Stefan Goldmann: Pitch bending
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Stefan Goldmann - carrion crow | Directed by Peter Vulchev, Camera operator: Dolores Alvarado, Editing: Bohos Topakbashian, September 2012
Eines Nachts fand ich mich am Tisch einer Mehana-Kneipe wieder, irgendwo im Dreiländereck zwischen Bulgarien, Mazedonien und Griechenland. Meine Augen klebten an der linken Hand des Typen, der, hinter einem Korg Triton Keyboard sitzend, absurd dumpfe aber zugleich beispiellos attraktive Melodien in den Raum hämmerte. Der Sänger heizte dazu der ekstatischen und besoffenen Meute mit lautmalerischen wie sexuell eindeutigen Phrasen ein: shiki-riki, chaka-raka, djidji-bidji, gutsi-gutsi, trrr-tak, tupur-tupur…
Die linke Hand des Tastenvirtuosen verließ zu keinem Zeitpunkt das Pitchbend-Rad seines Instruments - ein Werkzeug, mit dem die Tonhöhe stufenlos hoch- und heruntergebogen werden kann, etwa wie das Ziehen der Saiten einer Gitarre. Die Bewegungen des Rädchens waren aber keinesfalls zufällig. Der Herr stimmte alles in Echtzeit um. Die Töne jaulten dazu mit dem schneidenden Plastik-Sound eines ramponierten, aber vollsynthetischen Dudelsacks. Ein japanischer Synthesizer, dem arabische Maqam-Skalen aufgezwungen wurden.
Die mikrotonalen Bemühungen westlicher Avantgarde-Musik waren mir einigermaßen vertraut – also Musik, deren Stimmungen von der vollsymmetrischen Halbtonschrittskala abweichen, auf der fast unsere gesamte Musik seit ein paar Jahrhunderten aufbaut. Der Typ aus der Kneipe sowie ein paar tausend anderer Praktiker von Musikstilen, die auf Namen wie Chalga, Manele oder Tallava hören (je nachdem, wo man ihnen begegnet), leisten jedoch etwas ganz anderes. Sie übertragen ein „empirisch“ gewachsenes, also über Jahrhunderte hinweg erarbeitetes Stimmsystem und seine expressiven Ausgestaltungen auf ein neues Instrumentarium, geliefert von den Entwicklern elektronischer Klangerzeuger. Weil diese traditionellen Stimmsysteme so ausgiebig erprobt und verfeinert sind, entwickeln die auf sie abgestimmten Motive und Melodien eine ziemlich starke Verbindlichkeit - was ein Schreibtischkonstrukt nie erreicht (die Ursachen sind neurobiologisch: ein einzelnes Werkkonzept wird nie so umfassend „eingeübt“ wie ein perzeptives Phänomen, das durch eine ganze Kultur verbreitet wird – dadurch sind auch die Kriterien schwächer ausgeprägt, mit deren Hilfe erfasst werden könnte, wie gut ein einmaliges Konzept letztlich im konkreten dazugehörigen Werk umgesetzt ist). Zugleich ist im Fall von Chalga die ganze zugehörige synthetische Klanggestaltung völlig offen für wahnwitzige Experimente, was zusammengenommen zu einem extrem dynamischen Entwicklungsprozess führt.
Eindrücke aus Sofia © Dimitar Variysky
Wenn es manchmal so erscheint, dass unser Potential, neue Melodien zu entdecken, ausgeschöpft ist, setzen solche „empirische“ Stimmsysteme und Pitch Bending (die expressive Verbiegung der Töne) alles wieder auf Null. Die einfältigsten Melodien klingen wieder frisch – ihre Gestalt verschiebt sich so signifikant, dass sie nicht mit ihrem „regulär“ gestimmten Vorgänger verwechselt werden können. Wenn sich elektronische Musik von instrumental-akustischer (jenseits der Klangerzeugung selbst) dadurch unterscheidet, dass sie extreme Feinheiten (minimale Abweichungen von Zeit, Tonhöhe oder Dynamik) durch Repetition verstetigt und dadurch überhaupt erst als eigenständige Gestalt erfahrbar macht, dann konnte man in bulgarischen Autobahnkaschemmen und Dorfkneipen einer der aufregendsten Innovationen der elektronischen Musik der letzten 20 Jahre beiwohnen. Dass sich dadurch nebenbei eine eigenständige lokale elektronische Musik ausbilden konnte, die nicht aus westlichen bzw. afroamerikanischen Vorbildern abgeleitet ist, ist auch bemerkenswert.











