Deutschland / Polen
Zukunft braucht Herkunft - Der schwere Weg zur deutsch-polnischen Verständigung  
Presse- und Informationsamt der BundesregierungDer schwere Weg zur deutsch-polnischen Verständigung

Selten kommt bei Regierungsreisen so viel Geschichte ins Spiel, wie das beim Besuch des damaligen deutschen Bundeskanzlers Helmut Kohl im November 1989 in Polen der Fall war. Fünfzig Jahre vorher hatte der deutsche Überfall auf das Nachbarland den II. Weltkrieg ausgelöst. In einer gut vorbreiteten Gemeinsamen Erklärung bekräftigten beide Regierungen nun ihren Willen zu einer vertieften friedlichen Zusammenarbeit. Zwischenzeitlich aber geriet das Besuchsprogramm durcheinander. Denn am Abend des 9. November begann mit der Öffnung der Berliner Mauer die gewaltlose Revolution in der damaligen kommunistischen DDR, dem zweiten Teilstaat in Deutschland. Tags drauf unterbrach Kanzler Kohl die Auslandsreise kurzfristig, um die neue Entwicklung in der Hauptstadt zu klären. Der deutsche Außenminister blieb in Warschau und traf am Morgen des 10., wie geplant, den Bürgerrechtler und späteren Außenminister Bronislaw Geremek. Dessen freundliche Worte wurden alsbald Geschichte: „Der Fall der Mauer – das bedeutet die Einheit Deutschlands. Das ist auch ein großer Tag für Polen, weil wir damit Nachbarn der NATO, des westlichen Militärbündnisses, und der Europäischen Union werden.“ 1990 war die deutsche Einheit förmlich hergestellt, 2000 der Beitritt Polens zur NATO und 2004 zur EU.

Bürden der Vergangenheit

Der Weg zur internationalen, vor allem aber zur bilateralen Verständigung war freilich schwer und steinig, von und auf beiden Seiten stark belastet. Millionen Menschen haben durch die deutsche Besatzung und Ausrottungspolitik in Polen bis 1945 ihr Leben verloren. Nach Kriegsende wurden auf Beschluss der internationalen Siegermächte bis zu acht Millionen Menschen aus dem früheren Staatsgebiet östlich der Flüsse Oder und Neiße „ausgesiedelt“, nach Westen vertrieben. Die kommunistische DDR hat die Grenze mit ihrem „Bruderstaat“ in der damaligen sowjetischen Hemisphäre gleich 1950 anerkannt, während die demokratische Bundesrepublik, gestützt auf eine Vereinbarung mit den drei Westmächten (USA, Großbritannien und Frankreich) von 1954, die Rechtsfrage der „deutschen Ostgebiete“ einem endgültigen Friedensvertrag mit allen Kriegssiegern vorbehalten wollte. Dazu erklärten die Vertriebenenverbände allerdings schon 1950 feierlich, ihr Recht auf Heimat nur ohne Gewalt durchsetzen zu wollen.

Bis Anfang der sechziger Jahre blieben die (west)deutsch-polnischen Beziehungen allerdings im „Kalten Krieg“ zwischen den großen Blöcken unter amerikanischer und sowjetischer Führung eingefroren. Speziell im zwischenstaatlichen Verkehr beharrte die Bundesregierung in Bonn auf dem „Alleinvertretungsanspruch“: Wer wie Polen diplomatische Beziehungen mit der DDR aufnimmt, kann solche nicht gleichzeitig mit der Bundesrepublik unterhalten.

Erste Schritte zur Annäherung

Die weltweite Entspannungspolitik nach der Kubakrise 1961 belebte auch das deutsch-polnische Verhältnis. 1963 wurde ein erster Handelsvertrag unterzeichnet und eine bundesdeutsche Handelsvertretung in Warschau eröffnet. 1965 setzte sich die Evangelische Kirche in Deutschland mit einer „Ostdenkschrift“ für ein Polen in sicheren Grenzen ein, praktisch also für die Anerkennung der Oder-Neiße-Linie. Gleichzeitig gab es einen Briefwechsel der katholischen Bischöfe beider Länder, in dem der Versöhnungswille nach Krieg und Vertreibung mit der Formel „Wir vergeben und bitten um Vergebung“ unterstrichen wurde. Tatsächlich war die katholische Kirche die größte soziale und für die weitere Entwicklung maßgebliche Macht im kommunistischen Polen.

