Theater und Tanz

Raimund Hoghe – in Frankreich geliebt, in Deutschland ignoriert

‚Sans-Titre‘ – ein Stück für Faustin Linyekula von Raimund Hoghe; Festival Montpellier Danse (2009); Mit: Faustin Linyekula und Raimund Hoghe; Foto: Rosa FrankQuer durch Europa, und vor allem auf Frankreichs führenden Festivals, löst Raimund Hoghe Jahr für Jahr Begeisterung aus, von Montpellier bis Avignon und Paris. Nur in Deutschland schlägt ihm eher Kälte entgegen. Das muss doch Gründe haben!

Zehn Jahre in Folge wird Hoghe nun schon auf Montpellier Danse gefeiert und verehrt. Eine solche Beständigkeit hat auf Europas größtem Tanzfestival sonst nur Mathilde Monnier an den Tag gelegt, die Montpelliers Centre chorégraphique national leitet.

Raimund Hoghe; Foto: Rosa FrankUnd auch 2010, wenn Montpellier Danse zum dreißigsten Mal stattfindet, geht es dort nicht ohne den einstigen Dramatiker von Pina Bausch. Dann wird er sogar mit Dominique Bagouet in Dialog treten, der in den 1980er-Jahren von Montpellier aus der französischen nouvelle danse Flügel verlieh, also zur gleichen Zeit als Pina Bausch in Wuppertal das deutsche Tanztheater der Nachkriegszeit prägte. Was mag nun Hoghe mit seinen Stücken stiller Einkehr dem Erbe Bagouets abgewinnen? Dessen Werk war von unbekümmerter Aufbruchstimmung getragen und sprühte vor Freude an der Bewegung. Doch als Bagouet Ende 1992 an Aids starb, war das ein Schlag von dem sich der Tanz in Frankreich bis heute nicht erholt hat. Und Meinwärts (1994), Hoghes erstes eigenes Stück, war eine Reaktion auf die tödlichen Auswirkungen von Aids in der Tanzszene. Daher wäre es keine Überraschung, nähme Hoghe diesen Schock als Ausgangspunkt.

Zwei Engel, grundverschieden

‚Swan Lake, 4 Acts’ (2005); Mit: Lorenzo De Brabandere und Raimund Hoghe; Foto: Rosa FrankEs gibt eine zweite Parallele, und die hat mit Flügeln zu tun. Denn Bagouet wird seit seinem Tod als eine Art Engel verehrt. Als Hoghe 2005 Swan Lake – four acts kreierte (natürlich in Montpellier), da fiel auf ihn ein verklärter Blick, der in seinen gefalteten Armen ein Paar Schwingen erblicken wollte – und die nicht etwa einem Schwan zuordnete, sondern einem Engel! Das sagt viel aus über die Leichtigkeit mit der man in Frankreich Hoghes Stücke genießt. Nur, warum geht das nicht auch am rechten Rheinufer? Hoghe wirkt gekränkt, wenn er auf das in der Heimat so geringe Interesse an seiner Arbeit zu sprechen kommt. Er klagt über Metaphern, die seinen buckligen Rücken unterschwellig ablehnen. Einst wurde er in der Presse als „Häßliches Entlein“ bezeichnet. Solche Überschriften machen ihn betroffen. Doch gerade hier könnte eins der Probleme liegen. Denn Meinwärts spielte stark mit der Betroffenheit. Das Stück bezieht sich auf den Tenor Josef Schmidt, der Opfer der Nazis wurde. So baute Hoghe eine Identifikation auf, in der sein Buckel die Form eines mahnenden Zeigefingers annahm. Wenn er sein T-Shirt auszieht („Die anderen tun es doch auch, soll ich meinen Rücken etwa verstecken?") entblößt er Verdrängtes und kollidiert mit dem Überdruss an Schuldgefühlen aus deutscher Vergangenheitsbewältigung. Natürlich begriff man sofort, dass Hoghe sich mit den Opfern des Dritten Reiches identifizierte, da auch Missgebildete von den Nazis als nicht lebensberechtigt angesehen wurden. In Frankreich dagegen spielt das Thema eine Nebenrolle. Präsent war es nur in einem – leider vergriffenen – Buch der Autorin Marie-Florence Ehret. Es trägt den Titel Raimund Hoghe, L'ange inachevé. Ehrets zärtlicher Blick zeigt dass Hoghes entblößter Buckel auf Franzosen auch therapeutisch wirken kann. Der Anblick seiner Verwundbarkeit befreit vom Komplex vor deutscher Wirtschaftsmacht, der Mitte der 1990er-Jahre noch stark präsent war.

