeitausrichtung sind nicht das einzige, was die Hoeb4U besonders macht. Die Bibliothek läuft quasi als Juniorfirma, denn Auszubildende übernehmen den Betrieb.

Ein kompletter Jahrgang der jungen Leute, die sich in den Bücherhallen zu Fachangestellten für Medien- und Informationsdienste ausbilden lassen, verbringen zwölf Monate in der Hoeb4U. Zunächst werden sie dort von den drei fest angestellten Kräften angelernt. Doch schon nach kurzer Zeit führen die vier bis sechs Auszubildenden den laufenden Betrieb der Hoeb4U selbstständig. Sie machen die Ausleihe, kümmern sich um die Büroarbeiten, die Kasse und die Verwaltung, sie bestellen Medien und arbeiten sie ein.

„Das hat viele Vorteile“, erläutet die Leiterin der Hoeb4U. „Die Auszubildenden lernen ganz anders; sie laufen eben nicht nur mit, sondern machen alles selbst. Außerdem sind sie in der gleichen Altersgruppe wie unsere Kunden.“ Auch hinter der Theke stehen also Jugendliche. „Sie haben einen ganz anderen Draht zu unseren Kunden und wissen viel besser als wir, was Jugendliche wollen. Ohne das Fachwissen, das diese Azubis schon automatisch – allein durch ihr Alter – mitbringen, würden wir das hier gar nicht so gut hinkriegen.“

Mundpropaganda statt Werbekampagne

Copyright: Bücherhallen HamburgWie gut Achberger und ihre Kolleginnen und Kollegen alles hinkriegen, zeigen nicht zuletzt die Nutzerzahlen. Seit ihrer Eröffnung kann die Jugendbibliothek von Monat zu Monat mehr Ausleihen verzeichnen. In den ersten neun Monaten des Jahres 2008 waren es bereits 170.000.

Dabei beruht der Erfolg keineswegs auf aufwändiger Werbung. „Die beste Werbung sind die Jugendlichen selbst. Wir werben bewusst nicht in Schulen, eben weil wir nicht mit Schule in Verbindung gebracht werden wollen. Unsere Werbemaßnahmen haben sich darauf beschränkt, die Jugendlichen anzusprechen, die bereits Kunden in den Stadtteilbibliotheken sind. Der Rest lief über Mundpropaganda“, erklärt die Bibliotheksleiterin.

„Besonders stolz“, so fährt Achberger fort, „bin ich darauf, dass viele Jugendliche kommen, die vorher wirklich überhaupt nichts mit Bibliotheken am Hut hatten. Die waren vielleicht in der ersten oder zweiten Klasse mal mit der Schule in einer Bücherei, aber dann nie wieder. Und diese Jugendlichen kommen dann zu uns und sagen ‚Boah, ich brauche eine Karte’.“

Damit hat das Team der Hoeb4U sein ehrgeiziges Ziel also längst erreicht. Was bleibt da an Wünschen für die Zukunft? „Ich wünsche mir, dass die Bibliothek weiter so gut angenommen wird und dass andere Bibliotheken ähnliche Wege gehen – denn wir sind immer noch ziemlich allein mit unserem Konzept einer Freizeitbibliothek für Jugendliche.“

Dagmar Giersberg
arbeitet als freie Publizistin in Bonn.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de
November 2008

Links zum Thema