1970 wurde der "Vertrag zwischen der Bundesrepublik und Polen über die Grundlagen der Normalisierung ihrer Beziehungen" geschlossen. Dazu gehörte ausdrücklich die Unverletzlichkeit der bestehenden Grenzen. Mit seinem Kniefall vor dem Denkmal der Aufständischen im ehemaligen Warschauer Juden-Ghetto (1943) setzte der damalige Bundeskanzler und spätere Friedensnobelpreisträger Willy Brandt ein unübersehbares symbolisches Zeichen für die Anerkennung der deutschen Schuld in der Nazi- und Kriegszeit. Brandt selber zählte zu den Widerständlern gegen die Nazi-Herrschaft.

An den Vertrag von 1970 knüpfte später die denkwürdige Gemeinsame Erklärung vom 12. November ´89 an. Mit dem deutsch-polnischen Grenzvertrag vom 14. November des folgenden Jahres, sechs Wochen nach der deutschen Vereinigung, war die völkerrechtliche Normalisierung und damit die „Nachkriegszeit“ zwischen beiden Ländern endgültig abgeschlossen. Oder fast endgültig: Denn die Entschädigung polnischer Kriegsopfer und Zwangsarbeiter im Nazi-Deutschland konnte abschließend erst im Jahr 2000 geregelt werden – für viele viel zu spät.

Kulturaustausch und geistiger Wandel

Die Wende zum Besseren ist nicht zuletzt immer ein Ergebnis des geistigen Wandels, manchmal über Jahrzehnte. So hat der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) seit 1958 mehr als 30 000 Polen und annähernd 20 000 Deutsche im jeweiligen Partnerland gefördert. Seit 1972 arbeitet eine gemeinsame deutsch-polnische „Schulbuchkommission“ daran, historische und geografische Mythen aus der Welt zu räumen und Gemeinsamkeiten herauszustellen. In Warschau und Krakau stehen jedermann seit nunmehr gut fünfzehn Jahren Goethe-Institute offen. Schon ein Vierteljahrhundert sorgt das Deutsche Polen-Institut in Darmstadt, ein Kind des Übersetzers Karl Dedecius, für die Verbreitung polnischer Literatur in deutscher Sprache.

Umgekehrt beschäftigt sich zumal die Jugend in den heutigen polnischen Westgebieten intensiv mit der deutschen Vergangenheit ihrer Heimat. "Zukunft braucht Herkunft" sagt etwa Dagmara Margiela, die am "Willy Brandt Zentrum für Deutschland- und Europastudien" in Wroclaw, dem früheren Breslau, eine Doktorarbeit über "polnischen Mythen von den ,wiedergewonnenen Gebieten’" bis zur Oder-Neiße-Grenze schreibt. Das 2002 gegründete Zentrum ist eine gemeinsame Ausbildungsstätte der örtlichen Universität und des DAAD für Postgraduates in Politik, Geschichte, Germanistik, Rechts- und Wirtschaftswissenschaften. "Unsere Großeltern", sagt Margiela, "die nach 1945 wie in einer Stunde Null in Polens Wilden Westen kamen, hatten mit der Geschichte der neuen Heimat nichts im Sinn." Diese "Erlebnisgeneration" tritt – wie die der Vertriebenen in Deutschland – jetzt historisch ab. "Uns Jüngeren aber, den Enkeln", betont die Doktorandin, "gibt die tiefere Vertrautheit mit unserer historisch gewachsene Region die nötige Bodenhaftung in der großen Europäischen Union."

Einander kennen lernen und mehr von einander wissen – das ist offenbar ein Zukunftsrezept, das Sicherheit gibt. Dem dient nicht zuletzt das Deutsch-Polnische Jugendwerk, das in den vergangen zwölf Jahren anderthalb Millionen Schüler und Studenten beider Länder zusammenführte.


Hermann Horstkotte
Der Autor ist Historiker an der Technischen Universität Aachen.

Copyright: Goethe-Institut, Online-Redaktion

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