Der Teilchenbeschleuniger – Thomas Bayrle


Der Frankfurter Thomas Bayrle stellt in der deutschen Kunstlandschaft in vieler Hinsicht eine Ausnahme dar. Bis heute überzeugt der 1937 in Berlin geborene Künstler durch seine großformatigen Wandbilder, Skulpturen und filmischen Animationen. Bekannt wurde er in den Sechzigerjahren durch grafische Tableaus, zusammengesetzt aus Tausenden von Einzelbildern. Ein Blick auf sein bisheriges Leben und Werk.
Mit großer Konsequenz widmet sich Thomas Bayrle, der nach seiner Ausbildung zum Weber an der Werkkunstschule in Offenbach Grafik studierte und inzwischen seit Jahrzehnten in Frankfurt lebt, dem Thema Masse. Fasziniert von nur aus der Vogelperspektive wahrnehmbaren Superzeichen, wie sie in chinesischen Sportstadien von Besuchern gebildet werden, begann Bayrle seine Karriere mit einer Übertragung dieses Gestaltungsprinzips auf andere Medien. Mal steht dabei die Idee eines Kollektivs im Vordergrund, das aus lauter Individuen zusammengesetzt ist, mal geht es ihm um eine Kritik an der westlichen Konsumwelt.
Dafür nutzte Bayrle von 1964 bis 1967 den Werkstoff Holz. Mit einer Laubsäge gefertigte und handbemalte Sperrholzteile montierte er seriell zu Wandobjekten zusammen, die sich dank eines Mechanismus, der sämtliche Einzelteile bewegt, in ein zweites Bild verwandeln können: Bei Mao (1966) etwa bilden zahlreiche kleine Holzmännchen schablonenhaft das Gesicht des Parteivorsitzenden Mao Zedong; betätigt man einen Knopf, erscheint statt seinem Konterfei ein roter Stern.
Später bediente sich Bayrle anstelle von Holz der Technik des Siebdrucks. Der Vorliebe für dieses Druckverfahren, den verwandten Bildinhalten und der Ästhetik des Seriellen verdankt sich auch seine vielfach beschworene Nähe zur amerikanischen Pop-Art. Als politisch denkender und agierender Künstler hebt er sich jedoch ebenso deutlich davon ab: 1968 reagierte er gemeinsam mit Kollegen auf das Attentat am Sprecher der Studentenbewegung, Rudi Dutschke, mit dem Plakat Die Revolution stirbt nicht an Bleivergiftung.
Serielle Superzeichen
Im Siebdruck entwickelte Bayrle ein Raster aus vervielfältigten und unterschiedlich eingefärbten Piktogrammen, mit dem sich größere Bildmotive quasi aufpixeln lassen. Das Frauenporträt Die Christel von der Post (1970) beispielsweise basiert auf Tausenden von Telefonen.
Neben Bildern entstehen in derselben Machart von Anfang an auch plastische Objekte. Hier gleicht das Superzeichen häufig dem Urzeichen, aus dem es gebildet ist, wie bei der aus Kaffeetassen zusammengestellten Tassentasse (1969).
Über den Kunstzusammenhang hinaus schmücken Bayrles Ochsen-, Schuh- und Tulpenmuster auch Gebrauchsgegenstände wie Tapeten, Geschenkpapier und in den Siebzigerjahren sogar eine Mantelkollektion. Berührungsängste gegenüber dem angewandten Design sind dem Künstler fremd. Unterhalb der dekorativen Oberfläche seiner Collagen lauern grundsätzliche Fragen – zur Ästhetik des Ornamentalen natürlich, aber auch zum Verhältnis vom Einzelnen zur Masse.