„Meinwärts“ gehen

‚Young People, Old Voices’ (2002); Mit: Raimund Hoghe und Ensemble; Foto: Rosa FrankIm Grunde analysiert Hoghe selbst am treffendsten, wenn er beschreibt wie sein Körper stellvertretend für den Zuschauer agiert und das Publikum zur Reise in das eigene Ich einlädt. Das hat in Deutschland den Beigeschmack der selbst ernannten moralischen Instanz. Dagegen wurden in Frankreich schon seine ersten Stücke rein ästhetisch rezipiert. Und wer dort keine Lust hat, „meinwärts“ zu gehen, der verlagert die Debatte einfach auf das Terrain der Kunst und diskutiert die Stücke im Kontext der Kreationen von Jérôme Bel oder Xavier Le Roy. Davon abgesehen gibt es in Frankreich ein deutlich größeres Reservoir an Zuschauern die über Erfahrung in der Rezeption von Performancekunst verfügen und bereit sind, ihre Sehgewohnheiten infrage zu stellen. Die Erfahrung, dass neue Formen sich in Frankreich schneller durchsetzen macht Hoghe nicht zum ersten Mal in seiner Laufbahn. Er erinnert sich an seine Zeit mit Pina Bausch: „Als sie in Paris schon gefeiert wurde, zum Beispiel für Die sieben Todsünden, erhielt sie in Wuppertal noch anonyme Drohanrufe.“

Begegnung mit Afrika

‚Sans-Titre‘ – ein Stück für Faustin Linyekula von Raimund Hoghe; Festival Montpellier Danse (2009); Mit: Faustin Linyekula und Raimund Hoghe; Foto: Rosa FrankZwar erhält er keine Drohanrufe, doch es wäre an der Zeit, dass sich die Balance wieder einpendelt. Denn in fünfzehn Jahren eigenen Schaffens hat auch Hoghes Kunst sich gewandelt und befreit. Den Beweis lieferte er im Juli 2009 mit Sans-Titre – ein Stück für Faustin Linyekula, uraufgeführt (natürlich) auf Montpellier Danse. Da setzte sich der Tänzer und Choreograf Faustin Linyekula aus dem Kongo mit stilleren musikalischen Welten auseinander (Bach, Purcell) als zum Beispiel mit dem Kongo-Punk, den seine Musiker für More, more, more... future erfanden, eine Performance die Linyekula gleichzeitig zu seiner Arbeit mit Hoghe für das Kunsten Festival in Brüssel kreierte. Sans-Titre ist Hoghes bisher schwebendstes und beweglichstes Stück, gerade weil Linyekula die Linien seines Körpers immer wieder bricht. Es zeigt symbolisch wie die Ausgeschlossenen der Gesellschaft in Europa und Afrika sich gegenseitig ignorieren. Und das ist im Ursprung ein französisches Thema, bei dem sich auch ein deutsches Publikum ganz unbefangen auf die Begegnung zweier Menschen konzentrieren könnte, die hier besonders prägnant thematisiert wird.

Thomas Hahn
lebt seit zwanzig Jahren in Paris, ist Frankreich-Korrespondent der Zeitschrift ballet-tanz und Mitarbeiter der französischen Kulturzeitschriften Danser, Cassandre und Stradda.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Oktober 2009

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