Saori Komuro: Geschichte zum Anfassen


„Wenn eine große Veränderung in der Gesellschaft stattfindet, ist es am einfachsten sein Leben zu ändern”, sagte kurz nach dem Erbeben ein alter Freund am Telefon. Denke ich jetzt zurück, war das wahrscheinlich nur eine Redewendung – aber für mich wurde sie wahr.
Die Katastrophe vom 11. März 2011 veränderte Japan. Doch die Veränderungen, die ich danach in Deutschland beobachtete, bewirkten bei mir noch etwas anderes. Ich wurde es leid zu warten. Ich wollte dorthin, wo scheinbar Unmögliches möglich wurde und entschied mich dafür meinen zehn Jahre alten Traum zu realisieren: nach Berlin zu ziehen.
Magische Anziehungskraft
Knapp vier Jahre arbeitete ich beim National Cultural Heritage Büro in Tokyo, zum großen Teil an der Restauration von Steinwänden japanischer Schlösser. Dabei kam mir immer wieder zu Ohren, welch hohen Stellenwert dieses Gebiet in Deutschland einnimmt. Das starke Interesse der Bevölkerung an der Geschichte, an ihrer Stadt und am kulturellen Erbe – das alles wollte ich selbst erleben. Besonders Berlin übte eine magische Anziehungskraft auf mich aus. Durch die Bombardierung während des Zweiten Weltkriegs weist Berlin heute zwar mehr Neubauten auf als viele andere Städte in Deutschland, doch diese Bauten erzählen ganz besondere Geschichten: von Neo-Klassizismus, über Modernismus und Souvenirs aus der DDR bis hin zu gegenwärtiger Architektur, mit der die leeren Räume seit der Wiedervereinigung ausgefüllt wurden. Das wirklich „Magische“ aber für mich – aufgewachsen in einer Stadt, in der täglich alte Bauten durch neue ersetzt werden – ist der Umgang mit alten Gebäuden in Berlin. Viele Ruinen werden entweder zu Denkmälern erklärt, die die Geschichte lebendig halten sollen oder sie werden wiederentdeckt und finden zu einer komplett neuen Form des Gebrauchs. Ich wollte unbedingt herausfinden, wie sich die Geisteshaltung, die dahinter steckt, entwickelt hat.
Die deutsche Bezeichnung für ein Bauwerk, das zum kulturellen Erbe erklärt wird, lautet „Denkmal“,* wortwörtlich übersetzt „Monument zum Denken“. Die Bezeichnung enthält bereits den eigentliche Zweck von Denkmälern: Sie dienen der Reflexion der Meta-Geschichte. Ein Bauwerk wird dann zum Denkmal erklärt, wenn ihm ein besonderer kultureller, geschichtlicher oder sozialer Wert beigemessen wird. Es repräsentiert unterschiedlichste Werte und Facetten einer Gesellschaft. Ich wollte mehr darüber erfahren und bewarb mit deshalb nach dem „Trial und Error“-Verfahren bei unterschiedlichsten Büros in Berlin. Als ich schließlich eine Antwort von dem Unternehmen bekam, das einst das Brandenburger Tor restauriert hatte, konnte ich mein Glück kaum fassen. Zum Jahreswechsel 2012 räumte ich nach japanischer Tradition meinen Arbeitsplatz auf und reichte meine Kündigung ein. Zehn Tage später sah ich vom Flugzeug aus den Fernsehturm und landete in Berlin-Tegel.
Spachtel und Baugerüst

Der älteste gotische Dom in Deutschland © Saori Komuro
Die Verwirklichung meines Traums, in Berlin zu arbeiten, war schon zum Greifen nah, doch am Ende lief es darauf hinaus, dass ich allein die Wochenenden in Berlin verbringen konnte. Mein erstes Projekt, die Restaurierung der Fassade des ältesten gotischen Doms in Deutschland, lag nämlich im 300 km entfernten Magdeburg. Noch dazu gaben sie mir an meinem ersten Tag ein Werkzeug in die Hand, das ich noch nie zuvor in meinem Leben gesehen hatte: einen Spachtel. Während ich angenommen hatte, dass ich einen Restaurierungsplan für den Dom entwerfen sollte, hatte das Berliner Büro mich als Expertin für Steinbauwerke für praktische Restaurationsarbeiten eingestellt. Aber an diesem Missverständnis war leider nichts mehr zu ändern. Die ersten Tage dachte ich daran aufzugeben. Doch nach einem langen Gespräch mit meinen Kollegen nach Feierabend an der Elbe war ich überzeugt, dass es einen Versuch wert sei.
Sechs Monate später war die Arbeit fast abgeschlossen und ich wurde für ein anderes Projekt über die Sommermonate eingeteilt. So arbeite ich an den Jahrestagen der Atombombeneinschläge von Hiroshima und Nagasaki am Gedenkfriedhof der Soldaten der ehemaligen Sowjetunion in Berlin. Als ich dann Ende des Sommers nach Magdeburg zurückkehrte, bekam ich die Möglichkeit, an essentiellen Teilen der Restaurierung mitzuarbeiten. Dabei lernte ich die spezifischen Unterscheide zwischen unterschiedlichen Materialien kennen, diskutierte mit meinen Kollegen verschiedene Restaurationsmethoden und die letzten Schliffe vor dem Abschluss der Arbeiten. Eingehüllt vom Klang der Domglocke stand ich dutzende Meter über dem Boden auf dem Baugerüst, um Skulpturen an der Fassade zu restaurieren. Eine nach der anderen. Die Skulpturen waren so klein, dass sie man sie vom Boden aus nicht sehen konnte. Erst vom Gerüst aus wurden sie sichtbar. Normale Besucher würden sie niemals sehen, geschweige denn anfassen können. Als mir das bewusst wurde, fühlte ich mich, als hätte ich plötzlich die Quintessenz von Restaurationsarbeiten verstanden. Jeden Freitag bevor ich nach Berlin zurückfuhr, fuhr ich beim Abstieg vom Baugerüst mit den Händen die Fassade entlang.