Typisch für Bayrle ist dabei die Haltung eines teilnehmenden Kritikers. In einem Interview zu seiner Teilnahme an der Documenta 13 im Jahr 2012 kommentierte er seine Arbeit Flugzeug (1982), die aus 14 Millionen kleinen Flugzeugen zusammengefügt ist und auf dem Höhepunkt der Streitigkeiten um die Startbahn-West des Flughafens in Frankfurt am Main entstand: „Damals war es mir wichtig darauf hinzuweisen, dass wir zwar alle schrecklichen Fluglärm beklagen, aber auch drin sitzen. Alle Arbeiten bei mir sind immer Fifty-Fifty. Ich habe Kritik, bin aber auch genauso ein Teilnehmer an dieser Gesellschaft und will auch nicht abseits stehen“.
Interview: Thomas Bayrle auf der Documenta 13
Frankfurt-Spagate
1975 wurde Thomas Bayrle als Professor an die Frankfurter Städelschule berufen. Bis 2002 lehrte er dort und prägte auf diese Weise Generationen von Studenten, darunter Marko Lehanka, Martin Liebscher und Tobias Rehberger. Seine Studenten schätzen ihn, ohne ihn ästhetisch nachzuahmen. Als einflussreich galt von Anfang an vor allem seine Haltung als Künstler.
Im Gegensatz zu vielen Kollegen, die ihr eigenes Werk zugunsten der Lehre vernachlässigen, gelang es Bayrle, sowohl ein engagierter Lehrer zu sein als auch ein interessanter Künstler zu bleiben. Trotz Weltruhm gehört er bis heute zu den zentralen Figuren der Frankfurter Kunstszene; auch das lässt sich als eine geglückte Gratwanderung zwischen lokaler und internationaler Präsenz verbuchen.
Produktive Leerläufe
Momente von Bewegung sind bereits in Bayrles frühen Holz-Tableaus angelegt. Auch den ab 1969 in seinen Siebdrucken auftauchenden Verzerrungen und Auswölbungen wohnt so etwas wie Bewegung inne, da der daraus resultierende dreidimensionale Effekt die räumliche Wahrnehmung der Wirklichkeit betont. Zudem erinnert die Aneinanderreihung der im Einzelnen nur minimal veränderten Motive an die Animation eines Filmstreifens.
Mitte der Siebzigerjahre kommt mit den Stadt- und Autobahnlandschaften ein neuer Bildtypus hinzu, der statt dem aus Einzelteilen gebildeten Zeichen nun den Verkehrsfluss der Massen in den Fokus nimmt. Aus Spielzeugen, Pappe und Fundstücken entwickelt der Künstler eine Reihe von Modulen wie Straßen, Bahnstrecken, Parkplätze, Hochhäuser oder Fußgänger, die er in der Folge immer wieder neu zusammensetzt.
Das Charakteristische dieser Werkgruppe besteht darin, dass sich Wege verknoten und überlagern, manchmal sogar im geflochtenen Parkettmuster, um schließlich im Nichts zu enden. Auch seine Videoarbeiten, die Bayrle seit den Neunzigerjahren am Computer und mithilfe von Studenten generiert, widmen sich vor allem der Idee einer ziellosen Bewegung.

In den Jahren 1964, 1977 und 2012 nahm Thomas Bayrle in Kassel an der Documenta teil. Zuletzt wurde ihm das komplette Erdgeschoss der Documenta-Halle zur Verfügung gestellt. Im Rahmen seiner Installation konnte man dort acht wunderschönen Maschinen bei der Arbeit zusehen. Rhythmisch griffen Zahnräder und Bolzen ineinander, ohne irgendetwas zu produzieren, außer einem leichten Summen.
Dieser Sound war mit Tonaufnahmen von Rosenkranz-Gebeten aus dem Kölner Dom collagiert – ein eindrucksvolles Sinnbild für eine ins Leere laufende, sich selbst erhaltende Aktivität, geschaffen von einem unermüdlichen und überzeugend konsequenten Künstler.

lebt in Hamburg und arbeitet als Kunstkritikerin und freie Kuratorin.
Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Juni 2013
© für alle Porträtfotos Thomas Bayrles: Burkhard Maus
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